Herr von Hirschhausen, bis 1995 haben Sie in der Kinderneurologie gearbeitet. Hat ein Kinderarzt mehr Humor als ein Arzt für Erwachsene?
Eckart von Hirschhausen: Die verschiedenen Gebiete ziehen unterschiedliche Typen an, Kinderärzte sind meistens humorvollere und sozialere Charaktere als Chirurgen oder Orthopäden. Die sind tendenziell eher wortkarg und eigenbrötlerisch – und das ist auch gut so. Oft wird ja den Ärzten vorgeworfen, sie sähen den Menschen nicht ganzheitlich. Der einzige, der ihn wirklich ganzheitlich sieht, ist der wortkarge Chirurg, der weiß, wo was wieder rangehört, um ein Ganzes zu bilden. Dass er das relativ humor- und emotionslos hinbekommt, ist wichtig. Dafür darf er auch gerne nichts von Bachblüten verstehen.
Waren Sie ein Ausnahmearzt, weil Sie auch Spaß in die Krankenhäuser gebracht haben?
Hirschhausen: Klar bin ich bei den Klinikfesten immer aufgetreten und habe auch mit den kleinen Patienten Späße gemacht, aber ich habe schon versucht, primär ein guter Arzt zu sein. Und das war ich auch sehr gerne. Der Wandel kam, als ich als Zauberer und nicht als Arzt in einer Klinik auftrat. Dort litt ein Junge unter selektivem Mutismus, das heißt: Er wollte einfach nicht mehr reden, über Wochen. Beim Mitzaubern vergaß er seine Störung und schrie aus vollem Hals mit allen anderen Kindern mit. Als mir das der Arzt später erzählte, ahnte ich zum ersten Mal, dass Humor auch helfen kann, zu heilen.
Fehlt es Ihnen, nicht mehr als Arzt zu praktizieren?
Hirschhausen: Eigentlich habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht und den Inhalt meines Berufes mit dem Hobby verschmolzen. Ich praktiziere noch immer als Arzt – nur eben auf der Bühne. Aber dort erreiche ich viel mehr Menschen als früher. Das, was ich in meinem Abendprogramm erzähle, hätte ich bei meiner Arbeit in der Klinik im Prinzip auch erzählt – aber jedem einzeln. Wenn heute mehr als 1.400 Menschen gleichzeitig zuhören, entspricht das acht Jahren an Einzelgesprächen.
Sie sind in den vergangenen 20 Jahren fast jeden zweiten Tag vor Publikum gestanden, trotzdem werden Sie zuweilen noch als Newcomer bezeichnet. Muss man als Komiker einen längeren Atem als andere Künstler haben, bis sich endgültig der Durchbruch einstellt?
Hirschhausen: Es gibt zwei Katastrophen im Leben eines Komikers: Wenn die Leute nicht über das lachen, was du für komisch gehalten hast. Und wenn sie lachen – und du weißt nicht warum. Es gibt keine andere Möglichkeit herauszufinden, wie eine Idee funktioniert, als vor Publikum. Und man muss lange schlecht sein dürfen, um besser werden zu können. Schön, dass es dafür in Deutschland heute viel mehr Plattformen gibt als früher.
Es gibt viele humorvolle Menschen, die trotzdem nicht als Comedian geeignet sind. Welche Charaktereigenschaften braucht man, damit man das Witze erzählen professionalisieren kann?
Hirschhausen: Die gleichen wie ein Arzt: gute Beobachtung, Disziplin, Übung und Hartnäckigkeit. Viele jammern, sie könnten sich keine Witze merken. Ein Witz ist wie ein Gedicht, es kommt auf jedes Wort an. Bei einem Gedicht erwartet auch keiner, dass er es nacherzählen kann, wenn er es einmal gehört hat. Komik ist etwas ziemlich kompliziertes, und am schwersten ist, dass sie, wenn sie gut gemacht wird, leicht aussieht.
Sie persönlich verbinden Ihr Wissen über den menschlichen Organismus mit Spaß. Sollten sich ambitionierte Newcomer auch ein Spezialgebiet suchen, über das sie ihre Witze und Sketche schreiben?
Hirschhausen: Guter Humor muss etwas erklären und kann nicht isoliert vom Inhalt betrachtet werden. Was für ein Gefühl habe ich zum Beispiel nach einer Comedy-Aufführung? Habe ich mich nur amüsiert? Dann bleibt nichts davon. Anders liegt der Fall, wenn ich etwas für mein Leben mitgenommen habe. Ich nenne das den Haha- oder den Aha-Effekt. In meinem Programm zum Beispiel erzähle ich Geschichten, in denen es um Medizin, Evolutionsbiologie und Psychologie geht. Das geht jeden an. Zu gutem Humor gehört aber auch, dass am Ende noch ein Rätsel bleibt oder das Gefühl von Absurdität im Raum hängt. Da ist Helge Schneider ein gutes Beispiel, der eigentlich keine Pointe produziert, sondern vor allem dadurch wirkt, dass man ihn nicht versteht.
Gibt es ein Grundgerüst, aus dem ein gelungener Gag besteht?
Hirschhausen: Humor entsteht immer dann, wenn das Gehirn schlagartig versteht, dass die Welt paradox ist. Wer Witze hört, muss Widersprüche aushalten können. Der Verstand sträubt sich gegen Komplexität und wünscht sich, die Welt in rechts und links, oben und unten, richtig und falsch einzuordnen. Nur im Witz, im Traum und in der Psychose können Dinge parallel ablaufen, ohne sich aufzulösen. Eine gute Pointe kommt immer dort um die Ecke, wo man sie nicht erwartet.
Das Interview in voller Länge erschien im music supporter 03/09. Erhältlich hier.
Kurzinfo: Eckart von Hirschhausen
- Geboren am 25. August 1967 in Frankfurt am Main, lebt seit 1968 in Berlin
- Medizinstudium mit Stipendium in Berlin, Heidelberg und London
- 1994 Promotion magna cum laude
- 1988 bis 1995 Arzt in der Kinderneurologie
- seit den neunziger Jahren regelmäßige Auftritte als Stand-up-Comedian, Moderator und Zauberkünstler
- 1996 Studium Wissenschaftsjournalismus
- 1998 bis 2003 Moderation der wöchentlichen Ratgebersendung Service: Gesundheit im HR-Fernsehen; Autor unter anderem für Stern, Focus, Tagesspiegel
- 2003 Kabarettpreis „Paulaner Solo“ und Jurypreis des Berliner Kleinkunstfestivals
- 2007 Bestsellerautor mit dem Wörterbuch „Arzt-Deutsch/Deutsch-Arzt“
- 2008 Gründung von „Humor hilft heilen“, Bestsellerautor mit „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“
- 2009 Buchveröffentlichung „Glück kommt selten allein“; neues Programm "Liebesbeweise"


