Mit Joachim Witt produzierte er den NDW-Hit "Der goldene Reiter", mit Marius Müller-Westernhagens "Freiheit" die inoffizielle Hymne zur Zeitenwende 1989 - doch der freundliche Schweizer René Tinner, Jahrgang 1953, kommt ohne jede Wichtigtuerei aus. Eigentlich gelernter Schriftsetzer, entwickelte er in den siebziger Jahren mit CAN eine Klangvorstellung, die bis heute unzählige Musiker inspiriert. Später arbeitete er mit internationalen Größen wie Lou Reed, aber auch mit weiteren deutschen Künstlern wie Element of Crime, Fury in the Slaughterhouse, Trio oder Andreas Dorau.
René, was würdest du jemandem raten, der heute Musikproduzent werden möchte?
René Tinner: Vielleicht würde ich raten, einen anderen Beruf auszusuchen (lacht). Wer schnell reich und berühmt werden will, sollte den Beruf des Bankräubers in Erwägung ziehen. Aber im Ernst: Allen anderen rate ich, sich auf ein Leben mit Höhen und Tiefen einzustellen. Die einzige Konstante im Leben eines Musikproduzenten ist die Unregelmäßigkeit, von wenigen Ausnahmen mal abgesehen. Ansonsten gilt: Talent hilft! Die Fähigkeit zum Zuhören ist die oberste Voraussetzung, neben Geduld und Einfühlungsvermögen.
Wie hast du selbst deine Fähigkeit zum Zuhören entwickelt, und seit wann beschäftigst du dich mit Musik?
René: Ich bin in der Schweiz geboren, wo es in meiner Jugend keine eigene Musikszene gab. Prägend für mich waren die Beatles und die Rolling Stones, durch sie war in den sechziger Jahren mein bisheriges Leben in Aufruhr geraten. Das Interesse war also da, und so habe ich während meiner Zeit an der Kunstgewerbeschule lokale Amateurbands kennen gelernt, die ich oft bei deren Auftritten begleitete. Daraus ist eine Art Roadmanager-Tätigkeit entstanden, die mich im Sommer 1974 nach Köln zu CAN gespült hat.
Eine Band, die nicht nur aus außergewöhnlichen Musikern bestand, sondern auch klanglich neue Wege gegangen ist. Wie siehst du heute eure Zusammenarbeit?
René: Die Jahre bei CAN waren sozusagen meine Lehrjahre, und ich hatte mit ihnen die besten Lehrmeister. Alles wurde im eigenen "Inner Space Studio" erarbeitet, einem ehemaligen Kino. Wenn wir nicht dort waren, unternahmen wir ausgedehnte Konzertreisen durch ganz Europa. Abenteuerlich und alles sehr prägend, nicht nur musikalisch. Meine Vorliebe hat sich in dieser Zeit immer mehr in Richtung Studioarbeit entwickelt. Es wurde viel experimentiert, alles war ein Experiment. Das Gesangsmikrofon im Toilettenraum, die mitgeschnittenen Geräusche durch die geöffnete Studiotür, lauter solche Dinge. Wer die Musik von CAN kennt, weiß, was ich meine. Parallel hat sich die Technik von 2-Track bis 16-Track-Aufnahmen entwickelt, also von Viertel-Zoll- bis Zwei-Zoll-Bandmaschinen. Ebenso wuchsen die Mischkonsolen. Das Hören, beziehungsweise das Er-hören der Möglichkeiten, die jede technische Neuerung mit sich brachte, war meine tontechnische Schulung.
1978 haben sich CAN aufgelöst. Wie ging es für dich weiter, und wie bist du letztlich vom Ton-Mann zum Produzenten geworden?
René: Ich bin erst mal für zwei Jahre nach Norddeutschland gegangen, ins "Delta Studio" in Wilster. Das war für die damalige Zeit ein modernes Tonstudio mit einem Regieraum und separaten Aufnahmeräumen, was es bei CAN ja nicht gab. In dieser Zeit habe ich unter anderen für Lou Reed als Toningenieur gearbeitet und natürlich auch für die Hamburger Musikszene. Die ersten programmierbaren Mischkonsolen kamen damals auf den Markt, und hier war meine Chance. Ich konnte ins Arrangement eingreifen, ohne unter Umständen etwas zu zerstören. Diese Mischpulte mit der aufkommenden Vielzahl an Peripherie-Geräten waren meine Instrumente.
Im "Delta Studio" lernte ich auch Joachim Witt kennen, mit dem ich dann später im Studio von CAN und mit deren altem Equipment das Album "Silberblick" produziert habe. Das wurde ein großer Erfolg und hat mir die ersten Produzententantiemen beschert. Die technischen Möglichkeiten waren sehr begrenzt, das hat uns aber nicht im Geringsten behindert. Im Gegenteil, wir wollten uns bewusst einschränken. Aus dieser Produktion ist dann die CAN Studio GmbH entstanden, die ich anfangs noch mit Holger Czukay (CAN-Bassist, A. d. Red.) als Geschäftspartner, später dann allein betrieben habe. Dabei war der befreundete Produzent und Studiobetreiber Conny Plank ein ganz wichtiger Mann für mich, ohne seine Hilfe und seinen Zuspruch wäre das alles nicht möglich gewesen. Er ist leider viel zu früh verstorben.
Anfang 2002 trat dann das Deutsche Rock'n Popmuseum aus Gronau an mich heran, weil sie Exponate suchten. Nach einem Besuch des CAN Studios war den Museumsbetreibern klar - nur das Gesamtwerk CAN Studio ergibt Sinn. So ist es dann 2003 zum Verkauf des kompletten Studios ans Museum gekommen.
Vorher sind dort einige prägende Aufnahmen entstanden, unter anderem hast du mit Marius Müller-Westernhagens "Halleluja" eines der erfolgreichsten deutschen Alben co-produziert. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
René: Mitte der Achtziger hat Kralle, der Gitarrist von Trio, die auch im CAN Studio ihre zweite LP produziert haben, einige Konzerte mit Marius gespielt. Kralle schwärmte bei Marius von der Atmosphäre des Studios, und eines Tages sind die beiden mit Marius’ Produzent Lothar Meid bei mir im Studio erschienen. Wir haben uns gut verstanden, und in dieser Konstellation sind dann zwei LPs entstanden, die ich als Toningenieur betreute und Lothar Meid produzierte. Bei beiden Werken wurde viel programmiert, eine Band hat zu diesem Zeitpunkt nicht existiert.
Marius hat sich danach von Lothar getrennt und mich gefragt, ob ich mit ihm zusammen das nächste Album produzieren will. Wir stellten eine Band zusammen und brachten alle gleichzeitig ins Studio. Alles wurde gemeinsam eingespielt, bewusst im Kontrast zu den Vorgängerproduktionen. Daraus entstanden die Platten "Westernhagen", "Halleluja", und "LIVE", letztere wurde natürlich nur gemischt im Studio.
Wie ging dein Weg im Anschluss weiter, und woran arbeitest du aktuell?
René: Seit Anfang der Achtziger bis Anfang der Zweitausender habe ich so um die 100 LPs im CAN Studio zusammen mit den jeweiligen Klienten bewerkstelligt. Eine Veränderung wurde notwendig, da kam der Verkauf an das Museum wie gerufen. Schon lange vorher hatte sich meine Zusammenarbeit mit Irmin Schmidt (CAN-Keyboarder, A. d. Red.) intensiviert. Er lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren in Südfrankreich als Komponist, unter anderem für Film- und TV-Produktionen. Inzwischen habe ich für ihn an zahlreichen Musiken für Film, TV und Theater mitgewirkt.
Was hat dich außerhalb der Musik geprägt, was hat dir vielleicht geholfen, Künstler produktiv zu machen? Und - wie haben dich die Begegnungen mit so vielen Künstlern selbst geprägt?
René: Ich bin immer viel gereist und habe mir die Welt angesehen, war Fremdem und Neuem gegenüber aufgeschlossen. Außerdem habe ich das Glück, mit interessanten Leuten zu arbeiten. Natürlich gibt es sehr unterschiedlich Charaktere unter den Künstlern, mit manchen habe ich mich angefreundet, manche habe ich als Freunde gewonnen, andere wiederum habe ich nie mehr gesehen. Ich denke, das ist auch okay so.
Lass uns noch kurz auf die Technik zu sprechen kommen. Du hast über die Jahre viel Erfahrung mit immer neuen Geräten gesammelt. Wie siehst du die Entwicklung der vergangenen Jahre?
René: Mit dem digitalen Zeitalter hat sich fast alles verändert, außer bei Mikrofonen und Lautsprechern, die eigentlich so geblieben sind. Die Kombination von digitaler und analoger Technik finde ich sinnvoll. Aber: Die Musik macht den Ton, das heißt die Idee, die Vision ist wichtiger als eine ausgefallene Technik. Shit in - Shit out!
Zum Abschluss - was ist dein goldener Tipp für Nachwuchsproduzenten?
René: Fördernd ist Beharrlichkeit (schmunzelt).



