Stefanie, stell dir bitte vor, eine junge, talentierte Sängerin kommt auf dich zu und sagt: „Ich will auch so etwas wie Silbermond! Wie erreiche ich das?“ Was rätst du ihr?
Stefanie: Jeder von uns aus der Band hat ja seine eigene E-Mail-Adresse, darüber kann man uns schreiben. Da kommen häufig Mails von Musikern, die noch ohne Band sind und wissen wollen, wie sie es schaffen können, professionell Musik zu machen. Bei uns selbst war das ja ein Glücksfall: Vier Leute im gleichen Alter treffen sich in derselben Stadt und haben auch noch das gleiche Ziel, die gleiche Intention. So etwas hat man nicht oft. Für jemanden, der alleine ist, ist es schwieriger. Gerade, wenn mir junge Leute schreiben, antworte ich immer, dass sie gucken sollen, wo etwas ausgeschrieben ist. Also nach Anzeigen suchen, in denen wiederum andere Musiker nach Musikern suchen. Zum Beispiel in Proberaumhäusern oder in Musikschulen. Und dann sollte man sich zusammenschließen.
Thomas: In erster Linie muss man sich von dem Gedanken verabschieden, dass alles von heute auf morgen passiert, und man plötzlich ein schönes Leben hat, wie es in manchen TV-Sendungen gezeigt wird. Es ist ein Beruf wie jeder andere. Natürlich unterscheidet er sich total von anderen Jobs, aber ein großer Teil hat auch mit Arbeit und Disziplin zu tun. Das geht ja ganz früh los, mit dem Üben. Wenn du dein Instrument nicht beherrschst, wirst du nie eine Musikkarriere starten können.
Ihr selbst habt durch Bandwettbewerbe einen Karriereeinstieg geschafft. Würdet ihr heute, da Bands durch „YouTube“ und „MySpace“ zu Weltstars werden können, Newcomern weiterhin zum Wettbewerb auf der Bühne raten?
Johannes: Schaden kann das auf keinen Fall, weil man da auf viele andere Bands und vielleicht auch den einen oder anderen Veranstalter trifft, der die Band möglicherweise zu einem Konzert einlädt. Dieses Networking-Prinzip funktioniert bei Bandwettbewerben genauso wie bei „MySpace“ oder „YouTube“. Man kann jeder Band raten, da mal mitzumachen, weil es eine interessante Erfahrung ist und weil man viele interessante Leute kennen lernt. Und wenn es nicht klappt, geht man halt zum nächsten Contest. Hauptsache: Spielen, spielen, spielen!
Stefanie: Mit „MySpace“ und „YouTube“ machen die meisten den zweiten vor dem ersten Schritt. Man muss erst mal sein Handwerk beherrschen, an seinem Instrument fit sein und es auf die Reihe kriegen, eine Stunde lang live auf der Bühne zu stehen – egal unter welchen Bedingungen. Dann kann man den nächsten Schritt machen und ins Studio gehen. Man kann ja nicht zuerst Aufnahmen machen und sich dann überlegen, live spielen zu wollen.
Ihr seid vor ein paar Jahren vom sächsischen Bautzen nach Berlin umgezogen. War das ein Opfer für die Karriere oder ein persönlicher Wunsch?
Andreas: Das haben wir aus logistischen Gründen gemacht. Wir haben in Bautzen gewohnt und in Berlin aufgenommen, mussten jeden Morgen um sechs Uhr los und haben dort in einer Pension im Vierbettzimmer übernachtet. Allein die Spritkosten waren sehr hoch. Mit der Zeit wurde das nervig. Und dann ist Berlin ja auch eine absolute Musikstadt. Man kann dort jeden Tag Superkonzerte erleben und hat immer viele Künstler um sich herum.
Der Umzug war für euch als Band sicher die richtige Entscheidung. Welche Entscheidungen waren in der Phase eurer Karriere falsch?
Stefanie: Kleinere Sachen. Es gab zum Beispiel Anfragen, auf die wir uns eingelassen haben. Dann haben wir gemerkt, dass wir das nicht noch einmal machen würden. Das war aber alles gut so. Denn jetzt, da wir das dritte Album haben, gehen wir an einige Sachen viel entspannter ran und wissen genau, welche Anfragen angenommen und welche abgelehnt werden sollten.
Thomas: Falsche Entscheidungen gehören dazu – man sollte nur nicht den gleichen Fehler noch einmal machen, also nicht daraus lernen.
Nebenher fördert ihr unbekannte Musiker. Im Rahmen von Projekten wie „Ideen Sounds“ arbeitet ihr mit jungen Bands im Studio. Was ist euer Antrieb für solche Aktionen?
Stefanie: Unsere derzeitige Support-Aktion läuft so ab, dass wir in verschiedenen Städten jeweils eine junge Lokalband einladen, vor uns aufzutreten. Dafür kann man sich bewerben. Wir haben das Glück, viel unterwegs sein zu dürfen, und wir haben eine Bühne, also wollen wir auch anderen Bands die Möglichkeit bieten, diese Bühne mitzunutzen. Wir machen das schon seit ein paar Jahren und haben dadurch unheimlich viele Talente mit geilen Songs getroffen, die nur noch nicht an die richtigen Leute gekommen sind, noch nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren.
Die meiste Zeit verbringt ihr als Band im Proberaum. Wie kann man sich den typischen Silbermond-Proberaumtag vorstellen?
Thomas: Unser Proberaum ist mindestens genauso zugemüllt wie andere Proberäume. So ein gewisser Dreck muss sein, finde ich, so eine Verlebtheit. Wenn wir in den Proberaum gehen, sitzen wir erst mal eine Stunde lang rum. Dann stöpseln wir uns an und beginnen mit dem Proben. Und wenn wir gerade nichts Konkretes proben, jammen wir halt.
Andreas: Jammen tun wir aber eher im Songwriting-Prozess. Wenn wir auf Tour gehen, arbeiten wir die Songs ab und gucken, dass auch jeder weiß, wann die bestimmten Akzente kommen. Wir sind ganz normale Mucker und keine Cracks, die alles einmal durchzocken, und dann geht’s auf Tour. Es ist wichtig, dass man locker bleibt und einfach mal den Spaß dabei sieht.
Stefanie: Wir fangen zu einer sehr humanen Zeit wie 14 Uhr an und spielen dann meistens bis um ein Uhr nachts – abends ist die Stimmung besser.
Bitte sprecht diese Sätze zuende: Das Schönste am Popstar-Dasein ist ...
Andreas: ... live und vor Publikum spielen zu können.
Thomas: Wir sehen uns nicht als Popstars. Bei uns gab’s das noch nie, dass uns Leute hinterher gerannt sind oder bei uns geklingelt haben. Wir sind keine Popstars, wie man sie klischeehaft kennt. Eine Massenhysterie haben wir noch nicht ausgelöst, darüber sind wir froh. Wir sind in erster Linie eine Band, und das Schönste am Popstar-Dasein ist das Musikmachen.
Verzichten können wir als Band auf ...
Stefanie: ... Erwartungen. Auf der einen Seite ist es schön, wenn die Leute sich auf das Album freuen. Aber es ist natürlich auch schwer, den Erwartungen standzuhalten und sich selber diesen Druck zu nehmen. Ich glaube, ganz ohne Erwartungen wäre es doof, aber ein bisschen leichter. Eine zwiespältige Antwort.
Ein bis jetzt unerreichtes Ziel von uns ist ...
Thomas: ... unser 20-jähriges Band-Bestehen.
Das Interview in voller Länge erschien im music supporter 03/09. Erhältlich hier.
Kurzinfo: Silbermond
Seit mehr als zehn Jahren machen Stefanie Kloß (Gesang), Thomas Stolle (Gitarre, Klavier), Johannes Stolle (Bass) und Andreas Nowak (Schlagzeug) zusammen Musik, anfangs unter dem Namen Exakt, später als Silbermond. Ihre Debüt-Platte, mit der sie gleich den Durchbruch schafften, nannten sie „Verschwende deine Zeit“ (2004). Ohne Zeit zu verlieren, legten sie 2006 nach: Mit deutschsprachigem und massentauglichem Pop-Rock hievten sie ihr zweites Album „Laut gedacht“ nach ganz oben in den deutschen Charts. Kürzlich erschien ihre neue CD „Nichts passiert“. Die im sächsischen Bautzen aufgewachsenen Musiker leben in Berlin.

