Herr Renner, Sie kritisieren, dass die Musikbranche immer nur auf Nummer Sicher gehe und ausschließlich das vorantreibe, was schnell Geld bringt. Jetzt hört man ständig, dass die Labels kein Geld haben und sich kein Risiko leisten können. Was kann getan werden, um die Misere zu überwinden?
Tim Renner: Da muss man zuerst Ursache und Wirkung unterscheiden. Die Major-Labels sind durch ihren großen Erfolg dazu gekommen, mittelbar oder unmittelbar börsennotiert zu sein. Damit sind sie jedes Quartal einem großen Druck unterworfen und müssen alle drei Monate ganz schnell Ergebnisse vorzeigen können. Mit der Börsennotierung geht eine Kurzfristigkeit einher und damit sind die Labels nicht mehr in der Lage, langfristig Substanz aufzubauen. Das führt dann im Umkehrschluss wieder dazu, dass ihnen das fehlt, womit man am meisten Geld verdient, nämlich Katalog. Das sind Künstler, die schon lange etabliert sind und die die Finanzen eines Konzerns aufbessern. Jetzt klagen natürlich alle, dass sie kein Geld mehr haben, dabei haben sie die Situation teilweise selbst verursacht. Substanz schafft man durch Langfristigkeit und nicht nur durch das Auswerten einer Casting-Sendung oder das Aufspringen auf einen Trend.
Was sollte ein Label tun, das nicht das Geld hat, um Künstler erst einmal jahrelang aufzubauen?
Renner: Die Major-Labels sitzen auf riesigen Katalogen, die ihnen heute noch Kapital einbringen, und dieses Kapital müssen sie vernünftig einsetzen. Viel schwieriger ist es für die kleinen und mittelständischen Labels. Diesen Firmen bleibt nichts anderes übrig, als sich aus dem reinen Label-Dasein zu verabschieden und aus der ganzen Wertschöpfungskette, die Musik sonst noch mit sich bringt, das Geld wieder zurückzubringen und damit langfristig in Bands zu investieren. Es gibt auch positive Aspekte der Digitalisierung: Vieles ist dadurch günstiger geworden, beispielsweise die Produktion von Musik.
Ihrem Buch zufolge liegt die Rettung für die Musikindustrie in der Demokratisierung der Musik- und Medienwelt von unten, in der Vernetzung mit den individualisierten Verbrauchern. Was heißt das konkret?
Renner: Die Arbeit eines Managements und eines Labels unterscheidet sich heute im Gegensatz zu früher darin, dass jetzt von Anfang an beim Nutzer angesetzt wird. Man tritt also frühzeitig in eine Kommunikation mit den Hörern, baut frühzeitig Dateien zu seinen Künstlern auf und hat als gutes Management beziehungsweise Label seine eigenen Newsletter-Abonnenten, von denen man weiß, dass sie in der jeweiligen Szene hoch affin sind. Diese Leute bezieht man von Anfang an in die Entwicklung eines Acts ein. Das ist weniger ein Top-Down-Approach, was bedeutet, dass die Nutzer nur von Künstlern über das Bottleneck der Medien erfahren. Demokratisierung ist mehr ein gemeinsames Agieren. Hörer können für Künstler abstimmen und Feedback geben.
Mit Motor Entertainment haben Sie eine Firmengruppe aufgebaut, zu der neben dem Radiosender Motor FM auch der IPTV-Sender Motor TV gehört. Außerdem Download-Portal, Musikverlag, Booking-Agentur, Management und Label. Welche Vorteile hat ein Künstler, der sich in die Obhut von Motor Entertainment begibt?
Renner: Er hat zwei Vorteile: Zum einen wird er bei uns langfristig aufgebaut – für alles andere interessieren wir uns nicht. Zum anderen bekommt er bei uns das Know-how, wie man etwas entwickelt und kommuniziert. Bei uns bekommt er ein viel früheres Feedback von den Konsumenten, weil wir in der Lage sind, den Künstler im Radio oder IPTV aufzuführen und als Download anzubieten.
Bei Motor FM und -TV wird User Generated Content angeboten, wie funktioniert das?
Renner: Unsere Redakteure präsentieren und diskutieren Künstler im Netz, und wir werten das Feedback unserer User in den Foren aus. Musik unserer Künstler steht über unser Download-Portal zum Herunterladen zur Verfügung. Das ist für uns die valideste Form der Abstimmung. So merken wir: Diesen Künstler wollen die User haben – oder eben nicht.
Wie werden sie auf neue Musiker aufmerksam?
Renner: Wir sind nach wie vor in den Musikszenen vernetzt und müssen nach wie vor jede Menge sichten. Das sind heute keine Berge von Post mehr, sondern Tonnen von Mails und Uploads. Mit der Digitalisierung ist es einfacher geworden, Bands zu recherchieren, zum Beispiel über MySpace. Wenn eine Band denkt, dass sie gut bei uns aufgehoben wäre, soll sie uns einfach eine E-Mail schreiben. Wenn einem unserer Redakteure gefällt, was er hört, wird die Band in der Redaktionskonferenz besprochen.
Bei welchem Ihrer Künstler ist das Konzept aufgegangen?
Renner: Zum Beispiel bei Polarkreis 18: Bei der Band haben wir frühzeitig mitbekommen, dass sich etwas im Dresdener Raum tut, und wir haben die Band sehr intensiv begleitet. Dann haben wir über unsere eigenen Medien erste Kommunikationsschritte mit der Band gemacht, unter anderem mit der Hilfe einer kleinen Vinyl-Platte, die wir mit der Band produziert haben. Jetzt soll sie dann mit Universal noch massiver ausgewertet werden. Die Produktion einer CD ist mit das Riskanteste aller Felder in der Branche, und wir sind nicht zwingend diejenigen, die eine Musikaufnahme besitzen müssen. Wenn also ein anderes Label unseren Künstler übernehmen will, gerne - Be My Guest! Wir bleiben das Management. Aber wenn ein Künstler keinen Vertrag mit günstigen Konditionen angeboten bekommt, sind wir auch in der Lage, die Platte selbst zu produzieren – sowohl in Sachen Finanzen als auch Abwicklung.
Herr Renner, wie lautet Ihre Zukunftsprognose für die Musikbranche?
Renner: Die ist gar nicht mal so düster. Unsere Krise ist keine Krise der Musikindustrie, sondern der Tonträgerindustrie. Wenn sich dieser gordische Knoten einmal entwirrt hat und wir nicht mehr auf CDs bestehen, können wir weitermachen. In diesem Jahr haben endlich alle Download-Portale mit dem Kopierschutz aufgehört, denn der macht die legalen Musikdateien im Netz schlechter als die illegalen. Die Musikindustrie kann erst dann wieder wachsen, wenn sie sich der neuen Zeit stellt, und das wird sie nur können, wenn ihr Angebot mindestens genauso gut ist wie das, das es im Internet illegal gibt. Das könnte zum Beispiel mit einer legalen Flatrate funktionieren. Einer aktuellen Studie zufolge ist der US-Konsument dazu bereit, 14,99 Dollar pro Monat zu bezahlen, wenn er damit Zugriff auf das gesamte Musikarchiv bekommt. Das ist mehr Geld, als der durchschnittliche US-Bürger derzeit pro Monat für Musik ausgibt.
Das Interview in voller Länge erschien im music supporter 03/09. Erhältlich hier.
Kurzinfo: Tim Renner
- geboren am 1. Dezember 1964 in Berlin
- in den achtziger Jahren Moderator für den NDR und Journalist für diverse Magazine
- 1986 A&R-Manager bei Polydor
- 1989 Leitung der Abteilung Polydor Progressive Music
- 1994 Leitung des neu gegründeten Polygram-Sub-Labels Motor Music Ltd.
(Aufbau von Bands wie Rammstein, Sportfreunde Stiller und Tocotronic) - 1998 bis 2004 President Music der Universal Music Deutschland
- seit 2004 geschäftsführender Gesellschafter Motor Entertainment
Buchtipp:
- Tim Renner: Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm: Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie (Rogner & Bernhard Verlag, 2008, Neuauflage)


