Mittwochabend, halb sieben in Augsburg. Der Soundcheck für das Konzert in der Musikkantine ist gelaufen, aber Achim Lindermeir muss vor dem Interview "noch mal eben was löten." Ein Stromkabel fehlt, der nachgekaufte Stecker passt auch nicht, also muss spontan das Kabel eines Ventilators herhalten. Später wird Achim die Band live mischen, die ihm auch als Produzent den Erfolg gebracht hat: die MTV-Größen Itchy Poopzkid. Wie es dazu kam und wie er heute arbeitet, berichtet er im Interview mit musicsupporter.de.
Achim, du stehst hier bei einem Live-Konzert am Pult. Keine Lust mehr auf Studioproduktionen?
Achim Lindermeir: Doch, natürlich. Ich bin sogar gerade mit meinem Studio in komplett neue Räume gezogen. Live-Sound habe ich aber schon immer gern gemacht, das läuft nebenher und wird mal mehr, mal weniger. Trotzdem freue ich mich sehr auf die Arbeit in der neuen Struktur, mit einer eigenen Regie im House of Music.
Wie kam es zu dem Umzug?
Achim: Das Gebäude, in dem ich mein Schaltraum-Studio hatte, wurde aufgekauft, da soll ein Einkaufszentrum draus werden. Der Kontakt zum House of Music besteht schon lange, ich hatte denen mal eine Neve-Konsole vermittelt und bin eigentlich nur hingefahren, um mir die anzuschauen. Dabei haben wir uns nett unterhalten, und so kam eines zum anderen. Alex Kilb (der Studioinhaber, Anm. d. Red.) arbeitet ganz anders als ich, viel in der Pop-Ecke. Wir nehmen uns also nicht die Butter vom Brot, sondern befruchten uns eher.
Die neuen Kollegen freuen sich auch. Auf der Homepage wirst du als "einer der renommiertesten Indie-, Punk- und Alternative-Produzenten der deutschen Musikszene" angekündigt. Was ist dein Geheimnis?
Achim: (lacht) Das ganze Geheimnis ist, ich mache nichts anders als irgendjemand sonst. Klar hat Schaltraum in Alternative-Kreisen einen gewissen Namen, aber da gibt es noch ganz andere. Zum Beispiel Moses Schneider (produziert unter anderen die Beatsteaks, Anm. d. Red.), von dem ich auch persönlich viel gelernt habe.
Du hattest als Gitarrist von Keilerkopf einen Major-Deal, Moses hat produziert. Wie kam es dazu?
Achim: Das Konzept mit Samples, härterer Live-Gitarre, Raps und Gesängen mit deutschen Texten hat wohl ganz gut in die Crossover-Welle gepasst. Wir haben riesige Videos gedreht, Touren gespielt, mit der Bloodhound Gang, den H-Blockx und anderen, dazu kam viel MTV-Zeugs, Snowboard-Openings und so. Trotzdem lief das erste Album nicht so, wie es sich alle erwartet hatten. Irgendwie wussten wir, wahrscheinlich ist das zweite Album unser letztes. Also haben wir Vollgas gegeben und als Produzent Moses geholt. Dann Drums im "Hansa" (traditionsreiches Berliner Tonstudio, Anm. d. Red.) aufgenommen, fast alles andere in meinem eigenen kleinen Projektstudio, den Feinschliff in Moses' "Transporterraum" erledigt und den Mix im "Skyline" (Mix- und Mastering-Studio in Düsseldorf, Anm. d. Red.). Wir haben Bläser aufgenommen, Pauken, alles worauf wir Bock hatten. Was kommerziell natürlich der Vollflop war (lacht). Dafür hat mich Moses beeindruckt. Ich kenne auch bis heute niemanden, der zu 120 Prozent im Projekt ist. Immer. Den lässt das nicht los.
Diese Erfahrungen hast du nach dem Ende der Band für eigene Produktionen genutzt, unter anderen mit Itchy Poopzkid. Wie kam es dazu?
Achim: Ich hab den Manager kennen gelernt über irgendeine Jury von irgendeinem Nachwuchswettbewerb. Also hab ich mir das angeschaut - gute Songs, geile Attitüde, aber die waren noch wahnsinnig jung, und spielerisch musste auch noch viel passieren. Aber da war so ein Feuer, also hab ich gesagt, lass uns mal was machen, ein billiges Demo. Damit sind wir hausieren gegangen, und es fanden auch alle ganz gut, aber halt noch nicht fertig. Die Jungs haben gespielt wie verrückt, haben ihre Gigs selber gebucht und auch Praktika in der Branche gesucht, um Leute kennen zu lernen. Ein Jahr später haben wir wieder ein Demo gemacht, aber wieder keine Zusage. Daraufhin wollten sie auf eigene Faust ein Album machen und hatten auch ein bisschen Geld, damit haben wir dann Drums im "Horus" (Tonstudio in Hannover, Anm. d. Red.) aufgenommen. Ich wollte das eintüten, also haben wir es bewusst von jemandem mischen lassen, der in der Industrie einen Namen hat, das war Gerhard Wölfle (Guano Apes, Donots, Anm. d. Red.) in den Münchner Dorian Gray Studios. Mit dem Album haben wir dann auch tatsächlich den Deal einkassiert. Und dann über drei Alben immer weiter gearbeitet.
Was machst du aktuell, wenn du nicht gerade mit den Itchies unterwegs bist?
Achim: Die jüngste Produktion war Pink's Not Red. Das ist die wohl verkannteste deutsche Band überhaupt, die sind fantastisch! Musikalisch hören viele die Beatsteaks darin, weil der Sänger so eine Farbe in der Stimme hat. Aber die Band ist keine Beatsteaks-Band, die klingen einfach nach Pink's Not Red (lacht). Daher auch viel Einsatz von mir, auch als Verleger. Ich habe mit einem Partner zusammen die Edition "Guter Ton" bei "Melodie der Welt" (einer der führenden unabhängigen Musikverlage, Anm. d. Red). Die Aufgabe ist ganz klar: Nachwuchsförderung in Süddeutschland. Unser neuestes Signing sind The Rising Rocket, die genau wie Pink's Not Red den Coca-Cola-Soundwave-Wettbewerb gewonnen haben. Die gehen jetzt nach Schweden und nehmen mit dem Mando-Diao-Produzenten (Ronald Bood, Anm. d. Red.) auf. Unser Job ist es, die Band weiter an ein Label zu bringen.
Im zweiten Teil des Interviews spricht Achim Lindermeir über die Arbeit mit jungen Bands und gibt Tipps für alle, die Musikproduzent werden wollen (siehe weitere Artikel).
Kurzinfo: Achim Lindermeir
- geboren 1971
- 1992: Diplomstudium Gitarre am American Institut of Music, Wien
- 1995: Gitarrist bei Frank's Chop House, ZYX Records
- 1998: Gitarrist bei Keilerkopf, Motor/Universal
- 1999: Projektstudio nfb studio, Erbach
- seit 2001: freiberuflicher Produzent und Tontechniker



