Wenn du zurückdenkst an die Anfänge deiner Karriere: Wann hast du begonnen zu rappen, und mit welchem Ziel bist du damals gestartet?
Samy Deluxe: Das war mit 14 oder 15. Und für keinen von uns, die Anfang der neunziger Jahre am Start waren, gab es realistische Aussichten, eine Karriere zu machen und damit Geld zu verdienen. Damals gab es noch überall Hip-Hop-Jams, viele Gruppen, Breakdancer, Graffiti-Aktionen und DJ-Contests. Ich wusste in meiner Jugend nie genau, wo ich hin wollte und was ich besonders gut kann. Ich war nie der geile Sportler oder der Streber, ich hatte auch nicht wirklich Hobbys. Als dann Hip-Hop kam, hatte ich dieses Gefühl: Das ist jetzt mein Ding! Entweder das ist für mich gemacht, oder ich bin dafür gemacht. Morgens und abends drehte sich für mich alles um Hip-Hop. Damals war es nicht leicht, den Zugang dazu zu kriegen. Heute geht man einmal ins Internet und kann alles herausfinden. Wir sind damals noch nach England gefahren, um uns ein paar Platten und Hip-Hop-Magazine zu holen. Wir haben diese Kultur aufgesaugt und wie eine Religion behandelt! Das hat uns ausgefüllt, da brauchte man gar nicht ans Geld zu denken.
Deine Karriere als Rapper hat sich eher langsam entwickelt, heute werden Stars schneller gemacht – eine Sackgasse?
Samy: Dadurch, dass wir in dieser Hip-Hop-Jam-Zeit aufgewachsen sind, haben wir 500 bis 1.000 Auftritte gemacht, bevor der erste Tonträger herauskam. Wir haben unser Handwerk extrem gut verstanden. Jetzt hast du so Phänomene, dass die Leute über MySpace ein bisschen Hype erzeugen, und dann kriegen sie gleich einen Deal. Beim Video sieht man dann aber, dass sie sich nicht wirklich vor der Kamera wohlfühlen. Und wenn man die dann das erste Mal auf die Bühne stellt, dann merkt das Publikum auch direkt: Hier auf der Bühne ist der nicht annähernd der krasseste Typ! Viele von diesen Leuten, die in den letzten Jahren Erfolg hatten, haben nie eine große Tour gefahren. Heute ist es schwieriger, eine Langlebigkeit für Künstler aufzubauen.
Welche Tipps hast du für junge Kollegen, die ihre Liebe zum Hip-Hop professionell ausleben wollen?
Samy: Die sollen auf jeden Fall die Liebe als Hobby ausleben und sich professionell irgendetwas suchen, das mehr Zukunft hat. Denn es kommt immer das Gegenteil dabei heraus: Wir wollten kein Geld damit verdienen – und haben Geld damit verdient. Und alle, die in den letzten Jahren kamen und sich dachten: Ich will einer von denen sein, die sind nicht weiter gekommen. Die Grundmotivation, Musik zu machen, darf nicht Geld, sondern muss die Liebe zur Musik sein. Ich glaube auch, dass die Leute in dieser schnelllebigen Zeit nicht mehr die Geduld haben wie wir. Wir haben von 1995 bis 1999, als wir unseren Major-Deal gekriegt haben, hunderte oder tausende Konzerte gespielt, ohne jemals eine Gage dafür bekommen zu haben, die höher war als das Fahrtgeld.
Kurzinfo: Samy Deluxe
- geboren 1977 in Hamburg als Samy Sorge
- 1997: Gründung von Dynamite Deluxe mit DJ Dynamite und Tropf
- 2000: erstes Album von Dynamite Deluxe "Deluxe Soundsystem"
- 2001: erstes Soloalbum "Samy Deluxe"
- 2004: zweites Soloalbum "Verdammtnochma!"
- 2008: zweites Album von Dynamite Deluxe "TNT"
- 2009: drittes Soloalbum "Dis wo ich herkomm"
- 2010: Live-Album "Dis wo ich herkomm"
- alle Studioalben erreichten die deutschen Top-Ten


