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Der Netzweltenbummler

15. September 2010, von  Alexandra Pilz
Beim Publizieren im Netz geht es nicht nur um Texte, sondern auch um die Form, sich mitzuteilen. Twitter, Blog und soziale Netzwerke sind Informations- und Kommunikationsquelle zugleich. Dirk von Gehlen, Chef von jetzt.de, erklärt, worauf es beim Web-Publishing ankommt.
Dirk von Gehlen (Fotos: Holly Pickett, Salvatore Vuono/FreeDigitalPhotos.net).

Dirk, du wurdest bereits als "Netzweltversteher" bezeichnet. Wie gefällt dir die Formulierung, und wie kann man es überhaupt schaffen, das Netz zu verstehen, in dem sich rasend schnell neue Entwicklungen auftun?

 

Dirk von Gehlen: Ich würde mich selber so nicht bezeichnen. Ich interessiere mich dafür, wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft und unseren Beruf verändert und versuche, mich davon nicht überrollen zu lassen, sondern diesen Prozess soweit möglich mitzugestalten.

 

Du hast schon beim Jetzt-Magazin gearbeitet, als es noch als Printausgabe herausgegeben wurde. Seit 2002 bist du Redaktionsleiter bei jetzt.de. Was ist die größte Herausforderung, als Online-Journalist zu arbeiten?

 

Dirk: Meiner Einschätzung nach ist die bedeutsamste Veränderung der sehr viel direktere Kontakt zum Leser, der im Netz zum User wird. Das heißt zum einen, dass er oder sie die Informationen zeitsouverän weiterverwenden kann. Es bedeutet aber vor allem: Er oder sie reagiert auf journalistische Texte - und zwar öffentlich. Hier wird das reine Publizieren zur Kommunikation. Dieser Prozess ist noch ziemlich am Anfang, er birgt meiner Einschätzung nach aber sehr viele Chancen.

 

Online-Journalismus hat einen ziemlich schlechten Ruf, bei den meisten Portalen im Internet geht es nur um Klicks. Was hältst du dagegen?

 

Dirk: Ich glaube nicht, dass Online-Journalismus einen schlechten Ruf hat. Auch die Fixierung auf Klicks sehe ich so nicht (mehr). Ich glaube, dass es guten und schlechten Journalismus gibt - unabhängig von seiner Verbreitungsform. Wichtig ist, dass wir es schaffen, im neuen digitalen Umfeld Bedingungen zu schaffen, die die gleichen Qualitätsstandards ermöglichen wie auf den klassischen Wegen. Dazu ist ein bedeutsamer Schritt, sich von einer Unterscheidung einzig auf Basis des Verbreitungsweges zu verabschieden. Wichtig ist, dass die Texte gut sind und nicht, ob ich sie am Bildschirm oder auf Papier lesen.

 

Das Internet bietet so gut wie jedem, der sich mitteilen möchte, die Möglichkeit, zu publizieren. Hältst du das für gut oder schlecht, und siehst du darin eine Chance für junge Leute, die ihre Texte veröffentlichen möchten?

 

Dirk: Warum soll es schlecht sein, wenn Menschen die Möglichkeit bekommen, sich öffentlich zu äußern? In Diktaturen wird dies zu Recht eingeklagt, in Deutschland hält man es aber plötzlich für ein Problem. Ich sehe darin eine große Herausforderung für klassische journalistische Institutionen, ihren Leserinnen und Lesern die Souveränität des Überblicks zurückzugeben. In dem Überangebot an Informationen müssen Medien bei der Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig mithelfen. Wenn sie diese Aufgabe erfolgreich annehmen, haben sie auch eine großartige Zukunft - dessen bin ich mir sicher. Umgekehrt sind die Möglichkeiten des Netzes für Berufseinsteiger in erster Linie eine große Chance: Hier kann man sich zu geringen Kosten beweisen.

 

Community-KommunikationTwitter ist ein gutes Beispiel für die neue Mitteilungswut. Nach einem intensiven Selbstversuch hast du Twitter als "hervorragendes technisches Werkzeug für Small Talk im Internet" bezeichnet. Inwieweit bieten Twitter und soziale Netzwerke wie Facebook auch Chancen für deine Arbeit?

 

Dirk: Sie helfen - gut eingesetzt - zunächst einmal dabei, viele Informationen effizient zu nutzen. Zum zweiten bieten sie die Möglichkeit, mit Menschen in Kontakt zu bleiben und auf unkompliziertem Weg an Informationen zu gelangen. All dies sind - meiner Meinung nach - wichtige Hilfsmittel für Journalisten.

 

Du betreibst als "private Erinnerungshilfe" noch einen Weblog (www.dirkvongehlen.de). Worin besteht der Reiz, statt eines privaten Tagebuchs eine so öffentliche Plattform zu nutzen?

 

Dirk: Ich notiere in dem Blog ja keine privaten Tagebuchnotizen, sondern Begebenheiten oder Links, die mich interessieren. So komme ich regelmäßig mit anderen Menschen in Kontakt, die sich für ähnliche Themen interessieren. Darüber hinaus ist ein Weblog ein guter Einstieg, um sich mit den Grundlagen dessen auseinanderzusetzen, was Publizieren im Internet ausmacht.

 

Wie sollten junge Menschen deiner Meinung nach vorgehen, wenn sie im Internet publizieren möchten?

 

Dirk: Wie in der Offline-Welt gilt auch im Internet: Wer gut schreiben will, muss viel lesen. Dieses Lesen bezieht sich im Netz aber nicht nur auf Texte, sondern auch auf Publikationsformen. Zum Einstieg empfiehlt sich vermutlich ein Blog oder zum Beispiel ein Account auf jetzt.de - hier kann man sich ganz gut ausprobieren und bekommt sogar noch Feedback von Journalisten.

 

Was muss jemand mitbringen, der Online-Journalismus zu seinem Beruf machen möchte? Worauf kommt es an?

 

Dirk: Die wichtigste Herausforderung ist meiner Einschätzung nach der Umgang mit dem aktiven Leser. Wie reagiert man auf öffentliche Leserbriefe? Diese Frage sollte sich jeder Journalist stellen, dessen Texte online veröffentlicht werden.


Kurzinfo: Dirk von Gehlen

 

Dirk von Gehlen startete seine journalistische Karriere bei einer Lokalredaktion der Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung, wo er schon als Jugendlicher als freier Mitarbeiter tätig war. Später besuchte er die Deutsche Journalistenschule in München (DJS) und arbeitete schon während seines Studiums als Freier für verschiedene Medien, beispielsweise Süddeutsche Zeitung, jetzt-Magazin, Frankfurter Rundschau, taz, Tomorrow und MTV. Nachdem er zunächst als Pauschalist beim jetzt-Magazin tätig war, übernahm er 2002 die Redaktionsleitung von jetzt.de. Sein Blog Digitale Notizen ist als "Sammlung interessanter Merkwürdigkeiten - vor allem - aus den Bereichen Musik und Medien" zu verstehen. Seine Motivation zum Bloggen: "Weil ich rausfinden wollte, ob ich es kann. Weil ich dann gemerkt habe, dass es Spaß macht und dass es hilft, weniger Dinge, Texte und Links zu vergessen. Dirk sagt: "Wichtig ist, dass wir es schaffen, im neuen digitalen Umfeld Bedingungen zu schaffen, die die gleichen Qualitätsstandards ermöglichen wie auf den klassischen Wegen." 2009 wurde er in dem Buch "Die Alpha-Journalisten 2.0: Deutschlands neue Wortführer im Porträt" vorgestellt.