Achim, mal davon abgesehen, dass du offensichtlich Spaß daran hast - lohnt sich die Arbeit mit jungen Bands heute noch?
Achim: Ich kann mir maximal zwei bis drei Bands pro Jahr leisten. Die fördere ich mit dem Ziel, dass es zu einem Labeldeal kommt und dadurch auch Geld an mich zurückfließt. Aber das kann halt auch schief gehen. Dann machen wir eine Eigenveröffentlichung und geben weiter Gas, damit die Band einfach in diese Spirale reinkommt, die nach oben führt. Du musst aufspringen auf diesen Weg, der langsam hoch geht, damit die Bands spielen können. Also machen wir eine Veröffentlichung, dann nehmen wir eine Booking-Agentur dazu, ein Management und so weiter.
Gibt es Abkürzungen auf diesem Weg?
Achim: Die beste Abkürzung ist immer noch, wenn die Band einen Hit schreibt (grinst). Eben einen Song, der so geil ist, dass eigentlich keiner dran vorbei kann. Dann muss jemand kommen und das verstehen und weiter vorantreiben. Ein gutes Produkt öffnet immer noch Türen. Und dann gibt es auch noch Produktionsbudgets, die okay sind.
Sagen wir, das Budget ist abgeklärt und die Band kommt zu dir ins Studio. Wie geht's dann weiter?
Achim: Ich sehe mich als klassischen Bandproduzenten, das heißt, ich kann nur das rausholen, was sie mitbringen. Wenn der A&R sagt, wir brauchen einen Hit, schreib ich den also nicht und drücke ihn der Band aufs Auge. Ich helfe vielleicht bei Arrangements, Vocal Lines, Harmonien, Gitarrenvoicings, aber beim Songwriting halte ich mich raus. Wenn ich spüre, der Refrain kommt noch nicht auf den Punkt, schicke ich sie lieber noch mal zwei Tage heim, damit sie das selber lösen. Wenn alles steht, brauchst du nach meiner Erfahrung 24 Studiotage für ein geiles Album, inklusive Mix. Man muss sich ranhalten, hat aber trotzdem ein bisschen Zeit. Und das ist ja das, was Platten früher rund und besonders gemacht hat, weil man einfach experimentiert hat, und keiner wusste, was passiert. Ich will auch nicht, dass die Band mir eine ProTools- oder Logic-Session gibt. Die sollen erst mal selbst einspielen, live, Amps offen, Vollgas mit Übersprechen und allem. Da kommen zum Teil extrem gute Takes raus und man merkt, okay, wir brauchen dann doch keinen Klick, scheiß doch auf den Klick (lacht).
Wie entwickelst du die Soundvorstellung für eine Platte? Und wie bekommst du diese Vorstellung aufs Band?
Achim: Den Sound versuche ich zu entwickeln, wenn die Band live spielt. Natürlich orientiert an Referenzen, aber wenn kein Mesa-Boogie-Verstärker da ist, brauche ich auch diese Sounds nicht. Tolle Platten haben eine gewisse Atmosphäre. Die kreiert man nicht durch den geilsten Snare-Sound der Welt, sondern, indem man der Band zuhört und gemeinsam das stärkste, stimmigste Produkt entwickelt, das zu dem Zeitpunkt möglich ist. Natürlich mache ich mir Gedanken, was zum Beispiel ein Sänger brauchen könnte, ich stell auch mal Teelichter auf. Aber anders als das, was man in den Medien sieht, sehe ich keinen Sinn darin, jemanden über seine Leistungsfähigkeit hinaus zu pushen. Dazu kommt, dass ich Sachen direkt entscheide. Ich höre mir nicht fünf Variationen einer Gitarre an, dafür ist das Leben zu kurz. Nur in einer A&R-Situation behalte ich mir ein paar Schmankerl, um schnell auf Änderungswünsche reagieren zu können. Aber sonst habe ich meine 40 Spuren, und dann ist es auch gut.
Wenn ich nun auch Musikproduzent werden will, was würdest du mir raten?
Achim: Ganz wichtig ist eine fundierte musikalische Ausbildung, weil es in der Sprache und im Umsetzen extrem viel bringt. Als Toningenieur geht es vielleicht noch ohne, aber für mich als Produzent ist es das A und O. Und dann immer denken, man macht es schon richtig, aber man ist nie fertig (grinst).
Zum Abschluss: Was sind deine fünf besten Studiotipps für den amtlichen Achim-Lindermeir-Sound?
Achim: Erstens: Kauft euch 'ne Neve-Konsole (lacht). Obwohl, eigentlich ist das Quatsch, Equipment ist nicht so wichtig, wie man denkt. Der bessere Tipp ist vielleicht: Kauft euch Bändchen-Mikrofone und Gitarrenpedale bis zum Abwinken. Zweitens: Verzerren, verzerren, verzerren! (lacht) Drittens: Kennt den Song, den ihr aufnehmt, in- und auswendig. Viertens: Nehmt nur das auf, was ihr genau so auch aufnehmen möchtet. Fünftens: Liefert in der Interaktion das, was der Musiker braucht, von nett sein bis beschimpfen. Ach ja, und sechstens: Benutzt mehr Pauken!
Im ersten Teil des Interviews spricht Achim Lindermeir über das Geheimnis seines Erfolgs, die Arbeit mit Itchy Poopzkid und andere aktuelle Projekte (siehe weitere Artikel).
Kurzinfo: Achim Lindermeir
- geboren 1971
- 1992: Diplomstudium Gitarre am American Institut of Music, Wien
- 1995: Gitarrist bei Frank's Chop House, ZYX Records
- 1998: Gitarrist bei Keilerkopf, Motor/Universal
- 1999: Projektstudio nfb studio, Erbach
- seit 2001: freiberuflicher Produzent und Tontechniker



