"In Farbe" ist ein sehr positives, vorwärtsdrängendes Album mit Songtiteln wie "Mein Leben ist super" oder "Immer einen Grund zu feiern". Ihr sagt, dass man gerade jetzt Träume haben muss. Woher nehmt ihr euren Optimismus und welche Träume habt ihr selbst?
Johannes Strate: Unser Traum war schon immer, Musik zu machen. Wir haben uns 2002 gefunden mit dem Ziel, so viel Musik wie möglich zu machen. Seit 2005 (Vertrag mit Sony, A. d. Red.) machen wir von morgens bis abends Musik. Wir haben in den letzten Jahren 600 Konzerte gespielt, insofern können wir sagen: Es ist wahnsinnig gut gelaufen, und da ist man dann auch euphorisch und optimistisch. Als wir angefangen haben, Songs für die neue Platte zu schreiben, ist das dann einfach so ein positiver Film geworden.
Mehr Optimismus wagen in Krisenzeiten, ist das eure Botschaft?
Johannes: Wir waren irgendwann genervt von diesem wahnsinnigen Selbstmitleid, das durch die Wirtschaftskrise aufkam. Das ist ja auch Scheiße für den Staat, und man denke an all die Einzelschicksale! Aber dann noch Selbstmitleid obendrauf zu packen, bringt niemandem etwas. So eine Zeit ist immer auch eine Chance. Die Uhren werden auf Null gestellt, und es ergibt sich etwas Neues. Mittlerweile muss man sagen: Wir sind die Generation flexibel. Es ist ja nicht mehr so, dass du eine Ausbildung machst und dann 40 Jahre in deinem Job bist. So wie ich das von meinen Eltern kennen. Sondern es ergibt sich alle zwei, drei Jahre etwas Neues. Und da muss man flexibel im Kopf sein. Wir wissen, wie schwierig die Zeiten gerade in der Musikindustrie sind. Deshalb sind wir total dankbar dafür, wie es für uns in den letzten Jahren gelaufen ist. Wir haben eine große Zeit da draußen!
Ihr hattet viel Glück in eurer steilen Karriere. Gab es auch Momente des Zweifelns?
Johannes: Natürlich, gerade in der Zeit vor 2005, als wir bei der Sony unter Vertrag genommen wurden, hatten wir sehr viele Zweifel. Es gab Diskussionen, und nichts passte zusammen. Und dann sagten Labels ab mit den fadenscheinigsten Begründungen: Gib mal ein Keyboard rein, schmeiß mal eine Gitarre raus – völlig absurde Sachen. Aber da waren wir uns gegenseitig eine gute Hilfe. Wenn einer mal eine Krise hatte, dann haben ihn die anderen vier wieder aufgebaut, und so hat uns das Ganze zusammengeschweißt. Als dann der Erfolg kam, waren wir eine supergute Einheit. Es ist wichtig für eine Band, am Anfang oder auch zwischendurch mal durch die Scheiße zu gehen. Wenn es mal schlecht läuft, weiß man die guten Zeiten besser zu schätzen. Leute, die schnell mal ein Casting durchlaufen, kennen das nicht. Die wissen nicht, wie es sich anfühlt, vor Null Leuten zu spielen oder keinerlei Kohle zu haben.
Ihr habt den Ruf, als Band alle technischen Möglichkeiten auszuschöpfen: Live-Übertragungen von Konzerten im Internet, gepflegte Online-Auftritte, Foren. Wie wichtig ist euch das?
Johanes: Wir haben von Anfang an unsere Webseiten gepflegt. Facebook, MySpace, Twitter – das machen wir alles selber. Gerade eben vor zwei Minuten habe ich bei Facebook noch ein Foto hochgeladen. Wir schreiben Tourtagebücher, drehen Podcasts, haben einen YouTube-Channel. Das Internet war uns immer schon sehr wichtig. Die direkte Kommunikation mit den Fans wird dadurch erleichtert. Das ist für uns ein sehr wichtiges Kriterium.
Trotz der Möglichkeiten im Internet seid ihr eine sehr bodenständige Band, die großen Wert auf das Touren legt. Was ist euer Erfolgsprinzip?
Johannes: Für uns war enorm wichtig, dass wir wahnsinnig viele Shows gespielt haben. Wir haben am Anfang jede Möglichkeit ergriffen – und wenn es am anderen Ende von Deutschland war und keine Gage gab. Dann haben wir uns ins Auto gesetzt und sind da hingefahren. Das Geld, das wir uns durch Pizzaausfahren oder Tennistraining verdient hatten, haben wir in eine gemeinsame Kasse gehauen und davon die Kosten gedeckt, wenn mal wieder neue Saiten auf die Gitarre mussten. Klar, es ist wichtig, all diese Felder von Internet bis Radio zu beackern, aber noch wichtiger ist es, viele Songs zu schreiben, immer wieder schreiben, schreiben, schreiben, schreiben, Demos aufzunehmen, seine Ideen festzuhalten und jeden Auftritt zu spielen. Auch wenn das Schmerzen bedeutet.
Was können junge Bands tun, wenn sie trotzdem nicht vorankommen?
Johannes: Das ist ein schwieriger Punkt. Je größer die Musikkrise ist, desto weniger Newcomerbands werden von der Industrie unterstützt. Sich da immer wieder zu motivieren, ist natürlich schwer. Bei uns hat es drei Jahre lang gedauert, aber ich kenne auch Bands, da hat es fünf oder zehn Jahre gedauert – oder es passiert eben nie. Das muss man auch sagen. Die Energie, sich ständig zu motivieren, muss aus dem Inneren der Band kommen. Man muss es um jeden Preis wollen. Von dem Prinzip: Mal kucken, was daraus wird, halte ich wenig. Man muss sagen können: Wir wollen es auf jeden Fall wissen! Aber ich verstehe auch, wenn den Leuten irgendwann die Luft ausgeht. Das ist halt leider in der Branche so.
Welche Fehler habt ihr gemacht, aus denen ihr am meisten gelernt habt?
Johannes: Grobe Fehler kann ich jetzt gar nicht nennen. Klar macht man hier und da Kleinigkeiten falsch. Wir mussten mit unserem Namen dreimal nachlegen, weil wir uns erstens bescheuerte Namen gegeben haben (Manga, Tsunamikiller, A. d. Red.) und zweitens nicht wussten, dass man vielleicht auch mal checkt, ob die irgendwo gesichert sind. Das war dann natürlich immer der Fall, also mussten wir uns ständig umbenennen. Irgendwann haben wir das dann gerafft und uns Revolverheld genannt – und das auch sichern lassen. Rechtlich muss man immer auf der Hut sein, und wenn es um Verträge geht, würde ich immer einen Anwalt dazuziehen. Und man muss immer an die richtigen Leute kommen – auch da hatten wir großes Glück.
Deine Mutter ist Pianistin, du hattest mit zehn Gitarrenunterricht und mit 15 deine erste Band. Wann hast du gemerkt, dass Musik deine große Leidenschaft ist, die dein Leben bestimmen sollte?
Johannes: Ich hab als Dreijähriger schon gesungen! Wenn meine Mutter spielte, habe ich unterm Klavier gelegen und die klassischen Dinger mitgesungen. Ich hab zwar von Klassik noch immer keine Ahnung, aber egal. Mit fünfzehn dann, als wir die erste Band gegründet haben, hieß es plötzlich: Einer muss singen. Und da hab ich dann gesagt: Okay, ich mache das mal. Das ging dann auch ganz gut, und da habe ich gemerkt: Ich glaube, das könnte was sein. Ich kann mir vorstellen, das immer zu machen.
Johannes' Wunsch zu seinem 30. Geburtstag am 17. März 2010
„Ich wünsche mir, dass ich mit 40 immer noch dastehe, und jemand etwas von mir wissen will, weil wir mit der Band Revolverheld das siebte Album gemacht haben."
Kurzinfo: Revolverheld
- Revolverheld sind: Johannes Strate, Kristoffer Hünecke, Niels Grötsch, Jakob Sinn, Florian Speer
- zusammengefunden 2002 in Hamburg (als Manga, dann Tsunamikiller, dann Revolverheld)
- 2005 Plattenvertrag bei der Sony BMG
- 2005 Debütalbum "Revolverheld" mit der Single "Generation Rock"
- 2007 zweites Album "Chaostheorie"
- 2008 Fansong zur Fußball-EM "Helden 2008"
- 2010 drittes Album "In Farbe" mit der Single "Spinner"


