Erster Eindruck: Der Mann sieht aus wie sein eigener Roadie. Lange Haare und Lederjacke auch mit knapp 60 – Martin Ernst ist unangepasst, aber für Allüren viel zu bodenständig. Und doch kann das gemütliche Äußere nicht darüber hinwegtäuschen, dass er geschäftlich hellwach ist. "Man muss Gelegenheiten nutzen, um in dieser Branche zu überleben", sagt er und erzählt von der Pleite, die seine erste Laufbahn als Musikalienhändler beendete: "Damals gab es ja kein Internet, es gab Musikgeschäfte. Die haben Noten und Klaviere verkauft. Was ein Minimoog ist oder eine Hammond, davon hatten die keine Ahnung. Wir haben zwei eigene Läden aufgemacht, aber ich war wohl zu sehr Musiker und zu wenig Kaufmann und saß irgendwann mit ein paar 100.000 Mark Schulden da."
"Musik machen war das, was ich am besten konnte"
Andere hätten die Branche gewechselt und versucht, die Kredite mit einem konventionellen Job abzubezahlen. "Aber Musik machen war das, was ich am besten konnte. Also habe ich alles gemacht: Tanzmusik, Heimorgelunterricht, Studiojobs. Dann kam eine Rockband zum Aufnehmen, und der Keyboarder hatte einen Prophet V von Sequential Circuits - die waren unbezahlbar, hatten einen wahnsinnigen Sound. Er hat aber lieber auf meiner Hammond gespielt und bot plötzlich an, zu tauschen. Ich wollte das erst nicht annehmen, aber er sagte nur, sein Vater würde ihm alles locker finanzieren und er fände den Prophet sowieso Kacke für seine Musik."
Martin ließ sich auf den Deal ein und konnte als einer der ersten in Deutschland den gefragten Synthiesound liefern. So bekam er den Job, der die Pleite bald vergessen lässt: 18 Jahre lang war er Keyboarder von Schlagerstar Roland Kaiser und knüpfte eifrig Kontakte. Bald produzierte er Platten für Heino, tourte mit der Hardrockband Bonfire durch Amerika und stellte Anfang der neunziger Jahre eine Band für Jennifer Rush zusammen.
Parallel gelang ihm der Einstieg beim Fernsehen: "Wir sind einfach nach Köln gefahren und bei RTL immerhin bis zum Info-Desk gekommen. Die haben uns angesehen wie Außerirdische, und das war’s dann. Trotzdem sind wir noch zum WDR, dort dasselbe unwürdige Schauspiel. Mit dem Unterschied, dass Monate später jemand von der ,Sendung mit der Maus’ anrief. Wir sollten bis übermorgen zwei Filmchen vertonen, da alle anderen im Urlaub waren und irgendwas schief gelaufen war. Das haben wir natürlich gemacht und waren dann regelmäßig dabei."
Von "Schmidteinander" zu den "RTL Allstars"
Der nächste genutzte Zufall brachte ihn als Musik- und Sample-Lieferant zu "Schmidteinander". Profilierung genug, um nun auch bei RTL Interesse zu wecken. Als er nach der Band für eine neue Comedy-Show gefragt wurde, taufte er die frisch gecasteten "Jennifer Rush Allstars" kurzerhand in "RTL Allstars" um und bot gleich noch eine eigene Titelmusik an. Der Rest ist Geschichte: "RTL Samstag Nacht" wurde ein Volltreffer und brachte nicht nur Geld und Renommee, sondern auch jede Menge Spaß: "Ich hatte bewusst darauf geachtet, dass ich der Schlechteste in der Band war. Ein Traum, mit tollen Leuten Musik machen zu dürfen und dafür auch noch bezahlt zu werden."
Der Traum geht noch immer weiter - mit vielen Folge-Engagements, zuletzt als "Urwaldorchester unter der Leitung von Silberrücken Martin Ernst" bei "Tarzan" auf Sat1. "Die hatten sich schon für eine Band aus Holland entschieden. Ich habe dann erfahren, wie der Chef der Produktionsfirma heißt und einfach eine Mail ins Blaue hinein geschickt: vorname.nachname @ firma.de. Am nächsten Tag hatte ich einen Termin, ein echtes Wunder! Natürlich hatte ich auch gute Argumente, neben unseren erfolgreichen TV-Shows vor allem den Wegfall von Reisekosten und Ausländer-Steuer. Das hat sie umgehauen, weil so die Musikerkosten aus Holland noch mal um fast 30 Prozent teurer gewesen wären." Derzeit begleitet er mit seiner Band die Sat1-Quiz-Sendung "Ich liebe Deutschland", die von Jürgen von der Lippe moderiert wird.
So zufällig die Gelegenheiten scheinen, die die Karriere von Martin Ernst bis heute geprägt haben – nach einem langen, herzlichen Gespräch bleibt der Eindruck: Hier arbeitet jemand mit guten Argumenten, Cleverness und Beharrlichkeit schon ganz bescheiden am nächsten Wunder.


