Jacob ist noch keine 30, aber einen Lebenstraum hat er sich bereits erfüllt: Zusammen mit dem London Session Orchestra hat der Münchner in den Abbey-Roads-Studios ein paar seiner Songs eingespielt. In den wohl bekanntesten Aufnahmestudios der Welt, wo einst die Beatles und Pink Floyd zeitlose Kunst verewigt hatten, ließ ein unbekannter Musiker die noch unbekannteren Pop-Perlen seines Debütalbums veredeln. "Das war traumhaft", schwärmt Jacob, dem als Fan der Beatles ("da gibt es nichts drüber!") in der Abbey Road das Herz aufging.
Jacob Brass hatte Glück. Der Singer-Songwriter, den Deutschland gerade erst kennenlernt, konnte sich nur deshalb im vergangenen Jahr die Luxusproduktion seines ersten Albums leisten, weil er gefördert wird: Die Luxemburger Bertram-Pohl-Foundation (siehe Text unten) stiftete dem jungen Talent ein Budget, "das mit einem Label so nicht möglich gewesen wäre", glaubt Jacob und grenzt die Summe auf "ein paar Zehntausende" Euro ein. Damit ließen sich nicht nur die Profistreicher in London finanzieren, sondern auch die mehrmonatige Produktion in Jürgen Dahmens Düsseldorfer Blacksheep-Studio, wo "A Stubborn Child" auch gemischt wurde. "Die Platte bedeutet mir sehr viel", sagt der Multiinstrumentalist, der mit 13 angefangen hatte, Songs zu schreiben, und sich seit der Zivi-Zeit als Musiker und Komponist durch das teure Münchner Leben schlägt. "Ich habe immer davon geträumt, meine eigene Platte aufzunehmen", sagt er. Jetzt hält er sie in Händen, nun müssen die gefühlvollen Lieder nur noch hinaus in die Welt. Das ist sein Plan für 2010. Wenn er nicht gerade Live-Shows spielt (im Oktober begleitet er Tina Dico auf ihrer Deutschland-Tour) verhandelt er mit Partnern aus der Musikindustrie über seine Zukunft.
Die Kernfrage: Wer finanziert mich?
Es ist ungewöhnlich, dass ein unbekannter Künstler viel Geld für eine Plattenproduktion zur Verfügung gestellt bekommt, ohne dass er sich bereits fest an Labels, Verlage oder andere Geschäftspartner gebunden hat. Aber in Zeiten, da Labels nur noch zaghaf in junge Talente investieren, muss man als Künstler kreativ denken und offen sein für neue Wege. "Es ist eine romantische Vorstellung, nur Musik machen zu wollen", sagt Jacob, der eigentlich immer nur Musik machen wollte. "Man muss an die richtigen Leute kommen und eine Finanzierung finden." Das ist die Kernfrage für alle: Wer finanziert mich?
Der Sohn des preisgekrönten Komponisten Nikolaus Brass glaubt, dass das Stiftungsmodell für den Pop-Bereich einen Bedarf unserer Zeit erkennen lasse. In der Erklärung der Stiftung, die 2007 als "Gewächshausprojekt" gegründet wurde, um Künstlern einen Rahmen zu geben, "der frei ist von monetären Zwängen", heißt es: "Die Bertram Pohl Foundation eröffnet jungen talentierten Künstlern die Möglichkeit, ihr Potential unabhängig von der schnelllebigen Unterhaltungs- und Medienkultur zu entfalten."
Davon träumen viele, für Jacob Brass wurde der Traum wahr. Er wurde von Peter Weihe während des "Popkurses" in Hamburg entdeckt und für das Stipendium vorgeschlagen. Dem Musiker und Dozenten des "Kontaktstudiengangs Popularmusik" gefiel dessen Songwriting, Gitarrenspiel, Stimme und Timing. "Ich hatte das Glück, dass sie von mir überzeugt waren", sagt Jacob. Weihe, der auch der künstlerischer Leiter des "Gewächshausprojektes" ist, machte sich für den jungen Münchner stark, der nach einem Vorspiel in Luxemburg prompt ausgewählt wurde und seitdem finanziell unterstützt wird. Ohne Label, ohne Verlag.
Was kann jeder selbst tun?
Jacob hätte auch ohne das Stipendium an seinem Traum festgehalten, bekräftigt er, wenngleich die Förderung "ein wichtiger Schritt" in seiner Karriere gewesen sei. "Die Stiftung hat meine Karriere in professionelle Bahnen gelenkt", sagt der Singer-Songwriter und weist auf das Geld hin, das er eine gewisse Zeit lang jeden Monat zur Verfügung gehabt habe. "Das Gefühl, ein Musiker zu sein, hat sich dadurch gefestigt", was wiederum gut fürs Selbstbewusstsein gewesen sei.
Förderung hin oder her - jeder kann aktiv etwas tun. Jacobs Rat für junge Kreative lautet: "Man muss mehr machen als nur Musik." Um jemanden zu finden, der an einen glaubt und einen finanziert, müsse man an die richtigen Leute kommen. "Man muss rausgehen und Leute anquatschen. So groß, wie man vielleicht denkt, ist die Szene nicht." Vernetzung heißt das Zauberwort. Zwar sei es ihm selbst anfangs schwer gefallen, auf Partys oder Konzerten Fremden seine Demos in die Hände zu drücken. Getan hat er es trotzdem. "Man muss präsent sein", glaubt der Newcomer, der sich in der Münchner Szene längst einen Namen als talentierter Musiker und Sänger gemacht und die 100.000-Besucher-Marke bei MySpace bereits Ende 2009 geknackt hat. Und falls es einmal schlecht laufen sollte - einfach weitermachen.
"Rückschläge gibt es immer", weiß der Musiker aus eigener Erfahrung. Man müsse dran bleiben und immer an sich glauben. "Wenn es auf dem einen Weg nicht funktioniert, kann das auch am Umfeld liegen." Und noch ein Tipp: Sich dem Publikum stellen sei elementar, so oft es irgendwie gehe. "Live spielen wird immer wichtiger. Die Gagen steigen, das Merchandising brummt", weiß Jacob, der dazu rät, jeden noch so kleinen Auftritt ernst zu nehmen. Weniger ernst gemeint ist sein Ratschlag, den er nach einer kurzen Pause schmunzelnd hinzufügt: "Und nie auf Verwandte hören!"
Kurzinfo: Jacob Brass
Mit seinem Vater teilt Jacob vor allem eins: die Liebe zur Musik. Nikolaus Brass, Jahrgang 1949, erhielt für sein kompositorisches Schaffen mehrere Preise, darunter den Musikpreis der Landeshauptstadt München 2009. Sohn Jacob, der schon früh Blockflöte lernte, dann Gitarre, Klavier und Cello ("eines der schönsten Instrumente der Welt"), entdeckt das feinfühlige Songwriting für sich, liebt schöne Pop-Melodien, verehrt das Werk von Elliot Smith, Travis und den Beatles. Erste Songs mit 13, erste Band mit 14, erstklassiges Talent. Nach dem Abitur, noch während des Zivildienstes, trifft der junge Münchner die Entscheidung, "mit voller Energie Musik zu machen". Ohne Kompromisse. "Nur wegen Geld etwas zu machen, macht dein Leben nicht schöner", glaubt Jacob. Er spielt Gitarre an der Seite des aufstrebenden Songwriters Roman Fischer, lernt die Musiker der Augsburger Band Nova International kennen und geht mit ihnen auf Tour. Für den Soundtrack zum Kinofilm "Sommer" (2008) steuert er die Songs "The Golden Times" und "Feel" bei, dann zieht es ihn nach Hamburg, um beim "Popkurs" Gleichgesinnten zu begegnen. Dass sich dort die Weichen stellen und er als 24-Jähriger über Luxemburg nach London in die Abbey Road Studios reisen darf, um dort an seiner Debüt-CD "A Stubborn Child" zu feilen, nennt man wohl glückliche Fügung.
Das Gewächshaus: die Bertram Pohl Foundation (BPF)
- gegründet 2007 in Luxemburg
- von: Bertram Pohl, Urenkel des Wella-Konzern-Gründers Franz Ströher
- als: gemeinnützige Stiftung, Projektname "Gewächshaus"
- Ziele: Förderung von Projekten musisch-kultureller Natur, Unterstützung der Jugend
- Förderung: Stipendium mit variablem Budget
- Auswahl: auf Empfehlung von Produzenten, Dozenten, Journalisten, Konzertveranstaltern


