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Die Rückkehr des Rock

10. Mai 2011, von  Nadine Lischick
Zuletzt ging es ihm gar nicht gut, dem Gitarrenrock. Doch jetzt hauchen ihm forsche Bands wie The Vaccines, Mona, Brother und The Crookes neues Leben ein. Über die Renaissance des Gitarrenrock - eine inspirierende Bestandsaufnahme über Bands, die keine Angst vor Ambitionen haben.
"Man spürt wieder eine gewisse Aufregung", sagt die britische Band Brother (Fotos: Adam Weatherely, Sony, Universal).

Wer zu Beginn des Jahrtausends in einer Gitarrenband spielte, der lebte wie die Made im Speck. The Strokes, The Libertines, Kaiser Chiefs, Maximo Park, Bloc Party, Franz Ferdinand – die Liste nahm einfach kein Ende. Überall Jungs in engen, schwarzen Jeans und Lederjacken. Oder mit feschen Haarschnitten und zu kurzen Anzügen. "Irgendwann wurde das einfach langweilig und repetativ", erinnert sich Justin Young, der Sänger der neuen britischen Band The Vaccines. "Niemand bot mehr etwas Neues oder Aufregendes. Alle trugen sie Lederjacken und irgendwie entstand das Gefühl, man hatte das alles schon mal gehört. Das war zumindest mein Eindruck." Recht hat er. In der Folge sprossen Bands wie Vampire Weekend aus dem Boden, die ihren Indie-Rock mit Weltmusik anreicherten. Mumford & Sons, Fleet Foxes oder Foals taten gleiches mit Folk, Bands wie Klaxons derweil spielten mit elektronischen Elementen.

 

"Ra Ra Ra" - Songs dürfen wieder direkt sein

 

Doch jetzt gibt es da diesen Song von The Vaccines. "Wreckin' Bar (Ra Ra Ra)" heißt er, ist gerade mal eine Minute und 22 Sekunden lang und besteht aus drei Akkorden. Indie-Rock darf wieder schnörkellos sein. Justin Young lacht. "Es sind natürlich nicht alle Songs auf unserem Album so kurz", sagt er. "Aber es stimmt schon: Indie-Rock wurde in den vergangenen Jahren immer komplizierter und drang in andere Genres ein. Wahrscheinlich brauchte er eine Art Pause. Aber jetzt dürfen Songs auch wieder so direkt sein wie ,Wreckin' Bar'."

 

The Vaccines

Und während The Vaccines Ende des vergangenen Jahres in England für 70 Pfund Gage noch Konzerte in den kleinsten Clubs des Landes spielten, schafften sie es von MTV über BBC bis NME in alle Vorschaulisten für die vielverprechendsten Bands des Jahres 2011. Ihr Rezept gegen den Hype: "Zwei Wochen, nachdem die ersten Reviews über uns erschienen sind, haben wir uns ein Google-Verbot auferlegt", so Young. Ihr Debütalbum, das eingängigen Indie-Rock, fluffigen West-Coast-Surf-Pop und sehnsüchtigen Indie-Pop vereint, spielt ebenfalls mit dem Hype: "What Did You Expect From The Vaccines?" hat die Band es frech genannt.

 

Doch The Vaccines sind nicht die einzige Band, die dem Gitarrenrock derzeit zu einer Renaissance verhilft. Da sind zum Beispiel The Crookes aus Sheffield, die auf ihrem Debüt "Chasing After Ghosts" das Pathos von The Smith mit der Dringlichkeit von The Libertines vermischen. Oder Mona aus Nashville, die überall als die neuen Kings Of Leon gehandelt werden. Ihr selbstbetiteltes Debüt, das am 13. Mai erscheint, hat das Quartett zwar im heimischen Keller aufgenommen, doch die von Rich Costey (Foo Fighters, Arctic Monkeys) produzierten Songs schreien förmlich nach Stadion. Passend dazu spricht der Sänger Nick Brown seine Überzeugung, dass Mona größer werden als U2, auch offen aus. 

 

"Es ist wieder Zeit für Bands mit Eiern"

 

Aber gehört nicht auch eine gewisse Portion Attitüde und Arroganz irgendwie zum Gitarrenrock? Ja, findet das britische Quartett Brother. "Es ist wieder Zeit für Bands mit Eiern", findet der Sänger Lee Newell. "Bands, die keine Angst davor haben Ambitionen zu haben. Früher war Mainstream schließlich auch gut. Das wollen wir zurück bringen." Brother kommen aus der öden Industriestadt Slough, die dem einen oder anderen vielleicht aus der britische Comedy-Serie "The Office" bekannt ist. "Meine Mutter hat in genau dem Büro früher mal geputzt", sagt Newell. Zwar sind er und seine Bandkollegen gerade mal zwischen 22 und 24 Jahre alt, doch auch sie hauen gerne auf den Tisch: "Are you ready for the future of music?", hat Newell das Publikum beim allerersten London-Konzert seiner Band vor nicht allzu langer Zeit gefragt. "Niemand ist gegangen", freut er sich heute.

 

Mona

Mittlerweile gelten Brother in England sogar als die Band, die den Britpop retten könnte - schließlich erinnern ihre Songs bisweilen stark an Oasis und Blur. "Es hat lange keine spannenden Gitarrenbands mehr gegeben", findet auch Newell. "Und wir sind ein Produkt dessen. Genau deswegen haben wir diese Band gegründet. Wir machen genau die Musik, die wir selber gerne hören wollen. Denn mit Bands wie Mumford & Sons zum Beispiel kann ich persönlich einfach nichts anfangen." Newell zufolge ändert sich die Musiklandschaft aber gerade wieder. "Man spürt wieder eine gewisse Aufregung. Vielleicht gibt es ja wirklich ein neues 2004", sagt er. "Oder sogar ein neues 1997. Ich hoffe auf jeden Fall, dass wir mit unserem Album ein paar Kids dazu inspirieren, auch zur Gitarre zu reifen." Er macht eine Pause und grinst. "Lasst uns eine Revolution starten!"