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Spitze im Überspitzen

03. Februar 2010, von  Jennifer Withelm
Er ist einer der meistgelesenen deutschen Comic-Zeichner. Seine Markenzeichen sind die authentischen Charaktere und sein unverwechselbarer fotorealistischer Stil. Jan-Michael Richter alias Jamiri gibt Einblicke in seinen Beruf und verrät, wie man seinen eigenen Stil findet.
Jan-Michael Richter alias Jamiri (Foto: Wolf Schily).

„Wussten Sie nicht, dass Dummheit frisst und Intelligenz säuft“, fragt Jamiri und spielt darauf an, dass er als Comic-Zeichner der Intellektuellen gilt, obwohl er oft betrunken sei. „Spaß beiseite, da hängen mir wohl ein paar Jugendsünden nach, die ich Idiot auch noch offenherzig aufgezeichnet habe. Den Intellektuellen gebe ich zwangsläufig, da ich oft sehr gedankliche Inhalte in Comic-Form gieße, was für das Medium sicher atypisch ist. Keine Prügeleien, keine Explosionen, und schon heißt es: ah, ein Klugscheißer!“ Der vermeintliche „Klugscheißer“ erzählt aus seinem Leben, „ohne dabei an Massenkompatibilität zu denken oder einen Marketingplan zu haben“, wie er sagt. Als passionierten Künstler interessierten ihn keine hohen Auflagen oder sonstiger materieller Erfolg. „Ich bin dankbar, dass ich meine Arbeit so tun darf, wie ich sie tun möchte.“

 

Geschichten aus seinem Leben sind für Jamiri zum Erfolgsgeheimnis geworden – kann überhaupt etwas schief gehen, wenn ihm Newcomer nacheifern? Um zu lernen und zu üben sei es Jamiris Meinung nach durchaus zu empfehlen, sich Vorbilder wie ihn herauszupicken. Er hat es selbst nicht anders gemacht: „Die Fotografie hat sich sukzessive zu einem integralen Bestandteil meiner Arbeit entwickelt. Hyperrealismus hat mich schon als Jugendlicher fasziniert, ich habe die Fotorealisten Chuck Close, Richard Estes, Gottfried Helnwein und Ben Schonzeit kopiert, bis ich es konnte“, erinnert er sich. Die meisten seiner heutigen Arbeiten basieren auf Composites aus verschiedenen Fotos, die er als Grundlage für seine aufwändigen Malereien in Photoshop und Painter verwendet. Wie die Detailarbeit aussieht, verrät er nicht: „Wieso sollte ich mein Curry-Rezept einfach so hergeben? Nö!“ 

Jamiri Comic

 

Weder ein Curry-Rezept noch ein Patent-Rezept für eine erfolgreiche Karriere gibt es von dem Zeichner: „Was Karriere im herkömmlichen Sinne angeht, muss ich vom Comic-Zeichnen abraten.“ Wer es sich trotzdem in den Kopf gesetzt hat, kommt an einer Menge Übung nicht vorbei: „Ich las neulich, 10.000 Stunden Übung seien der Weg zu einer ordentlichen Performance in irgendeiner Disziplin. Ich hatte Minimum 20.000 Gekritzel auf dem Buckel, bevor ich angefangen habe, Illustration zu studieren.“ Sein Tipp: Lieber selbst zeichnen und üben, als sich zu viel anzusehen. „Wir werden ohnehin mit Bildern überflutet. Dieses Pensum genügt vollkommen als Input, wenn es auf eine differenzierende Interpretationsfähigkeit trifft. Lieber mehr nach innen gucken und lauschen. Denn eine nennenswerte künstlerische Kraft ist in einer Person angelegt und nicht in Zeitschriften, auf Messen oder sonstwo im Medienmatsch.“

 

In Comic-Streifen wird oft überspitzt und provoziert, damit sie als lustig empfunden werden. Wer Jamiri liest, weiß oft nicht genau, ob er den Leser ärgern will oder einen augenzwinkernden Spaß macht – nicht nur in seinen Comics, sondern auch im Interview: „Die Überspitzung ist ein elementares Humormittel. Provokation muss nicht sein, aber das katholische Klima in der breiten Leserschaft macht es einem auch wirklich zu leicht.“

 

Als Comic-Zeichner ist Jamiri auch mit der Disziplin des Cartoons vertraut. Ein Cartoon besteht, im Gegensatz zum Comic, nur aus einem Bild und ist einfacher zu zeichnen, weil ein Bild logischerweise weniger aufwändig ist als fünf oder sechs Bilder. Über die inhaltliche Qualität „entscheidet letztendlich die Capture, der geplante Lacher“, erklärt Jamiri. Wer als Comic-Zeichner mit „einiger Konsequenz bei der Sache ist“, findet garantiert seinen eigenen Stil: „Man kann sich gar nicht dagegen wehren – so, wie sich zwangsläufig eine individuelle Handschrift ausprägt, wenn man schreibt. Die Frage ist nur: Wie kraftvoll und originär ist das, was herauskommt?“


Das Interview in voller Länge erschien im music supporter 03/09. Erhältlich hier.  


Kurzinfo: Jan-Michael Richter alias Jamiri

 

  • geboren am 3. Mai 1966 in Hattingen-Blankenstein
  • 1985 Studium Germanistik, Literaturkomparatistik und Philosophie – Abbruch
  • 1986 bis 1996 Studium Kommunikationsdesign an der GHS Essen, Diplom mit Auszeichnung
  • 1992 erstmalig Hauszeichner für das Ruhrgebiet-Stadtmagazin Marabo
  • regelmäßige Publikationen in Unicum, Spiegel online und Galore


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