Im ersten Teil des Gesprächs haben wir uns über Bushido und Image-Bildung unterhalten. Gibt es einen Masterplan für kommerziell erfolgreiche Rapper, sich vor einem Ausverkauf zu schützen?
Savas: Wenn meine Freunde und die Leute in meinem Umfeld analysieren, was ich mache, sagen sie: Du hast immer die Notbremse gezogen, wenn du gemerkt hast, dass es in eine Richtung geht, hinter der du selbst nicht stehen kannst. Ich war immer sehr selbstkritisch, gerade was Qualität anging. Und ich habe von Anfang an keine Storys erzählt. Ich habe die Sachen nicht verändert und keinen großen Wind darum gemacht. Dadurch können die Leute das, was ich sage, auch immer für bare Münze nehmen. Auch ältere, ich will ja nicht nur Zwölfjährige ansprechen, die denken, dass ich aus irgendwelchen Gründen cool bin. Ich freue mich, wenn ein Ü20er sagt: Du bist ein cooler Dude! Ich bin lieber beliebt als unbeliebt. Ich habe gar keinen Bock, der Arsch zu sein.
Wenn ein junges Rap-Talent auf dich zu käme, welche von deinen eigenen Karrierefehlern würdest du ihn bitten, unbedingt zu vermeiden?
Savas: Nicht auf seinen Bauch zu hören, ist der größte Fehler, den man machen kann. Man sollte Entscheidungen erst mal sacken lassen und in den Spiegel gucken. Dann muss man sich fragen: Ist der nächste Schritt akzeptabel oder nicht? Man muss auch sagen: 10.000 Euro kommen und gehen wieder. Innerhalb eines Monats kann man die ohne weiteres durchbringen, und dann sind sie futsch. Aber das Bild, das die Leute von dir haben – und das, das du von dir selber hast – sowie dein Gewissen, musst du im schlimmsten Fall dein Leben lang mit dir herumschleppen.
Erfolgreiche Künstler müssen hart arbeiten. Hast du so etwas wie einen geregelten Arbeitsalltag mit gewissen Routinen?
Savas: Nein, leider überhaupt nicht. Deshalb bin ich immer gestresst. Das müsste ich mal in den Griff kriegen. Es gibt Rapper, die stehen morgens auf, machen acht Stunden lang Musik und dann den Computer aus und leben ihr Leben. Bei mir ist aber gar nichts geregelt: weder meine Essens-, noch meine Aufstehens- oder meine Schlafenszeiten. Auch nicht meine kreativen Phasen. Das ist alles ein Riesenkuddelmuddel.
Was die Arbeit sicher leichter macht, ist eine gute Vernetzung mit anderen Künstlern – ohne welche die "John Bello"-Trilogie gar nicht zustande gekommen wäre.
Savas: Genau. Von Anfang November bis jetzt ein Album zu planen, in die Tat umzusetzen, fertig zu stellen, zu bewerben und dann rauszubringen, ist für jemanden, der nicht diese jahrelangen Verbindungen und dieses Team hat, in dem alle an einem Strang ziehen, eigentlich unmöglich.
Würdest du einem jungen Rapper also raten, sich so früh wie möglich mit anderen zu verbünden?
Savas: Er sollte Leute in seinem unmittelbaren Umfeld finden, denen er wirklich vertrauen kann. Die sollte er versuchen, in irgendeiner Form mit in seine Sache einzubinden. Nicht unbedingt businessmäßig, aber auf der kreativen Seite. Weil man sich öffnen und mit anderen zusammenarbeiten muss. Es ist ja so, dass wenn man ein bisschen erfolgreich wird, gleich alle angerannt kommen. Das kann den Blick trüben und einen wirklich verändern. Deswegen habe ich immer gesagt: Ich kann zwar mal einen Beat von jemand anderem nehmen, aber im Großen und Ganzen arbeite ich nur mit Mel zusammen. Sie ist von Anfang an da gewesen, wir werden immer Kompromisse finden und es zusammen schaffen. Mein damaliger Verleger hat mir gesagt: Mit dem Sound wirst du nirgendwo hinkommen, das wird kein Mensch rausbringen! Ein Jahr später waren wir im ganzen Land angesagt – weil ich mich nicht darauf eingelassen habe.
Der dritte Teil der "John Bello Story" ist an einem geheimen Ort in Mitteldeutschland entstanden. Ich stelle es mir ungemein chaotisch vor, wenn ihr Rapper euch dort verabredet und alle zusammen in einem Haus arbeiten wollt.
Savas: Das war auch chaotisch. Wir waren in einem sogenannten Bootcamp, wo die Leute auf den Böden mit Matratzen und Schlafsäcken gepennt haben. Das hat dazu gedient, dass man den ganzen Tag Musik gemacht hat, und sich die Rapper gegenseitig inspirieren, anstacheln und anspornen konnten, um etwas zu schreiben und aufzunehmen. Das hat auch gut funktioniert.
Im ersten Teil des Interviews spricht Kool Savas über seine Karriere als MC, den Wandel der Hip-Hop-Kultur und Unterschiede zu Bushido (siehe weitere Artikel).
Kurzinfo: Kool Savas
Der 1975 in Aachen geborene Savaş Yurderi zieht Ende der achtziger Jahre nach Berlin-Kreuzberg. Schon bald wird er unter dem Pseudonym Juks mit englischsprachigen, aggressiven Raps in der Hip-Hop-Szene bekannt. Der Umbenennung in Kool Savas folgen die ersten deutschen Texte und ein wachsendes Interesse am Savas-typischen Battle-Rap. Ende der Neunziger gründet der von Fans und Fachpresse als "King of Rap" bezeichnete Savas mit befreundeten Künstlern die legendären Berliner Untergrund-Rap-Crews M.O.R. (Masters Of Rap) und Westberlin Maskulin und veröffentlicht mit ihnen zahlreiche Tonträger. 2002 erscheint sein erstes Soloalbum "Der beste Tag meines Lebens" auf seinem eigenen Label Optik Records. Der Nachfolger "Tot oder lebendig" kommt 2007 auf den Markt. Im März dieses Jahres veröffentlicht Savas den dritten Teil der "John Bello Story" und komplettiert damit eine Hip-Hop-Trilogie, bei der seit 2005 unter anderem Rap-Größen wie Curse, Olli Banjo und Franky Kubrick mitwirkten.


