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Sinn für Schall und Wahn

28. Mai 2010, von  Erik Brandt-Höge
Mit cleveren Texten und einem lässigen Gitarrensound prägen Tocotronic seit Mitte der Neunziger die alternative Musiklandschaft in Deutschland. Zum Beginn der Festival-Saison ein Interview mit den Indie-Rockern aus Hamburg. Darin sprechen sie über Struktur, Disziplin und Kreativität.
Tocotronic (Fotos: Sabine Reitmeier).

Euer aktuelles Album heißt "Schall & Wahn". Kann dieser Titel auch als Zustandsbeschreibung von Tocotronic 2010 durchgehen?

 

Jan Müller: Natürlich hat das schon etwas mit einem selber zu tun. Aber bei solchen Zuschreibungen habe ich ein bisschen Angst, dass man der Poserei bezichtigt wird. "Schall & Wahn" würde, auf unsere Leben bezogen, auch nicht der Realität entsprechen. Aber sobald man als Band zusammen musiziert, begibt man sich in ein Reich, wo es andere Regeln gibt als im normalen Leben. Auch wenn man Platten macht und live spielt, passiert das in einer anderen Welt.

 

Auf der Platte gibt es den Song "Diese Folter endet nie". Wollt ihr damit ausdrücken: "Wir sind doch nicht Blumfeld"? Weil die sich aus dem Musikgeschäft zurückgezogen haben – und ihr wollt nun womöglich festhalten, dass so etwas für euch noch lange nicht in Frage kommt.

 

Jan: Ich finde, jede Platte sollte man so machen, dass sie auch die letzte sein könnte.

 

Rick McPhail: Natürlich wäre es für uns möglich und vielleicht auch schön gewesen, nach der Veröffentlichung des Albums "Kapitulation" aufzuhören. Aber das wäre zu einfach gewesen, deswegen haben wir es nicht getan.

 

"Kapitulation" war textlich und musikalisch eine gewaltige Songsammlung und Kritikerliebling. Fiel es euch schwer, danach wieder an neuen Songs zu arbeiten?

 

Jan: Als wir "Kapitulation" gemacht haben, dachten wir: "Oh, danach wird's aber schwierig, da wird man sich was einfallen lassen müssen!" Vielleicht war das auch eine Last. Der schwarze Peter liegt ja erstmal bei Dirk, der zu Hause die Grundgerüste der Songs schreibt, bevor wir sie dann arrangieren. Ihm ging es ganz gut von der Hand, und dann haben wir es sehr intensiv im Proberaum oder im Studio von Rick arrangiert. Das war aber auch eine sehr schöne Tätigkeit. Wenn das alles keinen Spaß machen würde, hätten wir etwas falsch gemacht.

 

CD-Cover Schall und Wahn

Wie diszipliniert seid ihr im Entstehungsprozess eines neuen Albums? Verabredet ihr klare Zeiten, um gemeinsam zu arbeiten?

 

Rick: Das müssen wir, weil wir alle auch andere Verpflichtungen haben. Die Business-Seite der Band nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Wir haben alle Nebenprojekte, und ich bin auch Vater. Man muss schon sehr effektiv arbeiten.

 

Braucht ihr heute mehr Struktur zum Musikmachen als in den ersten Jahren eures Bestehens?

 

Jan: Man kann eigentlich nicht sagen, dass sich da etwas geändert hat. Bei uns läuft es seit jeher ähnlich ab.

 

Rick: Rockmusik an sich hat ja schon eine Struktur. Man hat nur die zwölf Halbtöne, die man spielen kann, und man hat Vers-Refrain-Vers-Refrain. Dass alles kann man natürlich ein bisschen hin- und herschieben, ausbreiten und sich darin austoben. Aber am Ende will man ja keinen Free Jazz machen. Mittlerweile sagen zwar viele, dass wir über die Jahre mehr zu echten Musikern geworden sind. Aber wir sind immer noch eine Rockgruppe und versuchen, uns eine gewisse Lässigkeit zu bewahren und nicht überambitioniert zu klingen. Wir sitzen auch nicht ständig zu Hause und üben.

 

Inwiefern beeinflusst durchstrukturiertes Arbeiten eure Kreativität?

 

Jan: Wir sind mit Stücken ins Studio gegangen, die waren schon sehr ausarrangiert. Und nur deshalb konnten wir ein Stück weit ein Experiment wagen. Unser Produzent Moses Schneider hat sehr viel mit Räumen und Mikrofonierung experimentiert. Das war schon ein Wagnis. Wir haben uns entschieden, etwas auszulagern, so dass wir den Streicher-Arrangeur Thomas Meadowcraft Arrangements haben schreiben lassen. Das ist niemand, der täglich etwas für Rockbands schreibt, der kommt von der Neuen Musik. Das Ergebnis der Zusammenarbeit war deshalb sehr offen, was wir sehr spannend fanden.

 

Hamburger Schüler

Tocotronic haben nicht angefangen, Musik zu machen, um irgendeinen Traum vom Rockstar-Dasein zu erfüllen. Habt ihr unerfüllte Wünsche? Gibt es etwas, das ihr unbedingt noch machen möchtet?

 

Jan: Ein Album ist ja heutzutage schon fast ein anachronistisches Format. Wir weigern uns aufzugeben, in diesem Format zu denken. Ein Album zu erstellen, macht total viel Spaß, ist aber auch eine riesige Aufgabe. Das finde ich schon schwierig genug.

 

"Kapitulation" gab es später als Live-Album – habt ihr ähnliches mit "Schall & Wahn" vor?

 

Rick: Ich bin ein sehr großer Fan der kanadischen Prog-Rockband Rush. Die haben es wirklich gebracht, vier Live-Platten zu veröffentlichen. Ich persönlich würde mir wünschen, dass es mehr Bootlegs in hoher Qualität gäbe. Ich hätte gerne eine Live-Platte, auf der der Applaus rausgeschnitten und durch Gelächter ersetzt ist.


Tocotronic live auf Festivals

 

  • 4.6. Nürnberg, Rock im Park
  • 5.6. Ludwigshafen, Ernst Bloch Zentrum
  • 6.6. Nürburgring, Rock am Ring
  • 9.7. Görlitz, La Pampa Festival
  • 16.7. Gräfenhainichen, Melt! Festival
  • 17.7. Eching bei München, Sonnenrotfestival
  • 18.7. Cuxhaven, Deichbrand Festival
  • 31.7. Dortmund, Juicy Beats
  • 20.8. St. Pölten, Frequency Festival
  • 28.8. Wiesbaden, Folklore/Schlachthof
  • 11.9. Hamburg, Stadtpark Freilichtbühne