Wenn er nicht gerade im Fernsehen das Büro-Ekel Stromberg in immer neue Fremdschäm-Höhen treibt, wagt sich Christoph Maria Herbst auf das ZDF-"Traumschiff". Einmal zumindest, Anfang 2010. Dass er während der Dreharbeiten sein Schreibtalent entdecken würde, konnte vorher keiner ahnen. Der Schauspieler, Jahrgang 1966, beteuert jedenfalls, erst an Bord auf die Idee gekommen zu sein, aus den Erlebnissen ein Buch zu formen. Der fertige Comedy-Roman "Ein Traum von einem Schiff" wurde zum Bestseller. Und der geborene Wuppertaler hat sich ein weiteres Karriere-Standbein geschaffen. Im Interview präsentiert sich Herbst als blitzgescheiter, gutgelaunter und schlagfertiger Rhetoriker.
Meine erste Frage haben Sie am Anfang Ihres Buches selbst gestellt: Wie spricht man schlechte Texte gut? Haben Sie während der Dreharbeiten zum "Traumschiff" eine Antwort darauf gefunden?
Herbst: Ja, hab ich: gar nicht. Man spricht sie gar nicht gut. Ich darf den großen Billy Wilder zitieren: "Das Wichtigste für einen guten Film sind drei Dinge: ein gutes Buch, ein gutes Buch, ein gutes Buch." Es ist einfach nicht möglich, einen Text 1:1 zu übernehmen, wenn man ihn beim Lesen schon als unlesbar empfand. Wenn etwas unlesbar ist, ist es meistens auch unsprechbar. Vieles kann man umstellen, hier und da kann man vielleicht einen Begriff austauschen. Aber wenn die Dramaturgie schon nicht stimmt, dann ist es ganz schwierig, und es bleiben am Ende keine Rollen, die man da spielt, sondern eigentlich nur Hüllen, die Phrasen dreschen.
Man sieht Ihnen in der "Traumschiff"-Episode an, dass Sie sich an das seichte Niveau anpassen und sich nicht wohlfühlen. Was haben Ihre strengsten Kritiker zu Ihrem Auftritt gesagt?
Herbst: Mein strengster Kritiker bin immer noch ich.
Und was haben Sie über sich gesagt?
Herbst: Ich habe es bis heute nicht geguckt. Ich trau mich irgendwie nicht. Vielleicht war ich noch nicht betrunken genug, mir das anzuschauen. Im Ernst: Meine Neugierde reicht dahingehend nicht aus. Ich gehöre nicht zu den Kollegen, die sagen: Ich drehe die Sachen, kann sie mir aber nicht angucken, weil ich mein Gesicht nicht ertrage. Das halte ich für totale Koketterie. Normalerweise brauche ich das ja, weil das mein Korrektiv ist. Ich will sehen, was ich richtig gemacht habe, was man beim nächsten Mal verbessern kann usw. In diesem Fall war das nicht nötig, weil ich mich schon beim Spielen unter aller Sau fand, dass ich selbige nicht noch einmal durchs Dorf treiben musste, während ich das angucke. Alle anderen, auf deren Meinung ich höre, haben mir all das bestätigt: nämlich, dass das gar nicht ging, was ich da gemacht habe.
Wann und wie ist die Idee entstanden, dass Sie dem TV-Engagement ein Buch folgen lassen? War Ihnen so langweilig an Bord?
Herbst: Ja, genau so war's! Und es ist eben nicht so, wie ich oft lesen musste. Dass da ein fetter Frankfurter Verlag hinter mir stand und eine viertel Million auf den Tisch gelegt und gesagt hat: Guck mal, das läuft gerade, wenn Prominente Bücher schreiben, das lässt sich gut vermarkten. So war es nicht! Es war tatsächlich so, dass ich an Bord feststellte, dass fünf Drehtage in sechs Wochen nicht gerade ein Vollzeitjob waren. Irgendwann hatte ich jedes Buch gelesen und jede DVD geguckt, die ich dabei hatte, und mich mit jedem Kollegen unterhalten. Und irgendwann dachte ich: Wohin mit meiner Energie? Künstlerisch fühlte ich mich nun auch nicht gerade überfordert, und dann habe ich irgendwann angefangen, meinen Freunden und meiner Familie E-Mails zu schreiben, was ich alles so erlebe und an Bord beobachte. Ich habe da schon sehr das Brennglas draufgehalten und bin sehr ins Detail gegangen - und neige dann auch in meinen Mails und auch in meiner Art und Weise, wie ich spreche, zu einer sehr barockig-blumigen Art. So habe ich das aufgeschrieben, und die Reaktionen waren immer dieselbe: Dass meine Freunde Pipi in den Augen hatten und gesagt haben: Mensch, das ist ja köstlich. Wir wollen mehr Input!
Wie ist daraus dann ein Buch geworden?
Herbst: Ich schrieb einfach weiter, und dann kam eine E-Mail zur anderen. Die Menge, die ich geschrieben hatte, reichte natürlich nicht für ein Buch, sondern nur für eine Broschüre. Und dann habe ich mich ein bis zwei Monate nach dem Traumschiff - ganz dem Klischee entsprechend - auf eine einsame Insel zurückgezogen und habe die 40 bis 50 Prozent, die für ein Buch dieser Größenordnung nötig sind, fiktional zusammengeschrieben.
Ihr Buch enthält also mehr Fiktion als Realität?
Herbst: Das Ganze heißt: eine Art Roman. Ich bin ja nicht als Peter Scholl-Latour da hingefahren und wollte die Leute unterhalten. Wenn ich 1:1 geschrieben hätte, was ich auf dem Schiff erlebt hatte - und nicht 1:2 oder 1:10, wie ich es mache -, dann hätte ich einfach nur für einen großen Kollektivschlaf gesorgt. Ich wollte die Leute ja belustigen. Natürlich ist das kein Schlüsselroman. Ich habe eine ganz eigenen Ensemble-Kosmos aufgebaut. Was aber stimmt: Alle Figuren, die vorkommen, sind mir auf die eine oder andere Weise in meiner Karriere schon mal untergekommen. Insofern ist es im weitesten Sinne doch ein Schlüsselroman. Wenn Sie so wollen, ist das Buch eine große Allegorie auf die Branche, auf die ich draufgucke.
Sie haben einen sehr pointierten Comedy-Stil. Wer hat Sie inspiriert? Sie sind ja in erster Linie Schauspieler und Interpret und kein Autor.
Herbst: Spontan würde ich sagen: Ich empfinde mich als fleischgewordene Schnittmenge aus Tommy Jaud und Thomas Mann.
Steile These!
Herbst: Ja, nicht wahr? Das muss man sich erstmal trauen, die beiden in einem Satz zu nennen. Ich kenne Tommy ja schon ziemlich lange. Der hat so eine knappe, wurschtige Art, seine Pointen zu streuen. Ralf Husmann dagegen geht schon etwas mehr in die Tiefe, er beschreibt seine Figuren psychologisierender. Das habe ich mir dann auch so ein bisschen zu Eigen gemacht. Die waren schon inspirierend für mich. Und dieses nicht ausschließlich zu Hauptsätzen neigende, das habe ich von Thomas Mann. Oder eigentlich von Heinrich Heine, der ja auch hochgradig ironisch war. Ich mag auch Stefan Zweig sehr gerne. Ich komm schon ein bisschen aus dieser Ecke. Dieses: Satz, Satz, Pointe. Satz, Satz, Pointe - das ist schon eher nicht meins.
Haben Sie vorher schon etwas Längeres geschrieben?
Herbst: Nein, bisher musste ich das nicht, weil ich immer kongeniale Autoren hatte. Insofern rutsche ich auf Knien dankbar vor dem "Traumschiff" herum bis an mein Lebensende. Weil wenn ich auf selbigen nicht gewesen wäre, hätte ich das Talent gar nicht entdeckt. Also nicht, dass ich das zu meinem Hauptbroterwerb machen werde - da gibt es, weiß Gott, inspiriertere und bessere -, aber als drittes oder viertes Standbein war das für mich schon mal ein toller Ausflug. Ansonsten bleibe ich aber bei meiner Kernkompetenz.
Aber Sie haben vor, ein weiteres Buch zu schreiben.
Herbst: Ja, ich bin gerade an einem autobiografischen Mystery-Thriller dran, auch total verschwurbelt irgendwie. Da habe ich Ideen und auch schon das Erste geschrieben. Aber das ist eine Sache, zu der ich jetzt gerade nicht komme. Eine Sache, die eher in meinem Kopf ist als in meinem Mac. Aber reizen würde es mich schon, hier und da an den Tisch zu setzen und weiterzuschreiben. Weil das Schreiben schon etwas in mir freigesetzt hat, wovon ich das Gefühl habe, dass es raus muss. Das ist schon eine spannende, wenngleich eklig einsame Geschichte: allein am Schreibtisch zu sitzen und irgendwelche Dinge auf ein leeres Blatt zu kritzeln. Ich bin konditionierter Ensemble-Mensch, dafür komme ich zu sehr vom Theater. Aber zwischendurch sich in Klausur zu begeben, kann durchaus ein kreativer Prozess sein.
Um das Buch gab es anfangs großen Wirbel. Durch eine gerichtliche einstweilige Verfügung mussten Passagen geschwärzt werden.
Herbst: Es ist bis heute so, dass das Buch nur geschwärzt im Handel zu kaufen ist. Der Staatsanwalt hat aber das Hörbuch vergessen als Medium. Wenn man sich das anhört, wird man an entsprechenden Stellen feststellen, dass das Ganze ein Sturm im Wasserglas ist. Man fasst sich da schon an den Kopf und kommt von den Gedanken nicht weg, der sich einen bemächtigt: nämlich dass wir - zumindest in homöopathischen Dosen - doch in einer Bananenrepublik leben. Dass es möglich ist, mit so etwas Kunst zu zensieren. Denn natürlich bin ich da in meiner Autorenschaft in meiner Freiheit bestohlen wurde. Über eine Figur, die komplett fiktiv ist.
Derzeit läuft im TV die fünfte "Stromberg"-Staffel. Ist das nicht komisch: Im Januar 2010, bei der Reise auf dem "Traumschiff", wollten Sie bewusst Abstand von der Rolle. Jetzt hat er Sie wieder eingeholt. Was bedeutet Ihnen die Rolle des Bernd Stromberg inzwischen?
Herbst: Ich glaube, ich hole ihn ein. Der Stromberg braucht mich ja, ich brauche ihn nicht zwingend. Ich mache, Gott sei Dank, viele andere Dinge. Die Figur hat mir schon viele Türen geöffnet - mehr als zugeschlagen. Aber es reizt mich dann doch immer wieder, mich auf diese sehr markante Figur einzulassen. Und wenn Sie schauen, dass zwischen Staffel vier und fünf zwei Jahre lagen, dann kann man ja auch nicht sagen, dass wir inflationierend wirken. Das ist auch Teil des Geheimnisses des Erfolgs: Dass wir eben nicht als Daily oder Weekly erscheinen, sondern immer mal wieder ein Solitaire heraushauen. Und das zieht dann schon eine gewisse Aufmerksamkeit. Ich vergleiche das immer so ein bisschen mit der Peter-Alexander-Show, die einmal im Jahr kam und dann immer der totale Straßenfeger war. Oder mit dem "Traumschiff". Das kommt auch einmal im Jahr, und dann gucken da plötzlich zehn Millionen Leute. Gut, bei "Stromberg" können wir noch mal neun Millionen abziehen.
Mit meiner inneren Hygiene ist es jedenfalls mehr als zu vereinbaren, so im Schnitt alle zwei Jahre mir den Klobrillen-Bart wieder wachsen zu lassen. Und solange der Husmann so tolle Bücher hinkriegt, wäre ich ja geradezu blöde, es zu lassen. Stromberg ist eine der wenigen Serie, bei der sich durchgehend im Schnitt ein Niveau nicht nur gehalten, sondern gesteigert hat. Die fünfte Staffel - mir wächst keine Nase, während ich Ihnen das jetzt sage -, halte ich persönlich für die beste. Das habe ich noch nach keiner Staffel gesagt. Solange dieser Sog anhält, muss ich mich von diesem Life-Time-Gift, was diese Rolle letztendlich für mich ist, auch nicht verabschieden.


