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Rock in der Provinz - das Modell Trebur

08. März 2010, von  Georg Heinrich
Trebur ist ein kleiner Ort im Kreis Groß-Gerau. Groß heraus kommt die hessische Gemeinde alljährlich beim "Trebur Open Air", wo in diesem Sommer unter anderen Therapy? und Itchy Poopzkid die Region rocken. Eine Region mit einer vorbildlich vernetzten Musikszene.
Rock in der Provinz: das Erfolgsmodell Trebur (Fotos: Mario Andreya, Veranstalter).

Open Air und kein Ende

 

Stefan Kasseckert ist müde und glücklich. Drei Tage lang war er Ansprechpartner und Ersatzpapa für Helfer und Bands, hat Nightliner zum Hotel gelotst, Kloverstopfungen behoben, knifflige Fragen gelöst und am Ende bis zu den Knien im Müll gestanden, damit vielleicht doch noch etwas in den Container passt. Der Pizza-Service ist unterwegs, gleich wird das letzte Bier geöffnet – und natürlich dreht sich alles schon ums nächste Trebur Open Air: Zum 18. Mal geht das Festival in diesem Sommer über die Bühne (30. Juli bis 1. August), in den vergangenen Jahren haben Acts wie New Model Army, Donots, Madsen, Clawfinger, Tomte, Slut oder Jennifer Rostock das Gelände gerockt und dabei etwa 2.000 Zuschauer pro Tag angezogen – beachtlich für eine 13.000 Einwohner-Gemeinde im Kreis Groß-Gerau, irgendwo im Niemandsland zwischen Mainz und Frankfurt.

 

Die Idee entstand 1993 im Jugendhaus Trebur-Astheim unter der Regie von Astrid Plahuta. Mit Bands aus dem Proberaum im Ortsteil Geinsheim und einigen Lokalgrößen etablierte sie ein charmantes Sommerfestival direkt neben dem örtlichen Freibad. „Der Durchbruch kam beim elften Open Air“, erinnert sich Mitorganisator Kasseckert. „Mit Mia und Wir sind Helden hatten wir Acts gebucht, die vorher noch keiner kannte. Von da an wurden wir auch über den Kreis hinaus wahrgenommen und haben auf drei Tage und zwei Bühnen erweitert. Sponsoring und überregionale Werbung kamen dazu, das Camping-Gelände wurde vergrößert. Trotzdem bleibt es ein Nonprofit-Festival."

 

Landjugend in der Pflicht

 

Zum Erfolg trägt bei, dass die Jugendlichen vor Ort voll einbezogen werden. „Wie da bei Hitze oder Regen von morgens bis nachts gearbeitet wird, und das ehrenamtlich, das beeindruckt auch die Anwohner“, sagt Kasseckert. Beschwerden über das Festival gibt es kaum, eher schon den Wacken-Effekt: „Endlich passiert mal was Außergewöhnliches.“ Wie Initiatorin Plahuta kommt auch Kasseckert aus der Jugendarbeit. Die Basis legte er viele Jahre im Geinsheimer Proberaum: „Immer sechs Bands, die sich Raum und Grundausstattung teilen – als Pädagoge musst du deine ästhetischen Ansprüche schon mal zurückschrauben. Es kann grausam sein, jede Woche einer Band beim ersten Auftritt zuzuhören. Wenn du aber merkst, was es den Kids bedeutet, wie wichtig es für ihre Sozialisation ist, einen umjubelten Gig vor ihren ganzen Freunden gespielt zu haben, dann weißt du, dass es Sinn ergibt."

 

Open AirSupport vor Ort

 

Seit 2003 gibt es mit dem Café Bizarr einen regelmäßig nutzbaren Auftrittsort, den Kasseckert ebenfalls mitbetreut. „Das Café ist eine kommunale Einrichtung, aber Zuschuss brauchen wir nur für GEMA, KSK und ähnliche laufende Kosten“, erläutert er. „Die Veranstaltungen tragen sich selbst, wir brauchen kein Thekenpersonal und keine Techniker, weil wir Jugendliche in Workshops und „Learning By Doing“ dazu ausgebildet haben, die PA und die Lichtanlage selbst zu fahren. Die gleiche Crew ist auch beim Open Air dabei, als Aufbauhelfer, Backliner oder Lichttechniker an der Nebenbühne." Im Café hat fast jede Band aus dem Kreis ihren ersten Auftritt. Das Open Air bietet die Perspektive, schon bald auch vor größerem Publikum spielen zu können. Auch beim – inzwischen aus Mittelknappheit gestrichenen – Groß-Gerauer Bandworkshop „SprunGGbrett“ waren von Beginn an Treburer Bands am Start, und der von der Kreissparkasse gesponserte Förderpreis „Newcomer GG“ sichert den besten Bands aus der Region individuelle Coachings.

 

Vom Proberaum zu ProSieben

 

Diese Arbeit trägt Früchte. Rund um das Café ist eine gut vernetzte Rockszene gewachsen, die inzwischen auch größere Clubs füllt, etwa das nahe gelegene Rüsselsheimer „Rind“. Bundesweit erreichen die Emo-Punker von At the Farewell Party große Aufmerksamkeit, dicht gefolgt vom Punk-Pop-Elektro-Projekt Something for Heroes. Mastermind Conny Weiß brachte es fertig, in wenigen Monaten mehr als 10.000 MySpace-Freunde zu generieren (inzwischen sind es mehr als 40.000), eine selbst produzierte CD herauszubringen und eine Deutschlandtour auf die Beine zu stellen.

 

Auch Drowning Fate sorgen für Furore: Die Band um Gitarrist Mike Hermstedt und Frontmann Robin Crönlein spielt wuchtigen, amerikanisch geprägten Alternative-Metal und wurde mit ihrer emotionalen Bühnenpräsenz prompt Deutschlandsieger beim letztjährigen Emergenza-Wettbewerb. Studiounterstützung kommt von The Nuri, die mit ihrer stilsicheren, unkommerziellen Musik zwar kein Massenpublikum erreichen, aber ebenso zur Szene gehören wie die Death Cab For Cutie-beeinflussten Lovedrunks oder die Popcore-Newcomer Picknick At the Warfield. Den größten kommerziellen Erfolg erreicht Carlos Sancha, dessen düster rockende Single „Feuer“ im Frühjahr 2009 bei EMI erschien und unter anderem in den Trailern der „ProSieben Fight Night“ zum Einsatz kam. Und auch beim jüngsten Schooljam-Wettbewerb hat es mit den Rüsselsheimern „Romeo“ wieder ein Eigengewächs in die Endausscheidungen geschafft.

 

Die gemeinsamen Wurzeln dieser Acts lassen sich in Trebur finden: im Proberaum, im Café Bizarr, beim Open Air. Alle haben sie am „SprunGGbrett“-Workshop teilgenommen, in der jetzigen Besetzung oder mit früheren Projekten. Und allen gemeinsam ist die Begegnung mit Stefan Kasseckert, dem Leiter des Fachbereichs Kultur, Sport, Bildung und Soziales einer kleinen, unscheinbaren Gemeinde in Hessen.


Infos zum Festival 

Therapy?

  • Termin: 30. Juli bis 1. August 2010 (Fr. von 17.15 Uhr an, Sa./So. 11 Uhr)
  • Bands: Ill Niño, Therapy?, Itchy Poopzkid, Jupiter Jones, Götz Widmann, She's All That, Joe Blob and the Sixtyniners, Phono Pop DJ-Team und 24 weitere Bands
  • Anfahrt: ab Bahnhof Rüsselsheim: Bus Linie 2 nach Trebur. Mit dem Auto: A60 bis Abfahrt "Rüsselsheim Mitte/Trebur", weiter auf B 519 Richtung Trebur, vor Ort Beschilderung "Freibad" folgen


Acts aus der Region

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