Seit mehr als einem viertel Jahrhundert prägt er die deutsche Musikszene. Vor allem als Schlagzeuger der Ärzte, aber auch als Solokünstler. Sein aktuelles, zweites Album heißt "Code B". Damit tourt er im Sommer durch Deutschland (Termine hier). Im Gespräch mit dem music supporter verrät Dirk Felsenheimer, warum ein Künstlername hilfreich sein kann, was das Geheimnis seiner gut funktionierenden Band mit Farin Urlaub und Rod ist und warum Mütter doch nicht immer Recht haben.
Als du angefangen hast, Musik zu machen, hast du dich nach Bela Lugosi benannt, dem ungarischen Dracula-Darsteller. Wie wichtig ist für einen Künstler ein guter Künstlername?
Bela B.: Das ist Gefühlssache. Man braucht nicht unbedingt einen. Wenn du mit der Person, die du bist, rundum zufrieden bist, oder wenn du vom Elternhaus sowieso schon musisch erzogen und geprägt bist – wenn deine Mutter Anne-Sophie Mutter heißt und du irgendwann mit ihr zusammen auftrittst, dann behältst du deinen bürgerlichen Namen vielleicht. Aber für mich, aus der Punk-Szene heraus, war das einfach anders.
Da will man nicht Dirk heißen?
Bela: Nein. Der Bela, den man jetzt kennt, der Songs schreibt und in der Öffentlichkeit steht, hat seinen Anfang genommen, als er 19 war. Damals war das mit dem Künstlernamen für mich wie ein Spiel. Und weil ich diese alten Schwarz-Weiß-Filme so romantisiert habe und Bela Lugosi so toll fand, habe ich mich Bela genannt.
Wie heißt du zu Hause?
Bela: Das sage ich nicht. Mein lieber Herr Felsenheimer (lacht). Aber ein Künstlername ergibt schon Sinn. So fällt es mir leichter, mich von außen zu betrachten und Songs über mich selbst zu schreiben.
Weil man Musik und Privates dann besser trennen kann?
Bela: Ja, man ist nicht so emotional involviert. Dass Bela B. über Erlebnisse von Dirk Felsenheimer schreibt – ich vermute, dass das etwas ist, was mir geholfen hat, auch wenn der Künstlername keine bewusste Entscheidung war, sondern eher aus Quatsch heraus entstanden ist. Früher in den Siebzigern haben sich Musiker Künstlernamen gegeben, weil ihre echten Namen blöd klangen. Später, seit der Punk-Zeit, gab man sich Künstlernamen, weil das Programm sein sollte. Farin Urlaub hat sich Urlaub genannt, weil er so gerne in den Urlaub fährt. Der ist schon damals mit 16 immer drei Monate weggefahren.
Als ihr mit den Ärzten begonnen habt, habt ihr eine Anzeige in einer Zeitung aufgegeben: "Beste Band der Welt sucht Plattenfirma". Muss man als Newcomer genau so auftreten?
Bela: Absolut, Selbstbewusstsein ist total wichtig! Es bringt überhaupt nichts, Everybody's Darling zu sein, besonders bei einer jungen Band. Wenn du heute eine junge Band bist, zwischen 16 und 20, und versuchst, jedem zu gefallen, hast du keine Chance. Das läuft nicht. Man muss anecken. Als Jugendlicher darf man sich noch unsterblich fühlen und großkotzig und unverschämt sein. Man kann alles ausprobieren und muss sich nichts sagen lassen, besonders nicht von Plattenfirmen. Und dann hat man tatsächlich gute Chancen, dass man mit seiner Band irgendwann mal wahrgenommen wird.
Bist du so selbstbewusst?
Bela: Auch dafür ist ein Alter Ego gut. Natürlich bin ich nicht 24 Stunden selbstbewusst. Es gibt auch sehr, sehr schwache Momente, das ist ganz normal. Aber um auf die Bühne zu gehen oder einen Song zu schreiben und ihn der Öffentlichkeit zum Fraß vorzuwerfen, braucht man Selbstbewusstsein, sonst kann man es gleich sein lassen. Sei einfach selbstbewusst und glaube an dich!
Nach sieben gemeinsamen Jahren habt ihr Die Ärzte 1989 aufgelöst, seit 1993 macht ihr aber wieder erfolgreich Musik zusammen. Was ist das Geheimnis einer gut funktionierenden Band?
Bela: Die Reibung! Es gibt diese Reibung zwischen uns Dreien, die macht die Sache interessant. Farin und ich sind wie Yin und Yang, Rodrigo ist die verbindende Linie. Durch diese Reibung stehen sich bei uns auch in den Songs Widersprüche gegenüber. Das bringt einen künstlerisch enorm weiter. Und es ist wichtig, dass einem das bewusst wird. Farin wurde das erst 1993 bewusst, dass er mit mir auf eine Art etwas hat, einen Kosmos, den er mit der Band King Kong nach der Auflösung der Ärzte nicht hatte. Er hatte da keinen Gegenpart.
Ist ständige Reibung nicht auch die beste Voraussetzung für Streit?
Bela: Man muss trotz aller Grabenkämpfe Missverständnisse rechtzeitig aus dem Weg räumen. Es gab schon Zeiten, wo wir nicht die besten Freunde waren – aber umso schöner waren die letzten zwei Jahre. Es ist unglaublich harmonisch, was bei den Ärzten gerade abgeht. Es ist fast schon wie bei den Waltons, dass wir nachts im Hotel alle rufen: "Gute Nacht, Farin", "Gute Nacht, Rod", "Gute Nacht, Bela". Das ist fast schon un-Rock'n'Roll-ig.
Liegt das an eurem Alter?
Bela: Keine Ahnung. Ich glaube, es liegt auch daran, dass wir viele Sachen gemeinsam durchgestanden und durchgekämpft haben. Und wenn jemand mal eine miese Phase hat, dann darf er die auch haben.
Schlägt das Punk-Rock-Herz nach all den Jahren immer noch in dir?
Bela: Ja, natürlich! Aber nicht nur das. Ich bin nicht nur der harte Rockmusiker. Ich glaube, dass ich einiges in mir trage, was die Leute von mir so nicht kennen, vielleicht auch nicht erwarten und was völlig konträr zu dem steht, was ich nach außen darstelle.
Zum Beispiel wärst du beinahe Polizist geworden.
Bela: (Lacht) Ich habe mich mit 15 bei der Polizei beworben – da gab's am meisten Geld, das war die Idee. Zu der Zeit hatte ich gerade angefangen, Schlagzeug zu spielen, habe Punk-Rock entdeckt und bei mir hat eine politische Bewusstseinsentwicklung stattgefunden. Als ich mit 16 dann die Ausbildung anfing, habe ich schnell gemerkt, dass das nichts ist und habe nach zwei Wochen gekündigt. Danach wollte ich Grafiker werden, aber meine Mutter war der Meinung, dass das kein Beruf mit Zukunft ist, also bin ich Schaufensterdekorateur geworden – ein Ausbildungsberuf, den es heute nicht mehr gibt. Meine Mutter hatte also Unrecht.
Was hat sie zu deiner Musikerkarriere gesagt?
Bela: Sie hat jahrelang versucht, mich davon zu überzeugen, nebenbei noch einen Beruf zu lernen. Aber als ich dann vor drei Jahren mein erstes Soloalbum veröffentlicht habe, hat sie gesagt, ich soll ja nicht mit den Ärzten aufhören!
Kurzinfo: Bela B.
- bürgerlicher Name: Dirk Felsenheimer
- geboren am: 14.12.1962 in Berlin
- Wohnort: Hamburg
- Job: Schlagzeuger bei Die Ärzte, Sänger und Gitarrist seines Soloprojekts
- Ende der Siebziger: Bereits als Teenager fängt Bela B. an, in diversen Punk-Bands Musik zu machen
- 1981: Bela B. und Farin Urlaub lernen sich beim Pogotanzen im "Ballhaus Spandau" in Berlin kennen, Farin steigt bei Belas Band Soilent Grün ein
- 1982: Soilent Grün lösen sich auf, Bela und Farin gründen zusammen mit Hans Runge Die Ärzte
- 1984: Die erste Ärzte-LP "Uns geht's prima" erscheint
- 1989: Die Ärzte lösen sich nach vier Alben auf
- 1993: Wiedervereinigung der Ärzte mit Rodrigo González am Bass
- 2001: Das Musikvideo zur Ärzte-Single "Yoko Ono" wird mit seinen 45 Sekunden als das kürzeste Musikvideo der Welt in das Guinness-Buch der Rekorde eingetragen
- 2002: Die Ärzte spielen als dritte deutsche Band ein MTV-Unplugged-Konzert
- 2006: Veröffentlichung von Bela B.s erstem Soloalbum "Bingo"
- 2007: Mit "Jazz ist anders" erscheint das elfte Studioalbum der Ärzte
- 2009: Belas zweites Soloalbum "Code B" wird veröffentlicht
Bela B. als Schauspieler
Bela B. ist ein großer Fan von Horrorfilmen und benannte sich nach dem Dracula-Darsteller Bela Lugosi. Schon Anfang der Achtziger wirkte er in Kurzfilmen seines Freundes Jörg Buttgereit mit. Seit Ende der Neunziger spielte er neben Kinofilmen wie "Over The Rainbow", "Kaliber Deluxe", und "Nachts im Park" zweimal bei "Cobra 11" und in einem Tatort mit. Seine erste Hauptrolle bekam er 2003 in dem Film "Edelweißpiraten", der die wahre Geschichte jugendlicher Widerstandskämpfer im Köln des Zweiten Weltkriegs erzählt. Seitdem kam Bela in zehn weiteren Kinofilmen und diversen Fernseh- und Kurzfilmen zum Einsatz. Entgegen vieler Gerüchte ist es aber nicht Bela B., der in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" als Platzanweiser im Kino einen Kurzauftritt hat – der Mann sieht ihm nur ziemlich ähnlich.


