Deutsche POP - Ausbildung in Musik und Medien
musicsupporter.de  »  Musik  »  Artikel – Wortkunst für Gesangskünstler (Teil 2)

Wortkunst für Gesangskünstler (Teil 2)

07. Dezember 2010, von  Michael Zirnstein
Er ist einer der erfolgreichsten Songschreiber des jungen deutschen Pop: Frank Ramond hat unter anderen Annett Louisan und Roger Cicero mit seiner Dichtkunst aufgewertet. Im zweiten Teil des Interviews erklärt der Hamburger, was einen guten Reim ausmacht und wie man lernt, gut zu texten.
Frank Ramond (Fotos: 105music GmbH).

Warum spielen Sie so viel mit Worten?

 

Ramond: Ich finde es wichtig, einen Text auf mehreren Ebenen interessant zu gestalten. Wenn möglich, sollte es eine sprachliche Besonderheit geben. Zum Beispiel bei "Eve" von Annett. Da ist die äußere  Form, dass sich alles auf  "iv" reimt: negativ, positiv, attraktiv, inovativ, naiv – "na, Eve". Die Leute merken: Das hört ja gar nicht mehr auf. Ein Hinhörer! Und trotzdem erzählt man auch eine pointierte Geschichte.

 

Was macht einen guten Reim aus?

 

Ramond: Bei einem Liedtext braucht man den Kehrreim. Das heißt: Die Katze muss nach der Hälfte schon halb aus dem Satz. So hat man die erste Strophe. Dann kommt der Refrain und löst es auf. Aber dann kommt ja noch eine zweite Strophe und vielleicht kommen sogar noch mehr Zeilen. Da muss man immer noch Munition haben für einen Überraschungsangriff.

 

Sie lieben es, ein Thema auszureizen: Wie bei "Ein windiger Typ" auf Ihrer Solo-Platte. Keine Zeile ohne Bö, Sturm, pfeifen, aufblasen, aussaugen, verpuffen, Brise, Düse, flattern, fönen und so weiter.

 

Ramond: Ja richtig. Das Thema richtig durchdeklinieren! Wenn man mit Sprache arbeitet, muss man mit Spaß bei der Sache sein, dass man auch wirklich alles herholt, was dazu passt. Und das dann auf den Tisch legen und schauen: Mensch, was kann ich daraus puzzeln?

 

Was empfehlen Sie, um das zu lernen? Viel Reinhard Mey hören, Kästner lesen und Bob Dylan übersetzen?

 

Ramond: Das sprachliche Geschick muss man schon mitbringen. Aber sicher ist es eine gute Übung, zu gucken, wie andere das machen. Ich persönlich habe Jura studiert, das schult einen, ganz kleinlich mit der Sprache umzugehen. Auch dieses Definieren: Was heißt dieses Wort genau? Ich bin übrigens großer Anhänger von Milan Kundera. Aber auch Woody Allens fatalistischen Humor finde ich sehr inspirierend.

 

Jetzt haben Sie sich erstmals auf einem eigenen Album austoben können? Ist das dann Ramonds Resterampe?

 

Ramond: Alles neu geschrieben! Natürlich sind es Gedanken, die mir schon länger im Kopf herumspuken, die aber nicht zu anderen passen, weil meine persönliche Sicht der Dinge weicht natürlich extrem ab von Ina, Annett oder Roger. Ich bin ja auch ein paar Jahre älter und habe Dinge zu erzählen, die bei den anderen alt klingen würden.


Im ersten Teil des Interviews gibt Frank Ramond Einblicke in seine Arbeit und erklärt, worauf in seinem Job ankommt (siehe weitere Artikel).


Beispiele der Textkunst von Frank Ramond

 

"Prenzlauer Zwerg"
Interpret: Frank Ramond
Album: „Große Jungs“ (2009)

 

Ich bin der weltweit größte Zwerg
Der klügste Depp der flachste Berg
Der abgefah'nste Spießertyp
Der arbeitsame Tagedieb
Die allerschnellste Schnecke der Welt
Ich bin der größte Zwerg
Der Typ der mit Abstand am meisten nervt
Das maximale Maximum
Das längste Provisorium
Das hat ich dir noch gar nicht erzählt.


"Das Spiel"
Interpret: Annett Louisan
Album: "Bohème" (2004)

 

Dass du nicht mehr bist
Was du einmal warst
Seit du dich für mich
ausgezogen hast

Dass du alles schmeißt
Wegen einer Nacht
Und alles verlierst
War so nicht gedacht

Du willst mich für dich
Und du willst mich ganz
Doch auf dem Niveau
Macht’s mir keinen Spaß

Das füllt mich nicht aus
Ich fühl mich zu Haus
Nur zwischen den Stühlen

Ich will doch nur spielen
Ich tu doch nichts


"Boutique"
Interpret: Roger Cicero
Album: "Artgerecht" (2009)

 

Ich hatte ihr vor ein paar Wochen,
versprochen mit ihr shoppen zu gehen.
Und jetzt versucht sie mich zu testen,
mit Jacken und Westen, die ihr sicher nicht stehen.

Wenn ich jetzt sage: "Find' ich gut."
wird sie puterrot vor Wut,
so blöd bin ich nicht.
Am Anfang heuchelt man Kritik,
erst so beim Siebten ruft man: "Schick!",
so bleibt man glaubwürdig.

Wie komm' ich raus aus der Boutique - ohne Krieg?
Wie komm' ich raus aus diesem Laden - ohne Schaden?


"Bye Bye Arschgeweih"
Interpret: Ina Müller
Album: "Weiblich, ledig, 40" (2006)

 

Bye Bye Arschgeweih
ich geb' dich zum Lasern frei.
Out bist du mein Steiß Tattoo.
Unsere Jahre sind vorbei.
Du hast meinen Po gekrönt
und jetzt bist du so verpönt.
ich mach Schluss mit dir
und der nervigsten Frage von allen:
Wie tief kann eine Jeans noch sinken,
ohne zu fallen?