Auf deinem neuen Album geht es inhaltlich um Gegensätze. Was hat es damit auf sich?
Milow: Es geht um all die Gegensätze und Widersprüche, mit denen wir leben müssen und um die Entscheidungen, die wir täglich treffen. Ich glaube, das ist ein Problem meiner Generation: Natürlich ist es toll, alle Freiheiten zu haben, aber manchmal gibt es so viele Optionen, dass man sich am Ende gar nicht mehr entscheiden kann.
Hat diese Thematik damit zu tun, dass du in diesem Jahr 30 wirst?
Milow: Gute Frage. Ich weiß es nicht. Ein Problem habe ich mit der 30 aber eigentlich nicht. Das liegt wohl daran, dass ich in meinem Leben genau an dem Punkt bin, an dem ich immer sein wollte. Mit 26 dachte ich: "Scheiße, ich bin schon 26!" Ich hatte all diese Ambitionen und Träume, aber es ging nicht voran. Im Moment allerdings fühle ich mich pudelwohl.
Hast du den Erfolg, den du mit "Ayo Technology" hattest, kommen sehen?
Milow: Nein! Natürlich habe ich es immer gehofft. Und tief in mir drin habe ich gewusst, dass ich, wenn ich weiter hart arbeite, eines Tages ein größeres Publikum erreichen würde. Diese Überzeugung hat mich selbst in schwierigen Zeiten immer angespornt. Was ich aber definitiv unterschätzt habe, ist, wie alles plötzlich explodierte! In Belgien und Holland habe ich ganz unten angefangen und alles hat sich langsam entwickelt. In Deutschland habe ich diese Stufe praktisch übersprungen. Trotzdem sehe ich den Erfolg von "Ayo Technology" als Resultat jahrelanger harter Arbeit.
Lässt sich Erfolg planen?
Milow: Das nicht, aber ich glaube an sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Wenn man hart arbeitet und an sich glaubt, kommt man auch an sein Ziel. Natürlich ist das Musikbusiness nicht fair in dem Sinne, dass der, der am härtesten arbeitet, auch berühmt wird. Bei mir hat es zehn Jahre gedauert. Aber ich hatte nie einen Plan B und habe immer weitergemacht. Mein Rat an Newcomer ist deswegen immer: nicht aufgeben! Und an sich glauben. Irgendwann hört man es dann rauschen, die Welle wird größer und größer, und schließlich kann man darauf surfen, so wie ich mit "Ayo Technology".
Allerdings ist Surfen nicht so einfach. Wie sorgt man dafür, dass man nicht untergeht?
Milow: Ich versuche, nicht darüber nachzudenken und stattdessen fokussiert zu bleiben. Deswegen habe ich mir nach dem Erfolg letztes Jahr auch keine lange Pause gegönnt, sondern gleich weitergemacht. Wann immer ich ein paar Tage frei hatte, ging ich ins Studio. Die Leute hielten mich alle für verrückt – aber ich hatte das Gefühl, nur so kann ich die Welle weiterreiten. Ich will den Moment nutzen und den Leuten beweisen, dass mein Erfolg nicht nur Glück war!
Kannst du gut mit Druck umgehen?
Milow: Ich würde sagen ja. Ich rede mir aber auch immer selbst ein, dass das ja noch gar kein Druck ist, weil ich praktisch erst anfange. Das ist wie ein mentaler Trick (lacht). Abgesehen davon stimulieren mich Stresssituationen. Vielleicht liegt das daran, dass ich mich jahrelang als Underdog fühlte und mich immer wieder beweisen musste. Dieses Gefühl versuche ich mir als Motor für meine Kreativität zu bewahren.
Du selbst hast deine Karriere bei einem Newcomer-Wettbewerb gewonnen. Später hast du in deiner Heimatstadt Löwen im Club "Het Depot" selbst eine Open-Mic-Nacht veranstaltet. Ist dir die Förderung junger Künstler wichtig?
Milow: Ja, damit werde ich auch nie aufhören. Ich hatte immer das Gefühl, dass mir keiner hilft und ich alles alleine schaffen muss. Wenn junge Leute nach dem Konzert zu mir kommen, habe ich immer Zeit für einen Rat. Mittlerweile habe ich sogar ein eigenes Label.
Gibt es deinen Open-Mic-Abend noch?
Milow: Ja. Leider kann ich ihn nicht mehr moderieren, weil ich die letzten zwei Jahre kaum zu Hause war. Aber zwei Jahre lang habe ich den Abend geleitet, Leute eingeladen und moderiert. Manchmal hatten wir acht oder zehn Songwriter pro Abend, jeder durfte zwei Songs spielen. Das Depot ist der einzige Rockclub in Löwen, und ich habe das erste Konzert dort überhaupt gespielt. Mit dieser Nacht wollte ich das Depot bekannter machen, aber gleichzeitig Newcomern eine Chance geben. Es ist gut, seine ersten Konzerte in so einer ungezwungenen Atmosphäre zu spielen. Selah Sue wurde dort übrigens entdeckt. Wir haben einige gute Talente gefunden!
Ist dir bewusst, wann du einen Hit geschrieben hast?
Milow: Nein, nie. So funktioniere ich auch nicht. Ich bin nicht Bruno Mars und auch nicht James Blunt oder Jack Johnson. Ich setzte mich nicht hin mit dem Vorhaben, einen Hit zu schreiben. Wenn unerwartet einer dabei herauskommt, umso besser.
Kurzinfo: Milow
- geboren am 14. Juli 1981 in der belgischen Stadt Löwen
- bürgerlicher Name: Jonathan Vandenbroeck
- 2004 hat Milow beim Musikerwettbewerbs "Humo's Rock Rally" seinen ersten Auftritt vor größerem Publikum
- Januar 2006: Milows Debütalbum "The Bigger Picture" erscheint in Belgien
- Im Februar 2008 erscheint das Nachfolgealbum "Coming Of Age"
- Anfang 2009 der Überraschungserfolg: Milows Coverversion des Hits "Ayo Technology" (im Original von 50 Cent, Justin Timberlake und Timbaland) erreicht in den Niederlanden, Belgien, Spanien, Schweden und der Schweiz Platz 1 der Single-Charts
- Milow veröffentlicht in Deutschland das Album "Milow", eine Compilation seiner zwei bisherigen Album
- In den vergangenen drei Jahren spielte Milow mehr als 300 Konzerte in 20 Ländern und verkaufte insgesamt mehr als 650.000 Alben und 1,15 Millionen Singles
- Im April 2011 erscheint sein Album "Ayo Technology", von Mai an geht Milow damit auf Tour. Daten hier.


