"Das ist wie Hummer essen", sagt Joshua Radin. "Wenn die Leute einen Song im Fernsehen hören, der ihnen gefällt, und sie dann selbst herausfinden, von wem er ist, dann haben sie hart dafür gearbeitet - und bleiben für immer deine Fans!" So sieht's aus. Joshua Radin kennt sich damit nämlich aus. Mittlerweile wurde jeder Song des US-amerikanischen Songwriters in seiner Heimat mindestens einmal in einem Film oder einer TV-Serie gespielt. "Fernsehen ist das neue Radio!", behauptet Radin. "Das sage ich seit sechs Jahren, als mein Song 'Winter' bei 'Scrubs' gespielt wurde."
So fing für Radin alles an. Eigentlich hatte er die Karriere als Musiker gar nicht geplant. "Ich machte gerade eine schwere Trennung durch", erinnert er sich an das Jahr 2004, "und hatte das Gefühl, ich bräuchte ein neues Medium, um mich auszudrücken. Ich bin ziemlich schnell gelangweilt - ich habe mich schon als Maler versucht, als Drehbuchautor, ich habe Gedichte geschrieben. Also schrieb ich meinen ersten Song und stellte fest, dass ich mich noch nie zuvor ehrlicher und besser ausgedrückt hatte. Trotzdem hätte ich nie geglaubt, dass sich daraus mal eine Karriere entwickelt."
Das Fernsehen fördert neue Künstler
Doch genau so kam es. Weil dem Regisseur und Schauspieler Zach Braff - seit dem Studium ein guter Freund von Joshua Radin - der Song "Winter" so gut gefiel, spielte er ihn in seiner Serie "Scubs". "Ich weiß noch", erzählt Radin, "dass ich danach etliche E-Mails von Leuten bekam, die nach meinem Album fragten. Dabei hatte ich ja nur diesen einen Song!" Durch so viel Zuspruch motiviert, schrieb Radin weitere Songs, irgendwo zwischen Rock, Pop, Indie und Singer-Songwriter. Er begann Konzerte zu spielen - und nach praktisch jedem Konzert kam ein anderer Musik-Supervisor zu ihm und wollte einen von Radins Songs für seine Serie. Als sein Debütalbum "We Were Here" zwei Jahre später erschien, hatte er bereits die Hälfte aller Songs darauf lizensiert.
"Das Fernsehen hat mir geholfen, einen Plattenvertrag zu bekommen", ist sich Radin bewusst. "Die Supervisor beim Fernsehen sind die neuen Programmdirektoren. Sie können spielen was immer sie mögen, neue Künstler fördern - und nicht nur Beyoncé, Britney Spears und Pink wie im Radio. Ich finde das ist eine tolle Sache." Wer Radin nun des Ausverkaufs anklagen will, über den kann der 36-Jährige nur lachen. "Selbst die Rolling Stones oder Bob Dylan haben Songs fürs Fernsehen lizensiert!", sagt er. "Im Grunde ist das auch nichts anderes, als deine Songs im Radio spielen zu lassen. Auch dafür kriegt man Geld. Und ich will am Ende des Tages nur eins: Dass die Leute meine Musik hören."
Wie man es anstellt, eigene Songs ans Fernsehen zu lizensieren, kann Radin selbst nicht erklären. "Die Leute fragen mich immer, wie ich das bloß gemacht habe", sagt er. "Ich weiß es nicht! Ich denke, meine Songs passen einfach gut zum Fernsehen, denn sie haben etwas sehr Visuelles. Das liegt sicher daran, dass mir das als Maler und Drehbuchautor so beigebracht wurde. Da heißt es immer: Zeig es, statt es zu sagen." Außerdem laufe bei ihm beim Schreiben oft der Fernseher lautlos im Hintergrund. "Manchmal passt ein Bild aus dem Fernsehen dann vielleicht sogar zu dem, worüber ich gerade singe", so Radin. So gesehen, sind Radins Songs also tatsächlich irgendwie mit dem Fernsehen verbunden - aber auch mit seinem eigenen Leben.
Die Stücke seines zweiten Albums "Simple Times", das Anfang September in Deutschland erscheint, sind nämlich wie ein Tagebuch. Es geht um universelle Themen, mit denen sich jeder identifizieren kann. Um die Liebe, das Leben. "Es geht darum, dass ich versuche, wieder an simplere Zeiten anzuknüpfen", so Radin. "Das kann man gleichzeitig in Bezug auf die Musikindustrie verstehen. Als ich mit 'Simple Times' fertig war, wollte meine Plattenfirma, dass ich es noch mal ändere und poppiger werde." Das kam für Radin nicht in Frage. Er gab der Plattenfirma ihr Geld zurück - "was ganz schön viel war!" - und veröffentlichte sein Album genau so, wie es war. "Man muss an sich glauben, das haben meine Eltern mir beigebracht", so Radin. "Nur dann kannst du am Ende niemand anderem die Schuld geben. Hätte ich meine Songs geändert, hätte ich mir mein Leben lang Vorwürfe gemacht." Der Erfolg gibt Radin Recht. Und sein Geld hat er längst wieder eingespielt.
Kurzinfo: Joshua Radin
- geboren 1974 in Shaker Heights, Cleveland, Ohio
- nach dem Studium, bei dem Radin Kumpel Zach Braff kennenlernt, arbeit er zunächst als Kunstlehrer für Schüler zwischen zehn und 13
- danach versucht er sich relativ erfolglos als Drehbuchautor
- weil er Liebeskummer hat, greift er 2004 zur Gitarre und schreibt eigene Songs
- wenig später wird Radins Song "Winter" in Zach Braffs Serie "Scrubs" gespielt, daraufhin nimmt er seine erste EP auf
- 2006 erscheint sein Debütalbum "We Were Here"
- Vergleiche mit Nick Drake und Elliot Smith führen dazu, dass Radins Musik als "Whisper Rock" bezeichnet wird
- 2008 erscheint in Amerika sein zweites Album "Simple Times", das nun auch hier veröffentlicht wir
- in England schaffte er es mit der Single "I'd Rather Be With You" bis auf Platz 2 der Charts
- Mittlerweile wurde jeder von Radins Songs mindestens einmal im Fernsehen gespielt


