Thees, du kennst das Musikgeschäft seit vielen Jahren, hast es vom Auftritt im Jugendzentrum zu "Rock am Ring", vom Roadie zum Labelbesitzer geschafft. Was würdest du jungen Leuten raten, wie man das anstellt?
Thees Uhlmann: Das Allererste ist proben, proben, proben. Dann kann man schon mal sehen, ob überhaupt alle in der Band Bock haben. Einer der besten Tipps kommt von den Toten Hosen: Proben im Dunkeln. Damit man lernt, die Töne auch dann richtig zu greifen, wenn es dunkel ist. Und dann würde ich versuchen, mir über das Internet ein Netzwerk aufzubauen. Wenn da nichts zurückkommt, sind die Songs offensichtlich auch nicht so gut. Aber wenn sie gut sind, kommt auch was zurück.
Eine Erfahrung, die du mit Tomte auch gemacht hast?
Thees: Alles, was wir mit Tomte geschafft haben, verdanken wir unserem konstanten "Hallo, wir haben einen neuen Song!" Wir hatten nie eine große Plattenfirma. Es kam alles dadurch, dass wir immer wieder gefragt haben, ob wir spielen können. Dann hieß es: "Ja, okay, kommt vorbei, aber ihr kriegt kein Geld, und es spielen noch 20 andere Bands." Und das immer wieder.
Man braucht also Geduld.
Thees: Ja, das ist ein ganz langsames Vorankommen. Man kann sich natürlich auch dazu entscheiden, eine karrieregeile Band zu sein. Dann muss man Vollgas geben, sich eine große Plattenfirma suchen, und wenn es klappt, dann ist das der Lucky Punch. Aber wenn man Musik liebt und es so machen will wie ich, dann muss man es mit reinem Herzen machen und sich konstant präsentieren, Songs ins Internet stellen, Adressen sammeln, freundlich sein. Wenn man drei oder vier Jahre lang zusammen Musik macht, sollte man außerdem mal gucken, welche Stärken und Schwächen die Band hat. Um dann das Gute zu schleifen und das schlechte wegschmeißen. Das tut vielleicht weh, aber es ergibt Sinn.
Du hast damals nach dem Abitur angefangen Lehramt zu studieren und wenig später für die Musik alles hingeschmissen. Warst du dir damals sicher, dass das die richtige Entscheidung war?
Thees: Nein. Als ich das Studium abgebrochen habe, kam gerade unsere erste Single raus. Da war noch gar nicht abzusehen, ob das erfolgreich wird oder nicht. Ich glaube, ich wollte einfach eine harte Entscheidung haben, um mir selber zu zeigen, dass ich es ernst meine. Marcus hat sein Studium ja noch fertig gemacht und ich hätte es auch machen sollen. Aber ich habe es einfach nicht geschafft, ich habe mich nur noch für Musik interessiert. Ich saß in Latein-Vorlesungen und habe kein Wort mehr gehört.
Mittlerweile hast du selbst eine Tochter. Würdest du ihr raten, ihr Studium zu Ende zu machen?
Thees: Ach, sie kann ihr Studium ruhig hinschmeißen (grinst). Sie sieht ja, wohin es führt. Nein, mir ist schon bewusst, in was für einer glücklichen Situation ich heute bin. Ich habe damals ohne Krankenversicherung gelebt, Schulden gemacht. Das ist auf jeden Fall nicht nachahmenswert.
Zwischendurch hast du als Roadie für Tocotronic gearbeitet. Eine gute Schule für angehende Musiker?
Thees: Bei befreundeten Bands mal mitfahren und aufpassen ist schon eine gute Sache. Um einfach die Technik kennenzulernen und Verantwortung zu übernehmen. Denn wenn eine Band ernst wird, stellt man ziemlich schnell fest, dass die Äquivalente Beziehung und Familie sind. Man teilt eine so intime Sache und ist auf so engem Raum zusammen, dass man sich echt mögen muss. Das Publikum spürt es auch, wenn bei einer Band etwas nicht stimmt.
Warum hast du dich entschieden, jetzt ein Soloalbum aufzunehmen?
Thees: Ich wollte einfach mal aus dem Tomte-Trott raus. Ich habe das nicht von langer Hand geplant. Aber es fühlt sich einfach richtig an. Außerdem hätte ich die Musik, die ich jetzt gemacht habe, nie an Max und Dennis von Tomte vorbeigekriegt. Das wäre ihnen viel zu simpel oder rockig gewesen.
Die Platte erscheint, wie alle Tomte-Platten, bei Grand Hotel van Cleef, der Plattenfirma, die du gemeinsam mit Marcus und Reimer von Kettcar besitzt. Was bedeutet dir das Label?
Thees: Grand Hotel van Cleef ist für mich der verlängerte Arm des Schulhofs. Früher habe ich den Leuten gesagt, sie sollen Megadeth oder Youth of Today hören, habe Tapes gemacht und verteilt. Und im Grunde mache ich das heute immer noch. Ich entdecke eine Band und habe die Firma, um das zu moderieren. Ich glaube, dass das Leben durch gute Musik besser wird.
Ist das deine Motivation? Denn wenngleich Kettcar und Tomte gut laufen - Platten von Bands wie Young Rebel Set zu veröffentlichen, macht euch sicher nicht reich. Warum fliegst du trotzdem nach Newcastle, um dir ein Konzert der Band anzuschauen und sie unter Vertrag zu nehmen?
Thees: Ich weiß es nicht. Liebe fragt nicht nach dem Warum. Es ist einfach Liebe, Sport, Ehrgeiz. Young Rebel Set haben neulich in Berlin auf dem "Red Bull Tourbus" vor 10.000 Leuten gespielt!
Da klingt viel Stolz mit.
Thees: Das ist so geil! Ich meine, wir sind alle Künstler bei Grand Hotel. Reimer Burstorff ist total verrückt, ich bin total verrückt, Marcus Wiebusch ist total verrückt - was sollen wir machen? Wir können keine Klos reparieren, wir können keine Autos reparieren, wir können Leuten auch keine Versicherungen verkaufen. Ich höre Musik und denke: "Alter ist das geil, das müssen tausende hören!". Und manchmal klappt das halt.
Wie findet ihr neue Bands?
Thees: Young Rebel Set habe ich im Internet gefunden, weil mir jemand einen Link geschickt hat. Ich habe innerhalb von zehn Sekunden geschnallt, wie gut die sind und Reimer und Marcus eine E-Mail geschrieben. Ich habe übrigens noch nie eine Band wegen Demos gesignt. Das wäre noch ein Ratschlag an Bands. Also ich genieße die Geste, wenn jemand nach dem Konzert zu mir kommt und mir eine Kassette von seiner Band gibt. Aber ich würde als junge Bands nie Demos verschicken. Das ist bei uns in acht Jahren Grand Hotel nicht vorgekommen, dass wir wegen einem Demo jemanden unter Vertrag genommen haben. Wenn da irgendwo eine gute Band ist, dann wird sie auch gefunden. Schon alleine aus dem Grund, dass Leute mit Musik Geld verdienen wollen.
Du hast mittlerweile mit Tomte Erfolg gehabt, ein Buch geschrieben, ein Label gegründet, ein Soloalbum aufgenommen und auf deiner Tour durch Kanada kürzlich einem chinesischen Radiosender ein Interview gegeben. Welche Ziele hast du noch?
Thees: Alles, was jetzt noch kommt, ist Sahne auf der Erdbeere! Ich war aber auch nie erfolgsbesessen. Ich wollte natürlich erfolgreich sein, aber das war so ein schwammiger Begriff. Damals war Erfolg, als Support meiner Lieblingsband Boxhamsters zu spielen. Jetzt habe ich, Thees Uhlmann aus Hemmoor, ein Interview mit einem chinesischen Internet-Indie-Radiosender gemacht. Das ist doch genial! Man kann Erfolg auch durch Stadion-Konzerte und goldene Schallplatten definieren, aber dann wird man immer ein unglücklicher Mensch bleiben. Chinesisches Internetradio ist eh geiler als eine goldene Schallplatte! Das musst du dir mal reinziehen, Leute in China können mich hören! Wie lustig das ist! Aber eine goldene Schallplatte habe ich eigentlich auch verdient (grinst). Die Platte ist gut genug!
Kurzinfo: Thees Uhlmann
- am 16. April 1974 wird Thees Uhlmann in der norddeutschen Kleinstadt Hemmoor geboren
- 1987 gründet er die Band Warpigs, aus der später Tomte werden. Der Name stammt von dem Kinderbuch "Tomte Tummetottt" von Astrid Lindgren
- Nach dem Abitur beginnt Uhlmann ein Lehramtstudium
- 1996 erscheint die erste Tomte-Single "Blinkmuffel" auf Vinyl", Uhlmann bricht sein Studium ab
- 1998 folgt das erste Album "Du weißt, was ich meine"
- 1999 geht er mit der Band Tocotronic auf Tour und schreibt das Tourtagebuch "Wir könnten Freunde werden". Außerdem schreibt er für Musikmagazine wie Intro, Spex, Visions und Musikexpress
- Mit dem Song "Korn & Sprite" vom zweiten Album "Eine sonnige Nacht" haben Tomte 2000 erste Erfolge. Für die Veröffentlichung von "Eine sonnige Nacht" gründen Tomte das Label "Hotel van Cleef"
- 2002 wird aus "Hotel von Cleef" "Grand Hotel van Cleef", das Label betreibt Uhlmann zusammen mit Marcus Wiebusch und Reimer Burstorff von Kettcar. GHvC wird schnell zum Qualitätssiegel in Sachen Indierock und hat mittlerweile auch eine eigene Bookingagentur
- 2003 erscheint das dritte Tomte-Album "Hinter all diesen Fenstern"
- Für den Film "Keine Lieder über Liebe" gründen Uhlmann und Wiebusch gemeinsam mit Tomte-Schlagzeuger Max Schröder, Musiker Felix Gebhard und Schauspieler Jürgen Vogel 2005 die Band Hansen, die anschließend auch ein Album veröffentlicht
- Mit "Buchstaben über der Stadt" erscheint 2006 das bisher erfolgreichste Tomte-Album, Tomte schaffen es auf Platz 4 der deutschen Charts
- 2008 erscheint das Album "Heureka", Tomte gehen in Amerika mit der befreundeten Band Weakerthans auf Tour
- Am 26. August 2011 erscheint Thees Uhlmanns erstes Soloalbum. Aufgenommen hat er es mit Tobias Kuhn, einst Sänger der Indie-Band Miles. Im September tritt Uhlmann mit der Single "Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf" für Hamburg beim Bundesvision Song Contest an


