Joko, wann hast du bemerkt, dass die Arbeit vor der Kamera zu dir passt?
Joko: In der Schule hat mich unser Oberstufenleiter gefragt, ob ich Lust hätte, die St. Martins-Veranstaltung für die Unterstüfler in der Aula zu moderieren - weil ich doch immer so eine große Klappe im Unterricht hätte. Das war meine erste Moderationserfahrung. Das Ziel, Moderator zu sein, habe ich aber nie sehr verfolgt. Dadurch, dass ich später als TV-Redakteur gearbeitet habe und mit vielen Moderatoren zu tun hatte, wusste ich zumindest: Das kriege ich auch hin, das ist ja keine Kunst. Man hat das Glück, dass man vor der Kamera reden kann, ohne sich zu verstellen. Ob das eine Gabe ist oder nicht, sei dahingestellt. Aber dadurch, dass man das einfach kann, ohne groß darüber nachzudenken, ist das Moderieren für einen genauso selbstverständlich geworden, wie es für die Rolling Stones selbstverständlich war, Musik zu machen.
2005 kamst du ins feste Moderatorenteam von MTV - und gleichzeitig in eine Welt, in der der Umgang mit Prominenten zum Tagesgeschäft gehört. Hat dich der ständige Kontakt mit Berühmtheiten anfänglich gereizt, und wolltest du selbst gerne berühmt werden?
Joko: Ich würde lügen, wenn ich nein sagen würde. Ich hatte schon eine Idealvorstellung eines Prominenten, die aber weit von der Realität entfernt war. Ich fand es am Anfang super, wenn Megastars in eine Sendung kamen, und man persönlich mit denen sprechen konnte. Aber das sind alles Menschen, die meistens langweiliger sind, als man selber. Sie haben eine gespaltene Persönlichkeit, können zwischen der privaten Person und der, die sich in der Öffentlichkeit bewegt, hin und her switchen. Professionelle Schizos.
Du hast große Karrieresprünge erlebt: Von einer abgebrochenen Ausbildung über die Arbeit als TV-Redakteur bis zum Moderatorendasein war es ein langer Weg.
Joko: Ja, und ich weiß gar nicht, warum ich das Glück habe, dieses Leben so zu leben, wie ich es lebe. Ich weiß, dass der Weg, den ich da bestritten habe, kein selbstverständlicher war. Ich hätte nach der abgebrochenen Ausbildung auch versanden und keinen Fuß mehr auf den Boden kriegen können. Hätte ich mich damals nicht entschieden, nach Hamburg zu ziehen und ein Praktikum bei einer Produktionsfirma zu machen, hätte ich wahrscheinlich einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Ich habe mich letztlich entschieden, meinen Kopf durchzusetzen und Risiken einzugehen.
Stellt dir MTV Coaches zur Seite, die dir bei deiner Entwicklung vor und hinter der Kamera helfen?
Joko: Du bekommst schon ein Coaching, aber nicht fürs Leben, sondern für das, was du beruflich machst. Damit du dich weiterentwickeln kannst und dir deine Schwächen aufgezeigt werden können. Zu diesen Schwächen gehören zum Beispiel Fehler in Interviews, zu schnelles Reden, falsche Betonungen. Wir haben einen Redaktionsleiter und ganz viele andere Leute, die sich um dich kümmern und deine Termine organisieren. MTV ist ja ein Haufen Gleichgesinnter, die an einem Strang ziehen. Deswegen habe ich hier auch mehr Freunde als Arbeitskollegen. Was das Leben außerhalb der Arbeit angeht, therapiert man sich ständig über den Freundeskreis. Das Angenehme ist ja, dass man irgendwann auch Freunde aus dem öffentlichen Leben hat, mit denen man darüber sehr gut sprechen kann, und die auch wissen, wovon man redet. Im eigenen Freundeskreis kann man auch sehr schnell arrogant oder abgehoben wirken, weil die Probleme, die man beschreibt, auch eher selbstverliebt klingen können, als ein wirkliches Problem darzustellen.
Wenn du eine Sendung aufzeichnest, wirkt dann die Kamera auch als Schutzschild vor Nervosität?
Joko: Nein. Bei mir tritt mit jeder Sendung Nervosität ein und auch der Gedanke: Hoffentlich überlebe ich die nächste Stunde. Das Moderieren ist für mich immer noch so, als würde ich ein Referat in der Schule halten. Ich habe eine gesunde Aufgeregtheit und sage mir vorher immer: Konzentrier dich!
Aber sobald die Kamera läuft, traust du dich doch sicher mehr als zuvor.
Joko: Das auf jeden Fall. Du bekommst dann eine gewisse Dreistigkeit und Überheblichkeit, die dich manche Sachen auch falsch einschätzen lässt. Ich glaube, die Kamera verändert nicht wirklich dein Bewusstsein, aber dadurch, dass du weißt, du wirst beobachtet, hast du ein ganz anderes Ego als ohne Kamera. Privat würde ich niemals Bungee springen, aber wenn ich eine Kamera dafür bekäme und man lange genug auf mich einreden würde, wäre auch das möglich.
Die Kamera ist jedoch nicht unbedingt ein Schutzschild vor Nervosität oder Unsicherheit. Wenn du mir in diesem Interview hier beispielsweise eine Frage stellst, denkst du, während ich sie beantworte, wahrscheinlich schon darüber nach, was die nächste Frage sein könnte. Man denkt also, während man spricht, das unterschätzt man total. Dadurch hat man ein ganz anderes Bild von dem, was man abliefert. Ich denke manchmal nach einer Sendung, dass sie schlecht gelaufen ist, weil ich hier und da zu unsicher war. Abends sehe ich sie mir dann an und stelle fest: Die Sendung war super! Niemand hat diesen inneren Monolog gehört, keiner diese Unsicherheit gespürt. Nach außen hin hast du eine Souveränität ausgestrahlt, die dir in dem Moment gar nicht bewusst war.
Im zweiten Teil des Interviews erklärt Joko, welche Fehler man beim Moderieren besser vermieden sollte und welche Fähigkeiten man für den Beruf mitbringen sollte (siehe weitere Artikel).


