Was es ist: Das Taschenbuch ist eine Sammlung fundierter Interviews. Es ist das Ergebnis eines wissenschaftlichen Projekts, dessen These ist, dass wir auf dem Weg in eine Casting-Gesellschaft sind, in der Image und Ich unauflösbar verschmelzen. In Zeiten höchst erfolgreicher Formate wie "DSDS", "Dschungelcamp" oder "Germany's Next Topmodel" hat die Kultur permanenter Selbstdarstellung und der gezielten Inszenierung Hochkonjunktur. Zu diesem Thema befragten Studierende der Universität Tübingen, angehende Journalisten allesamt, 26 Showstars, PR-Profis, Politiker, Manager, Netzexperten, Musiker oder Medienkritiker. Zu Wort kommen unter anderen Ex-Ministerpräsidentin Heide Simonis, die RTL-Moderatorin Inka Bause, die TV-Komödiantin Anke Engelke oder der Musikproduzent Frank Farian. Ergänzt werden die Gesprächsprotokolle durch den einleitenden Aufsatz "Die Casting-Gesellschaft" der beiden Herausgeber: Wolfgang Krischke ist Journalist, Autor und Lehrbeauftragter für Linguistik; Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft.
Wer es liest: Alle, die Casting-Shows gucken und hinter die Kulissen der Inszenierung blicken möchten. Wer selbst von einer Karriere in den Medien träumt - egal ob Musik-, TV-, PR- oder Model-Business -, sollte das Buch besonders gründlich lesen: In den zuweilen kritischen Antworten der Akteure steckt viel Insider-Wissen, das in der sonst üblichen medialen Darstellung viel zu kurz kommt.
Was schön ist: Die Interviews basieren auf gründlich recherchierten und gut vorbereiteten Gesprächen, weshalb das Frage-Antwort-Spiel so gut wie nie in Plauderei ausartet, sondern meist auf den Punkt kommt. So spricht Fiona Erdmann durchaus kritisch über die Karrierechancen eines Casting-Models und über Show- und Vertragsdetails von "Germanys Next Topmodel"; Thomas M. Stein, ehemaliges Jury-Mitglied bei "DSDS", appelliert an die Kritikfähigkeit der Eltern; und der Fernsehkritiker Oliver Kalkofe fordert mehr Ehrlichkeit in den Medien. Die Form der "investigativen Medienforschung", wie Pörksen die angewandte Methode bezeichnet, ist nicht nur erhellend, sondern auch unterhaltsam.
Was schade ist: Die Medienwelt verändert sich schnell - ähnlich schnell dürften die Erkenntnisse aus den Gesprächen veralten, weshalb das Projekt nur eine Momentaufnahme einer möglichen Casting-Gesellschaft sein kann. Außerdem fehlt dem wissenschaftlich anspruchsvollen Buch ein Index, der die gezielte Suche nach Schlagwörtern erleichtern würde.
Die Casting-Gesellschaft - Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien, von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke (Hrsg.), Edition Medienpraxis 8, Halem-Verlag 2010, 346 Seiten, ISBN 978-3869620145, 18 Euro.


