Herr Schreyl, im ersten Teil des Interviews haben wir über Einstiegsmöglichkeiten beim Fernsehen gesprochen. Sie sind inzwischen eine feste Größe in der deutschen TV-Landschaft. Was ist Ihr persönliches Markenzeichen bei Ihrer Moderation?
Schreyl: Wenn Sie meine Feinde fragen, würden die sagen: "Der liest von Karten ab" (lacht herzlich). Mir tat das eine ganze Weile weh, dass man auf meinen Moderationskarten rumgehauen hat. Aber heute kann ich darüber lachen. In der Tat bin ich sehr froh, dass ich meine Moderationskarten habe, weil ich ohne Teleprompter arbeite. Es wäre doch schlimm, wenn ich nicht mehr wüsste, wie es weitergeht. Es gibt Kollegen, die arbeiten mit übergroßen Pappen, die ein Assistent neben der Kamera nach oben hält. Das finde ich völlig absurd, das ist für die Zuschauer einfach blöd. Ein Teleprompter ist zwar total easy, aber man läuft Gefahr, nur abzulesen und nicht mehr auf die Situation zu achten. Deswegen habe ich mich für Karten entschieden.
Ich denke, dass ich ein Moderator bin, der die Situation schnell analysieren kann, und bei Sendungen wie "DSDS" und "Das Supertalent" muss meine Aufmerksamkeit überall sein. Ich glaube, ich kann diese große Bühne mittlerweile ziemlich gut managen. Das bedeutet aber nicht, dass ich völlig fehlerfrei und nicht mehr nervös bin. Kurz vor der Sendung werde ich ab und an hektisch oder apathisch, aber dann setze ich zwei Füße auf die Bühne und habe wieder das Gefühl, dass ich die Situation managen kann. Das sollte man nicht nur bei einer großen Samstagabend-Show können, auch bei Magazinen wie "Explosiv" oder Sportberichterstattungen. Mein großes Vorbild war immer Anne Will. Bei ihr hatte ich immer das Gefühl, dass sie die Situation im Griff hat. Wenn sie ein brisantes politisches Thema diskutieren und am Ende trotzdem noch eine Augenbraue hochziehen und einen kleinen Scherz machen konnte bei den "Tagesthemen", dann hatte ich das Gefühl, sie hat wirklich alles im Griff.
Seit 2008 moderieren Sie "Das Supertalent" gemeinsam mit Daniel Hartwich. Warum haben Sie in der zweiten Staffel Verstärkung bekommen?
Schreyl: Das englische Konzept ist da natürlich ein Vorbild. Ant & Dec funktionieren bei "Britain's Got Talent", sind aber eher eine Person als zwei. Die sind zusammen in der Sandkiste groß geworden. Ich glaube, die hatten dieselben Mädels, deren Mütter wussten nicht mehr, welcher ihrer war. Aber es ist einfach clever, die Sendung zu zweit zu moderieren, weil sie so polarisiert. Die Sendung ist schräg, skurril bis hin zu romantisch, hochemotional und einfach schön. So eine Bandbreite kann eine einzige Person gar nicht liefern. Bei der gemeinsamen Moderation bekommt der Zuschauer das Gefühl, er wäre zufällig dabei, wir nennen das den Schlüssellocheffekt. Daniel und ich schaffen es mehr und mehr, den Zuschauer einfach nur dabei sein und ihn wählen zu lassen, auf welche Seite der beiden Moderatoren er sich schlägt. Daniel und ich sind völlig verschieden, aber zusammen funktioniert das sehr gut.
Sie twittern viel. Schreiben Sie das alles selber?
Schreyl: Bei Twitter kommt alles von mir, der Kontakt zu den Fans ist mir wichtig. Es gibt zwei Gruppen von Fans: Entweder sind sie total körperbetont und überschreiten Grenzen, die ich dann zurückweise im Stil von: "Moment! Einmal kurz anständig sein und Bitte und Danke sagen, wenn ich mir die Zeit nehme, dir auf dein T-Shirt zu schreiben." Die andere Seite ist, dass die Leute eine Scheu aufbauen, weil sie denken, dass sie mich gar nicht mehr ansprechen können. Das überspielt Twitter. Ich höre gerne, was den Leuten gefallen hat, worauf sie sich freuen, und was sie von mir wissen wollen. Am Ende gibt das eine Gesamtdiskussion im sozialen Schnitt wieder. Aber ganz ehrlich: Jeden Tag zu twittern, ist ein Brett an Arbeit!
Ab welchem Bekanntheitsgrad haben Sie bemerkt, dass Sie ein Management brauchen? Oder ist das von Anfang an sinnvoll, um an Aufträge zu kommen?
Schreyl: Das ist eine berechtigte, aber schwierige Frage. Ich habe einmal daneben gegriffen und anschließend einen guten Fang gemacht. Ich arbeite mit dem Büro von Anke Lönne jetzt seit zehn Jahren zusammen, wir sind gemeinsam gewachsen. Aber ich würde niemandem empfehlen, sich unbedingt einem Management anzuvertrauen. Man muss heute sehr viel alleine machen. Es ist oft wichtiger, Geschäftspartnern persönlich entgegenzutreten und mit ihnen zu sprechen, als sich unantastbar zu geben. Aber wenn es dann vermehrt darum geht, formal, inhaltlich oder monetär Leistungen zu bewerten, dann wird ein Management immer wichtiger.
Sie geben nichts Privates Preis und sind beliebt und erfolgreich ohne Klatsch und Tratsch. Bei anderen Promis hat man das Gefühl, dass die ihre Intimgeschichten dringend nötig haben, um andauernd in den Medien zu sein. Wie sehen Sie das?
Schreyl: Ich habe mit "Hallo Deutschland" mehr als fünf Jahre lang von einem Boulevard-Magazin gelebt und fand es immer schön, wenn Prominente über ihr Leben erzählt und die Kameras reingelassen haben. Das muss aber nicht bedeuten, dass diese Prominenten es nötig hätten. Für mich persönlich habe ich festgelegt, das Leben in meiner Privatsphäre auch privat bleiben zu lassen. Einfach aus dem Grund heraus, weil ich ein paar schlechte Erfahrungen gemacht habe. Es wurden Dinge geschrieben, die ich so gar nicht gesagt habe und dann war das irgendwo im Archiv verankert und Grundlage für das nächste Interview. Außerdem gehört zum Privatleben der Kreis der Familie und Freunde, und wenn die sagen, sie möchten nicht im Rampenlicht stehen, nur weil ich einen öffentlichen Beruf habe, muss ich das genauso respektieren. Und deshalb bleibt privat bei mir eben privat.
Sie engagieren sich für Menschen, die an Mukoviszidose erkrankt sind. Wie sind Sie dazu gekommen?
Schreyl: Zu dem Thema bin ich als Medienmensch vor etwa sechs Jahren gekommen. Ich habe damals einen Anruf vom ZDF-Intendanten Markus Schächter bekommen, der auch zum Kuratorium Mukoviszidose gehört. Er hat mich aufgefordert, die Mukoviszidose-Jahresgala zu moderieren. Ich habe mich dann mit dem Begriff und der Situation beschäftigt, viele sensible kranke und gesunde Menschen kennengelernt, die sich sehr engagieren. Der Mukoviszidose-Verein in Bonn besteht aus etwa 15 Leuten, die eine unglaublich gute Arbeit für todkranke Menschen machen. Von der Krankheit sind in Deutschland etwa 8.000 Menschen betroffen, und weil es so eine kleine Gruppe ist, wird sehr wenig darüber gesprochen. Die verstorbene Frau Herzog hat sich hier sehr engagiert und wurde nach ihrem Tod sehr vermisst. Ich versuche deshalb, diese Lücke etwas zu schließen.
Im ersten Teil des Interviews gibt Marco Schreyl Tipps, wie der Einstieg in die Branche gelingen kann (siehe weitere Artikel).
Kurzinfo: Marco Schreyl
- geboren am 1. Januar 1974 in Erfurt
- 1992: Abitur
- Bundeswehr
- Studium der Sport-, Erziehungs- und Sprechwissenschaften in Jena
- Praktikum bei RTL
- 1993: freier Mitarbeiter bei Antenne Thüringen (Radio)
- 1994 bis 2000: freier Mitarbeiter beim Mitteldeutschen Rundfunk (Radio)
- 1997 bis 2000: freier Mitarbeiter beim Mitteldeutschen Rundfunk (TV) als Redakteur, Reporter, Moderator, Kommentator
- 2000 bis 2005: TV-Moderator beim ZDF
- seit 2005: TV-Moderator bei RTL für "Das Supertalent", "DSDS" u.a.
- seit 2008: Radio-Moderator beim Hessischen Rundfunk


