Kaum etwas bremst Kreativität so sehr wie ein weißes Blatt Papier. "Der Teufel hat weiße, rechteckige Augen." Wer den ersten Teil des music-supporter-Ideen-Workshops gelesen hat, erinnert sich vielleicht noch an dieses Zitat des Münchner Schriftstellers Sigi Sommer. Ein leeres Blatt Papier scheint wie eine weiße Mauer im Kopf zu sein. Wer einem Kind sagt, es solle doch etwas malen, wird wohl in fragende Augen blicken und ein "Was denn?" hören. Wer dem Kind gleich die Aufgabe stellt: "Mal doch einfach, was du bei deinem Besuch im Tierpark gesehen hast", wird bald ein kleines Meisterwerk voller Löwen, Affen, Zebras, Ameisenbären und kleckernder Eistüten entstehen sehen. Unser Gehirn ist ein großartiger Problemlöser. Der schlaue Kreativtechniker schafft sich daher gezielt Probleme, um die Lösungsproduktion seiner Denkfabrik anzukurbeln. Ein paar dieser Methoden stellen wir im dritten und letzten Teil des Kreativitäts-Kurses vor.
Konfrontationsmethode
Im vorigen Teil des Workshops haben wir aus einer Ideenquelle möglichst viele Einfälle sprudeln lassen, etwa durch Mindmaps oder im Brainstorming. Manchmal gerät der Fluss aber an eine Staumauer, nichts fließt mehr. Die Technik ist nun, einen Kanal um die Denkblockade herumzugraben. Durch eine Zusatzaufgabe verlassen wir den festgefahrenen Weg und lotsen das Gehirn aus seiner Dauerschleife immer gleicher Gedanken. Am einfachsten geht das mit der visuellen Konfrontation. Dazu brauchen wir ein beliebiges Bild. Kreativprofis haben ein gutes Dutzend davon auf Lager, am besten eignen sich Ausschnitte ganzseitiger Fotos aus Zeitschriften, es ist egal, was darauf zu sehen ist, nur Text sollte keiner zu lesen sein. Nun lassen wir ein zufällig ausgewähltes Bild auf uns wirken und fragen uns, was es uns analog über unser Problem sagen soll. Zum Beispiel: Nach Ende eines Seminars soll ein Teilnehmer den Kurs beurteilen. Er nimmt ein Foto, auf dem etwa ein Hochhaus zu sehen ist, dann fängt er an zu assoziieren: Die Fenster stehen für neue Einblicke, die er gewonnen hat; das Haus sieht aus wie ein Turm, zu dem sich auch seine Erkentnisse aufgeschichtet haben; doch ist die Fassade ein wenig monoton, und so ist ihm auch der Kurs vorgekommen. Und so weiter. Oft holt diese Methode ungewöhnliche Einsichten hervor, die man auch leicht kommunizieren kann.
Konfrontationen funktionieren auch akustisch (was sagt mir ein Instrumental-Musikstück über die Sache?) oder mit Gegenständen (Welche Gemeinsamkeiten entdecke ich zwischen dem Schlüsselbund, dem Einkaufskorb, der Tischdecke etc. und meinem Problem?). Dabei kommen auch der Hör- oder Tastsinn ins Spiel.
Auch eine Fahrt ins Blaue bringt einen auf neue Gedanken. Dafür muss man sein Büro noch nicht einmal verlassen. Es reicht eine Fahrt mit einem Spielzeugauto über den Schreibtisch. Man versetzt sich mental in die Rolle des Fahrers. Der Perspektivwechsel in diese neue Welt spornt die grauen Zellen an.
Bisoziation
Die nächste Stufe der Kreativitätsevolution ist die Bisoziation – das Verknüpfen von zwei Polen. Vergleichen wir das mit dem Schreiben eines Textes: Wer einen Anfang gefunden hat, kann daran anknüpfen und seine Geschichte fortspinnen. Nur verirrt man sich dann sehr oft im (Märchen-)Wald. Gute Autoren kennen daher außer dem Einstieg immer zumindest auch den Schluss. Automatisch baut das Gehirn mit seinen eingelagerten Denkbausteinen Anfang und Ende, die Geschichte stapft stetig und zielgenau voran. Die Vorliebe unseres Gehirns für Verknüpfungen aller Art kann man sich vielseitig zunutze machen. Hast du die Brainbuilding-Aufgabe vom letzten Mal erledigt? Prima! In dem Fall hättest du jetzt ein paar ABC-Listen vor dir liegen. Zum Beispiel eine mit Musikstilen von Alte Musik über Rock und Walzer bis Zydeco. Jetzt stelle dir noch eine mit Instrumenten von Altflöte über E-Gitarre und Taschenkamm bis Zinken (ein altes Holzblasteil) auf. Die Aufgabe ist nun, alle Punkte der Liste 1 mit jeweils allen Punkten der Liste 2 zu verbinden und sich zu fragen, ob dadurch eine neue, interessante Art entsteht, Musik zu machen: Einen Walzer mit Geigen zu spielen, ist nicht revolutionär, aber vielleicht Rock auf einer Querflöte? Okay, das haben Jethro Tull schon gemacht, aber dafür wurden sie auch berühmt. Vielleicht wurde in der Musikgeschichte ja noch etwas übersehen. Noch interessanter wird es, wenn du die Liste der Instrumente um Ungewöhnliches, zum Beispiel Werkzeuge wie Hammer, Bohrmaschine oder Luftpumpe, ergänzt. Eine Liste von Haushaltsgegenständen kann man mit Unterhaltungselektronik kreuzen, so erhält man vielleicht einen Toaster, der MP3 abspielt, eine Waschmaschine mit Wohlfühlbeleuchtung oder einen Bügelbrett mit DVD-Spieler und Monitor (sollte man gleich als Patent anmelden). Gerade bei Erfindern und in der Produktentwicklung sind solche zufälligen Zwangskombinationen beliebt.
Übung: Erstelle eine Liste mit Sportartikeln (Skier, Rollschuhe, Fußball etc.) und eine mit Werkstoffen (Stahl, Kohlefaser, Holz, Gummi etc.) und kombiniere sie. Kannst du so einen Sportartikel verbessern oder gar eine neue Sportart daraus entwickeln?
Morphologischer Kasten
Nimmt man nun nicht nur zwei Listen sondern drei oder noch mehr, erreicht man bald eine unglaublich große Zahl an Kombinationsmöglichkeiten, darunter solche, auf die man mit Nachdenken nie kommen würde. Der sogenannte Morphologische Kasten macht diese Methode zum System. Dabei zerlegst du zunächst ein Problemfeld in seine Bestandteile, die Parameter. Zu diesen findest oder erfindest du nun einzelne Ausprägungen. Diese verbindest du wieder miteinander, kreuz und quer. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Autoren von Liebesschnulzenromanen erzeugen so, mit immer gleichen Bausteinen, Hunderte unterschiedliche Bücher. Schau dir den folgenden Morphologischen Kasten als Romanbaustelle an.
Sujet | Person 1 | Person 2 | Gegner | Milieu | Spielort | Zeitalter |
|---|---|---|---|---|---|---|
Krimi | Pfarrer | Politiker | Metzger | Rathaus | USA | Gegenwart |
Liebe | Fußballer | Lehrerin | Person 2 | Rotlicht | Tokio | Zukunft |
Drama | Spongebob | A. Merkel | ein Stuhl | Yogastudio | Tankstelle | Kreidezeit |
Historie | Ritter | Bäckerin | der Autor | Burg | Mittelerde | Mittelalter |
Komödie | Ärztin | Polizist | Tankwart | Friedhof | Köln | Zeitreise |
Natürlich besteht eine Geschichte aus noch mehr Parametern, und die Listen sind beliebig zu verlängern. Je kurioser die Kombination (ein Pfarrer, der mit eine Bäckerin zur Kreidezeit in Mittelerde gegen einen Stuhl kämpft ...), umso aktiver wird das Gehirn versuchen, daraus eine plausible Geschichte zu stricken. Oder, was glaubst du, wie Monty Python auf ihre absurden Sketche gekommen sind? Ob mit Tabelle oder nicht – da wurde kombiniert, bis sich die Zuseher vor lachen krümmten.
Übung: Entwerfe einen Morphologischen Kasten für eine Fernsehshow.
Schluss
Wie schon geschrieben: Man sollte seinen Schluss immer im vorhinein kennen. Aber lassen wir diesen hier bewusst offen. Kreativität ist ein unendlicher Prozess. Mit ein bisschen Übung in den Techniken werden dir die Ideen nie ausgehen.
Lektüre-Tipps
- Kreativitätstechniken, Michael Knieß (dtv): ausführliches Grundlagenwerk mit einer guten Methodenübersicht, Theorie, Verweisen auf Studien sowie einem umfangreichen Übungsteil
- Kreativitätstechniken (Hanser Fachbuch): leicht verständlicher Überblick über die grundlegenden Methoden
- Kreativität – Wie Sie das Unmögliche schaffen und Grenzen überwinden, Mihaly Csikszentmihalyi: ein Klassiker der Kreativitäts-Psychologie, weniger praxisorientiert
- http://www.birkenbihl.de/: humorvolles und ideenreiches Internetportal der großen Denk-Trainerin Vera F. Birkenbihl
Der Autor

Michael Zirnstein, Jahrgang 1973, ist Kultur- und Reisereporter bei der Süddeutschen Zeitung. Er gibt Kurse für kreatives und journalistisches Schreiben. Geistig und körperlich fit hält er sich beim Swing-Tanzen, Lesen, Yoga, Schmieden und Gitarrespielen.


