Wir haben befristete Verträge /
Sicherheit ist unnormal /
Die Formel Leistung gleich Erfolg /
Ist lange her und war einmal.
Wir wechseln öfter mal die Firma /
Sind von zuhause Redakteur /
Wir haben mehere Berufe /
Arbeiten ab und zu am Meer.
Denn auch ohne Wirtschaftswunder /
Ohne Reichtum und System /
Hab ich aus fiesen Krisenkindern /
Ritter werden sehen.
Da gibt es diesen Song auf der Debütplatte von Nordlicht. "Krisenkinder" beschreibt sehr präzise die Lebenssituation junger Erwachsener, die wieder rackern müssen für beruflichen Erfolg und nichts geschenkt bekommen. Lars Thieleke ist so ein Krisenkind. Der Wahl-Münchner aus Bremen ist seit ein paar Jahren selbstständiger Journalist. Er weiß, wie es sich anfühlt, von zuhause Redakteur zu sein. Sicherheit ist unnormal. Dennoch hat er mit seiner Band kürzlich eine eigene Firma gegründet. Auf dem eigenen Label erscheint dieser Tage das Debüt des Pop-Rock-Trios. Auch ohne Wirtschaftswunder.
Nordlicht sind mutige Kreative, die an ihre Musik glauben. Ihre große Stärke heißt Authentizität. Ähnlich wie bei "Krisenkinder" singen sie ausschließlich über eigene, tiefschürfende Erfahrungen. Liebeskummer, Fernweh, Freiheitsdrang, Leidenschaft. Große Gefühle in kleinen Songs. Und das Beste ist: Dem Sänger nimmt man jedes Wort ab. Wie er die Wörter wählt, ist ein Genuss. Poetischer Pop vom Feinsten. Hier zeigt sich, dass es durchaus von Vorteil sein kann für einen Songwriter, wenn er das Schreiben gelernt hat. Als langjähriger Redakteur von "Guitar" hat Lars das Texten professionalisiert.
Lars, als Musikjournalist hast du selbst zahlreiche Interviews geführt. Welche Frage würdest du aus professioneller Sicht den Kollegen von Nordlicht stellen?
Lars: Ich würde fragen, was Nordlicht besonders macht? Es gibt so viele Deutsch-Rock-Bands ...
Also gut, was macht Nordlicht besonders?
Lars: Unsere Platte hat Qualitäten, die selten sind. Die Songs sind authentisch, hookig, frisch und haben einen emotionalen Tiefgang. Vom Leben gezeichnet, könnte man sagen. Sie sind individuell wie ein Fingerabdruck. Radiotauglich, aber echt. Wir sind interessante Typen mit interessanten Texten.
Es hat eine Weile gedauert, bis ihr euren Sound und euer Profil gefunden habt. Was war der Knackpunkt?
Lars: Der Knackpunkt war, als ich zum ersten Mal auf Deutsch gesungen habe, vorher sang ich auf Englisch. "Sternenmeer" war unser erster deutschsprachiger Song, ein Meilenstein! Er spiegelte die Lebenssituation von Klobber wider, der damals wie Weltraumschrott durchs All eierte. Der Impuls, deutsch zu texten, war wegweisend. So konnte ich die Leute viel leichter am Herzen packen. "Grüne Dosen" wurde dann sogar auf Bayern 3 gespielt, und plötzlich spürten wir: Das funktioniert auch bei den Radiosendern!
Dann habt ihr eine Firma und ein Label gegründet, um euer Bandprojekt professionell voranzubringen. Welche Erfahrung habt ihr dabei gemacht, und welche Ratschläge hast du für Newcomer?
Lars: Zunächst einmal sollte man Ambitionen abstecken. Sich absprechen, wie viel Zeit man investiert, wer welche Aufgaben übernimmt. Das ist die Basis des Ganzen. Es wird nicht klappen, wenn es in der Band einen freien wilden Vogel gibt und einen, der Karriere machen möchte und Wert legt auf ein festes Einkommen. Man muss lernen, sich vernünftig einzuschätzen.
Ihr habt zwei Jahre an eurem Debüt gearbeitet, habt einen Manager (Kai Bargmann) und einen Berater (Uwe Bossert) engagiert. Das klingt nach großem Aufwand - zeitlich wie finanziell.
Lars: Ja, das sind schon Rieseninvestitionen. Eines sollte jedem klar sein: Wenn du Pech hast, verschuldest du dich fürs Leben. Und noch etwas habe ich gelernt: Als Musikjournalist werde ich nie wieder eine Band verreißen. Jetzt weiß ich, was bei einer Platte alles dahintersteckt. Davor habe ich Respekt. Man muss unglaublich leidensfähig sein. Als Künstler brauchst du keinen Manager, sondern einen Anwalt. An dem organisatorischen Aufwand zerbrechen viele. Musiker mit Geschäftssinn sind gefragt. Mein Tipp: Vorher über das Business schlau machen, ob das überhaupt etwas für einen ist. Das ist zwar unerotisch, aber unbedingt erforderlich.
Was ist eure treibende Kraft, diese Hürden dennoch zu nehmen?
Lars: Die Liebe zur Musik. Klingt pathetisch, ist aber so.
Kurzinfo: Nordlicht
Lars Thieleke (Gitarre, Gesang) und Sascha Hesky (u.a. Schlagzeug, Aufnahmeleiter) lernen sich in München kennen und machen gemeinsam Musik: Ambient, Pop, verschiedenes. In ihrer Freizeit wohlgemerkt, denn Lars ist hauptberuflich Journalist (u.a. Redakteur bei "Guitar", Autor für "Musikexpress") und Sascha ein Vertriebsmensch. Weil Lars aus Bremen stammt, nennt Sascha ihn "Nordlicht". Vor ein paar Jahren der richtungsweisende Knackpunkt: Lars singt nicht mehr auf Englisch, sondern auf Deutsch, und im Keller der beiden entstehen Balladen ("Sternenmeer") und poppige Rocksongs, die sogar im Radio gespielt werden ("Grüne Dosen"). Das spornt die Musiker an, denen sich der Bassist Denis Riegger (tourte davor mit Hans Söllner) anschließt, und das Trio ist perfekt. Gefühlvoller, höchst authentischer Poprock mit poetischen, ehrlichen Texten ist die Spezialität der Band, deren Stil mal als "Kosmo" (Konzert orientierte Songs mit Ohrwurm), mal als "Neue deutsche Romantik" bezeichnet wird. Die Live-Konzerte der Nordlichter haben einen hohen Unterhaltungswert und werden immer beliebter. 2006 machen sie sich selbstständig, gründen als Band die Firma "Nordlicht Musik GbR". Auf ihrem eigenen Label "Lautbuntleise" erscheint Ende August 2010 das gleichnamige Debütalbum (Vertrieb: SPV).


