Er lebt und arbeitet weitab vom Schuss, und doch ist keiner so nah dran am Musikgeschehen wie er. Rainer Tararas Zuhause liegt in einem ruhigen Ortsteil einer kleinen Gemeinde im Südosten Münchens. Schräg gegenüber gibt es einen Kindergarten, einen Spaziergang entfernt wirbt ein schwedisches Möbelhaus mit unentdeckten Möglichkeiten. Sonst eher Stillstand. Von hier aus verändert der Ruhelose die Musikszene wie kaum ein Anderer. Er telefoniert mit Talenten, empfängt die Entscheider, vermittelt Kontakte zu Anwälten, Produzenten und Label-Chefs. "Ich bin vernetzt und habe meine Leute", sagt Rainer Tarara, als das Telefon klingelt und ihn unterbricht. Ein junger Münchner Musiker möchte sich mit ihm für den Abend verabreden. Tarara willigt ein, und man bekommt eine erste Ahnung davon, warum sich dieser Mann auch "Music Angel" nennt.
Der Musikengel ist ein großer Mann. Er wird bald 60, was seine sportliche Figur und der wache Blick leugnen. Der Wahl-Münchner gilt als einer der einflussreichsten Führungskräfte der deutschen Musikindustrie. Seit 40 Jahren ist er im Geschäft, bis auf Warner stand er bei allen Major-Labels auf der Gehaltsliste. "Ich habe alles erlebt, was man sich vorstellen kann." Er war im Management der Toten Hosen, und auch die Böhsen Onkelz hat er intensiv begleitet. Er hat Sinéad O'Connor auf dem deutschen Markt erfolgreich gemacht und ein paar Jahre später The Verve zum Durchbruch verholfen. Um nur ein paar Höhepunkte zu nennen.
Menschenkenntnis und Bauchgefühl
Der geborene Gütersloher ("Ich war immer ein Bertelsmann-Kind") lernte bei Ariola, was ein Industriekaufmann alles können muss, später war er Geschäftsführer bei Virgin und Vertriebschef von Universal. Seit 2003 ist er "selbstständig und unabhängig", wie er sagt. Als Musikmanager und -produzent, Unternehmensberater und Label-Betreiber (3010 Records) hat er seine Ohren überall und seine Finger meist im Spiel. "Vieles parallel zu machen, ist nicht immer einfach. Aber ich krieg das schon auf die Reihe", erklärt der Geschäftsmann. "Mir macht es Spaß, Leute zu unterstützen."
Leute wie David Sobol zum Beispiel (siehe Bild, links). Der Münchner Musiker, der unter dem Projektnamen Betty Blitzkrieg vor zwei Jahren bei Universal unter Vertrag genommen wurde und nun auf seinen Durchbruch hofft, hat Tarara bereits viel zu verdanken. Er streckte dem Newcomer die Produktionskosten für sein Debütalbum vor, das im Frühjahr erschien, und fädelte den Deal mit dem Major-Label ein. Heute ist Tarara der Manager des provokanten Künstlers, der sich selbst als "einziges Zitat" bezeichnet und von der Süddeutschen Zeitung als "Münchens späte Antwort auf Falco" eingeordnet wird. Eine Stärke des Musikexperten ist das Erkennen von stimmigen Konzepten und Künstlern mit Hitpotential. Was man dafür benötigt? "Menschenkenntnis und Bauchgefühl", sagt Tarara. Aber damit allein ist es nicht getan.
Einer wie Tarara ist immer in Bewegung. Ein Ruheloser, der früher für den FC Gütersloh hochklassigen Fußball spielte und während seiner Zeit als Außendienstmitarbeiter von BMG als "Reisender des Jahres 1979" ausgezeichnet wurde. Heute begegnet man ihm meist auf Festivals und Konzerten, wenn er sich Nachwuchskünstler aus der Nähe ansieht und anhört. "Du bist immer unterwegs, jagst den Dingen hinterher", sagt der Scout, an dem man als ambitionierter Musiker in der Münchner Szene kaum vorbeikommt.
"Ich brenne noch genauso wie vor 40 Jahren"
"Ich hasse Stillstand", sagt Rainer Tarara und schwingt sich vom Wohnzimmersofa hoch, um neuen Kaffee zu holen und eine Zigarette zu rauchen. Er ist Einer, der sich auf seinen Erfolgen nicht ausruht, sondern immer weiter Gas gibt. Das ist schon daran zu erkennen, dass er nur zwei seiner unzähligen Goldenen Schallplatten in seinem Büro aufbewahrt. "Die anderen hab ich verschenkt", behauptet er. Aber die von Sinéad O’Connor und Nickis "Kleine Wunder", die hat er behalten. "Ich weiß noch genau, wie ich vor dem Video zu ,Nothing Compares 2U' gesessen und geheult habe", erzählt der Geschäftsmann, dem man Tränen eher dann zutraut, wenn sein geliebter FC Bayern ein Champions-League-Finale verliert. Wie bei Oliver Kahn zählt auch in seiner Karriere nur der nächste Erfolg. Immer weiter. "Ich brenne noch genauso wie vor 40 Jahren", sagt Tarara. Wer ihn kennt, zweifelt daran keine Sekunde.
Im zweiten Teil des Porträts erklärt Rainer Tarara, worauf es im Musikgeschäft ankommt (siehe weitere Artikel).
Rainer wird gewinnen: Tararas Karriere
Rainer Tarara wird in Gütersloh geboren, wo er nach Volks- und Handelsschule bei Ariola eine Ausbildung zum Industrie-Kaufmann absolviert. Danach studiert er BWL in Dortmund. Mehr als 20 Jahre lang ist er als Vertriebsexperte bei den großen Labels tätig, schraubt die Verkaufszahlen bei Ariola, BMG, Virgin und Emi nach oben. Tarara kümmert sich zunächst um Schlagerinterpreten wie Peter Alexander, Nicki und Rex Gildo, später legt er sich für Popstars wie U2 und Billy Idol ins Zeug. 1999 macht sich der Kaufmann erstmals selbstständig und trägt im Management-Team der Toten Hosen zum zunehmenden Erfolg der Punkrocker bei. 2000 ist er einer der Gründer des Dienstleistungsunternehmens Alive. Ein Jahr später bringt er sein Know-how als Vertriebschef bei Universal ein, wo er unter anderen den No Angels zum Senkrechtstart verhilft. 2003 macht er sich erneut selbstständig, arbeitet zunächst in Berlin, später in München. In der Münchner Szene hat er sich den Ruf erarbeitet, als "Music Angel" den Nachwuchs zu fördern. Seine Kontakte zur Musikindustrie sind ihm dabei hilfreich. Rainer Tarara ist Manager, Unternehmensberater, Verleger und Produzent, unter anderen arbeitet er mit Interpreten und Partnern wie Betty Blitzkrieg und Rough Trade zusammen. 2008 gründet er sein eigenes Label "3010 Records", auf dem zum Beispiel das virtuose Klassik-Hip-Hop-Kollektiv Eins hoch 6 seine Werke veröffentlicht (aktuelles Album "Rettet Deutschland").


