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Selten so gedacht – neue Wege der Ideenfindung (Teil 2)

11. April 2010, von  Michael Zirnstein
Jeder findet Ideen auf seine Weise. Dieser dreiteilige Workshop stellt die wichtigsten und einige außergewöhnliche Kreativitätstechniken vor. Dazu gibt es Tipps und Übungen zur Leistungssteigerung der Denkfabrik. Im zweiten Teil geht es um verschiedene Möglichkeiten des Brainstormings.
Der Inhalt des Workshops als Mindmap.

Probleme gibt es zuhauf. Zum Beispiel: Wie fängt man den zweiten von drei Artikeln eines Kreativ-Workshops an? Beim Zähneputzen kommt einem vielleicht die Idee, es mit einem Bild zu versuchen. Etwa so: Unser Gehirn funktioniert wie ein umgekehrtes Bergwerk. Ständig tragen wir kleine Edelsteine hinein – die Erfahrungen, die wir beim Einkaufen oder Fußballspielen machen, das Interessante, das wir lesen, was uns Kollegen erzählen. Aber wenn der Tag kommt, da wir mit einem dieser Rohdiamanten im Lösungsladen genau das Gesuchte einkaufen sollen, haben wir vergessen, wo wir ihn gelagert haben. Gut, dieser Anfang steht wissenschaftlich auf wackligen Beinen, aber: Es ist ein Anfang. Und der ließe sich ausbauen: Kreativitätstechniken sind die Bohrer, mit denen wir Stollen ins Bergwerk treiben. Klingt auch holprig, aber darum soll es diesmal gehen: Ums Sammeln von haufenweise Ideen, egal wie ungeschliffen, jede könnte wertvoll sein. Die folgenden Techniken helfen, im stark mit dem Unterbewusstsein verknüpften Langzeitspeicher nach Lösungen zu graben.  

  

Das Brainstorming

 

Diese Methode haben die meisten schon angewendet. Eine Gruppe trifft sich, um Ideen sprudeln zu lassen. Es ist eine intuitive, assoziative Methode: Spontan gehen die Teilnehmer auf geäußerte Gedanken ein, spinnen sie weiter und knüpfen so ein Netz aus Einfällen. Zum Beispiel, wenn die Redaktion einer Schülerzeitung überlegt, mit welchen neuen Elementen man das Heft spannender gestalten kann: "Eine Witzseite", sagt einer. "Ja, mit den Lieblingswitzen der Lehrer", ein anderer. "Man könnte auch ein Poster mit der Karikatur eines Lehrers bringen." Und so weiter. Da muss noch nichts Brauchbares dabei sein, aber wichtig ist, dass der Ideen-Ball hin und her springt. Deswegen ist auch der größte Quatsch erlaubt. Nur Killerphrasen wie "zu teuer!", "langweilig!", "du bist blöd!" oder "das funkioniert doch nie" sind verboten. Die Auswertung erfolgt hinterher!

 

Ein paar Tipps:  

  • In der Gruppe gelten keine Rangunterschiede, auch wenn der Chef dabei ist.
  • Eine themenferne Aufwärmrunde bringt alle auf Betriebstemperatur (etwa "Jeder nennt etwas, das grün ist.")
  • Ein Moderator schreibt die Ideen auf ein großes Blatt Papier, wacht über die Zeit, weist  Killerphrasen zurück, spricht in Denkpausen einzelne Gedankenstränge noch mal an. Er äußert keine eigenen Ideen.
  • Die Gruppe sollte zwischen drei und zwölf Personen umfassen.
  • Fachfremde, unvoreingenommene Teilnehmer dazuholen.
  • Nicht zu schnell aufhören: Nach dem ersten Ideenschwall tritt meist ein toter Punkt ein (nach zehn bis 15 Minuten). Trotzdem weitermachen, denn es kommen bald viel ausgefallenere Lösungen zu Tage! Nach etwa 45 Minuten sollte man die Sitzung beenden.
  • Man kann den Teilnehmern später ein Protokoll übergeben. Das setzt Denkprozesse in Gang, die Grundlage für ein weiteres Brainstorming sein können. 

 

Beim Brainstorming werden Ideen aus dem Wissenschatz der ganzen Gruppe geschöpft. Und der Ideenstarter ist ebenso willkommen wie der Trittbrettfahrer. Das Arbeiten in der Gruppe kann einzelne aber unter Druck setzen, sie könnten von allzu aktiven Teilnehmern eingeschüchtert werden und sich nicht trauen, gerade außergewöhnliche, vielleicht unschicklich erscheinende Ideen zu äußern. Andere Methoden umgehen das Problem. 

   

Anonymes Brainstorming

 

Die Teilnehmer schreiben schon vor der Gruppenphase in Ruhe einzeln Lösungen auf einen Zettel, die der Moderator im Plenum vorliest und so zur Weiterentwicklung bringt. Auch bei größeren Gruppen geeignet.

 

Übung: Eine Übungsaufgabe, die mit allen Brainstorming/writing-Methoden gelöst werden kann: In eurer Nachbarschaft bietet jemand einen kleinen Laden von 100 Quadatmetern zu einem Spottpreis an. Was für ein besonderes Geschäft könntet Ihr darin aufziehen?


Brainwriting – Methode 635

 

Diese Technik ermöglicht effektives, anonymes Arbeiten in einer Sechser-Gruppe. Man braucht dafür sechs Zettel: oben die Frage, darunter drei Spalten. Jeder Teilnehmer schreibt innerhalb von fünf Minuten in jede Spalte eine Idee. Dann werden die Zettel dem linken Nachbarn übergeben. Der trägt nun entweder weitere eigene Vorschläge ein oder spinnt  die schon dastehenden Lösungen weiter. Wenn in einer halben Stunde jeder Zettel von jedem Teilnehmer bearbeitet worden ist, werden die Vorschläge von allen diskutiert.  

  

Ideen-Bild

 

Um auch andere Areale des Gehirns einzubeziehen, kann man eine Gruppe auch bitten, die Ideen als Bilder, Piktogramme oder Wortgebilde in einer Collage zu zeichnen. Alle sollten überall mitkritzeln und die Zeichnungen erweitern. Das Blatt sollte möglichst groß sein (A2).

 

Übung: Zeichnet ein Ideen-Bild zur Planung eines Sommerfestes im Kindergarten.


Sechs-Denkhüte-Methode nach de Bono

 

Diese Technik soll das Denken flexibel halten – gerade, wenn man alleine arbeitet oder wenn schon in vorherigen Phasen Ideen gesammelt wurden. Die Vorschläge werden dabei aus sechs verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Das regt zu weiteren Ideen an. Für jede Perspektive steht ein imaginärer Hut in einer anderen Farbe, den man sich jeweils für fünf bis zehn Minuten gedanklich auf- und absetzt.  Ein Rollenspiel für den Einzelnen (das auch in der Gruppen funktioniert, wo alle jeweils denselben Hut aufsetzen, oder jeder einen anderen).  

  • Weiß: analytisches Denken. Konzentration auf Tatsachen und Anforderungen.
  • Rot: Intuition. Welche Gefühle weckt ein Vorschlag?
  • Schwarz: sachlich negativ. Welche Risiken und Probleme wirft ein Vorschlag auf?
  • Gelb: positive Eigenschaften. Was bewirkt der Vorschlag Gutes?
  • Grün: Kreativität: Welche Alternativen gibt es?
  • Blau: Überblick. Welche Schlussfolgerungen können gezogen werden?


Brainbuilding

 

Beim Konditionstraining für den Kopf bauen wir diesmal die Straße zwischen dem Bewusstsein und dem Unterbewusstseinsspeicher aus. Und zwar mit ABC-Listen. Zuerst fertigen wir uns Formulare an: A4-Blätter, auf die wir von oben nach unten das Alphabet aufschreiben (am besten ein paar Mal kopieren). Zu den folgenden Oberbegriffen schreiben wir dann neben jeden Buchstaben einen passenden Begriff. Eine Woche lang jeden Abend für fünf Minuten wiederholen. Auch, wenn die Liste am ersten Tag noch löchrig aussieht, das Gehirn wird unterbewusst weiter Lösungen suchen (Inkubation=Ausbrütung) und finden (Illumination=Erleuchtung, Aha-Effekt). 

 

  • 1. Woche: Musikstile (Alte Musik bis Zydeco)
  • 2. Woche: Werkzeuge (Angel bis Zange)
  • 3. Woche: Fitness-Übungen (Armbeuge bis Zehenstand)
  • 4. Woche: bildende Künstler (Arlet bis Zeissig)

 

Die ABC-Listen gut aufheben, die brauchen wir im dritten Teil des Kreativitätsworkshops, wenn es um Bisoziationen geht (siehe weitere Artikel).


Der Autor

Michael Zirnstein, Jahrgang 1973, ist Kultur- und Reisereporter bei der Süddeutschen Zeitung. Er gibt Kurse für kreatives und journalistisches Schreiben. Geistig und körperlich fit hält er sich beim Swing-Tanzen, Lesen, Yoga, Schmieden und Gitarrespielen.