Wie sieht dein Berufsalltag aus? Kein Tag ist wie der andere. Vorrangig bin ich mit Bandproduktionen als Audio Engineer und Producer beschäftigt. Ein Studiotag fängt in der Regel nicht vor zehn Uhr morgens an, aber bei Tageslicht kommt man nicht aus dem Studio raus. Daneben hat der Job des Audio Engineers viel mit Organisation zu tun. Angebote oder Rechnungen stellen, Meetings, Telefonate, Wartungsarbeiten oder auch mal das Studio aufräumen. Es ist nicht so, dass sich die Stars täglich die Klinke in die Hand geben. Unterm Strich bleibt es ein Job. Ein Job jedoch, der aus meiner Sicht jedem Bürojob vorzuziehen ist.
Auf welche Fähigkeiten kommt es an? Ich sag immer: Den Aufnahme-Knopf kann jeder drücken. Die Beherrschung der Tontechnik oder das Kaufen von Equipment macht keinen Tontechniker aus. Wer langfristig erfolgreich sein will und die Chance bekommen möchte, mit interessanten Künstlern zu arbeiten, muss ein Gespür für Momente haben. Die Kommunikation mit allen Beteiligten muss stimmen, und man muss sauber, professionell und als Teil eines Teams arbeiten können.
Was sind Sonnen- und Schattenseiten? Die Sonnenseite sind die magischen Momente im Studio. Im Laufe einer Produktion entwickelt man seinen eigenen Mikrokosmos, und es beginnt ein Vibe aller Beteiligten - man versteht sich blind und es passieren komische Begebenheiten. Das ist die Droge, die einen süchtig nach Tonstudioarbeit macht und die einen vergessen lassen, dass man diesen Job eben auch deswegen macht, weil man damit seinen Lebensunterhalt bestreitet. Die Schattenseite ist die freiberufliche Tätigkeit mit dem anfänglichen Überlebenskampf, die langen Arbeitszeiten an Wochenenden, Feiertagen oder in den Ferien, der hohe Konkurrenzdruck und der allgemeine Wertigkeitsverlust von Popmusik. Im Internetzeitalter wird Musik anders konsumiert - sie ist noch mehr allgegenwertig, nur nicht mehr "wertig".
Wie bist du geworden, was du bist? Ich bin über die Musik zur Tontechnik gekommen. Erst klassische Instrumentenausbildung an Mandoline und Gitarre, dann die erste Band und erste eigene Lieder. Und weil in jeder Band jemand gebraucht wird, der die Aufnahmen für die Demo-CD erstellt oder die Live-Technik übernimmt, hab ich mir das einfach angelesen, ausprobiert und Erfahrung gesammelt. Später auch für andere Bands. Auf der Suche nach einem CD-Presswerk habe ich die music support group entdeckt und festgestellt, dass es hier auch Tontechnikausbildungen gibt. Also schrieb ich mich ein, um mein solides Halbwissen zu perfektionieren. Beim Praktikum bei Gerhard Wölfle (Guano Apes, Donots, Bananafishbones) gingen mir dann richtig Augen und Ohren auf. Hier hab ich gelernt, welche Tugenden und Selbstbeherrschung es braucht, um ein guter Tontechniker zu sein. Inzwischen betreue ich bei der msg das Studio 2 der Dorian Gray Studios als Audio Engineer und Producer.
Welche Tipps hast du für Einsteiger? Mir hat man die Weisheit eingebläut: „Auf Erfolg kann man nicht hinarbeiten, er lässt sich nur verhindern." Das heißt, dass es keine schlechten Jobs gibt, sondern es gibt Jobs oder eben nix zu tun. Die stetig wachsende Referenzliste und der eigene Name im CD-Booklet bleibt die beste Visitenkarte. Beständiges Arbeiten schafft Erfahrung, und mittel- und langfristig setzt sich Qualität immer durch. Dank der fortschreitenden Computerisierung und den damit verbundenen niedrigen Anschaffungspreisen ist der Einstieg in den Tonbereich einfacher denn je. Der Weg als Runner oder Assistent im Studio auf dem Weg zum Tontechniker bringt einen am ehesten in die Branche. Step by Step. Und vor allem sollte man Wissen in sich aufsaugen: Wie macht Engineer xy seinen Sound, welches Gerät kann was? Die Beherrschung der Technik darf der Kreativität aber nie im Weg stehen.
Bastian Hager, Jahrgang 1979, arbeitet als Audio Engineer und Producer in den Dorian Gray Studios in Eichenau bei München. An der Akademie Deutsche POP unterrichtet er in den Fachbereichen Ton, Musik und Management am Standort München.



