Er habe nie Akquise betrieben, sagt Dirk Rudolph, vielmehr lautete seine Devise "Spread The News". Befreundete Bands hätten ihn weiterempfohlen. "Über Verbindungen läuft das meiste in der Branche. Wenn man fünfmal mit jemandem erfolgreich zusammengearbeitet hat, wird der Kunde auch ein sechstes Mal kommen, bevor er das Risiko eingeht und jemanden umsonst antestet." Ein Newcomer sollte sich seiner Meinung nach als "dienstleistender Künstler" verstehen. Dirk räumt zwar ein, dass von jedem Grafiker ein großes Maß an Kreativität verlangt werde, "aber man darf nie vergessen, dass man vor allem für einen Kunden arbeitet. Der Glaube, dass das alles eine reine Selbstbespiegelung ist, den kann man vergessen. Es geht immer darum, in Gesprächen mit dem Kunden oder dem Künstler Kompromisse zu finden. Natürlich soll man seine Kämpfe austragen, aber dazu braucht es immer das richtige Fingerspitzengefühl."
Der "dienstleistende Künstler" habe immer mit anderen Menschen zu tun, manchmal mit dem Management, manchmal mit dem Musiker, manchmal mit der Plattenfirma. Einen Königsweg für eine gelungene Zusammenarbeit mag Dirk nicht empfehlen. Wenn er es sich aussuchen könnte, würde er am liebsten immer direkt mit dem Künstler sprechen, weil man dann die Gefühle auf dem Album besser in das Cover einfließen lassen könne, wie er sagt. "Am Ende vom Tag zählt immer, wie viel Vertrauen der Kunde in einen hat."
Projektbeispiel Die Toten Hosen
"Der Bassist Andreas Meurer rief mich an und sagte: ,Das Motto unserer neuen Tour lautet Machmalauter. Fällt dir was dazu ein?' Dann haben wir am Telefon ein bisschen rumgesponnen, mit Lautsprechern und dem Logo der Band, dem Totenkopf. So nahm das seine Form an, und daraus wurde der Totenkopf mit den Kopfhörern, um das Motto zu illustrieren. Das lief dann wunderbar für die Tour und das Merchandising. Dann kam das Album ,In aller Stille', wofür wir das Tourmotto übernommen haben, allerdings nicht in der ursprünglichen grafischen Form, als Vektorgrafik, sondern als fotografiertes Bild mit einem echten Totenschädel, der einen Kopfhörer aufgesetzt bekam. Der Albumtitel kooperierte dann natürlich sehr gut mit dem Motiv."
Seine Arbeit beginne meistens mit einer Vision im Kopf, erklärt Dirk. Erst vor kurzem habe er mit farbiger Tinte experimentiert. "Wenn man Tinte in Wasser taucht, beginnt die zu verlaufen", sagt er. "Wenn man das in einem kleinen Becken aus Glas macht und darunter eine Lichtquelle aufbaut, sitzt man da einen halben Tag, experimentiert und entwickelt die Technik weiter. Das Ergebnis aus diesem Prozess fand dann Verwendung bei dem Artwork für den israelischen Künstler Aviv Geffen."
Dirk Rudolph arbeitet mit Schablonen, die er ausgehend von einem Foto am Computer herstellt und in seinen Collagen einsetzt. Er bespritzt, besprenkelt und besprüht die Bilder mit Farbkleksen. Buchstaben entstehen mit Pinsel, Stift, Paketband oder am Computer. In den achtziger und neunziger Jahren habe er noch mehr aufwendige Montagen ohne Computer gemacht, die für ihn am spannendsten gewesen seien, sagt er. "Der Faktor Zufall hat dabei eine große Rolle gespielt, und es gab keine Return-Taste. Vor zehn bis zwanzig Jahren wurde noch per Hand geschnitten, alles einzeln mühselig aufgeklebt, man ging zum Schriftsetzer und arbeitete auch mal mit Rubbelbuchstaben." Mittlerweile sei der Rechner das Werkzeug, mit dem man zwar schneller arbeiten, aber schwer ein Ende bei Korrekturen und Änderungen finden kann. "Nochmal drehen, nochmal schrauben, das hat es so früher nicht gegeben."
Tipps für den Nachwuchs
"Macht mal drauf los und haltet die Augen offen, dann kann man viel sehen und lernen." Wer an der Uni genommen wird, solle die Zeit nutzen, um viel herumzuexperimentieren und möglichst viele Praktika in Firmen zu machen, um sich Know-how anzueignen und Kontakte zu knüpfen. Man werde feststellen, wo die eigenen Stärken sind, glaubt Dirk. Trotzdem sollte man sich keinen Illusionen hingeben - "es ist nicht leichter geworden, Fuss zu fassen. Ich habe 1989 im goldenen Zeitalter des Desktop-Publishings angefangen und war wohl auch einer der ersten, der einen Apple-Computer hatte. Eine Tonträgerverpackung hat weniger Relevanz als noch vor ein paar Jahren, wichtiger wird vielmehr das geschickte Zusammengehen von Image, Bild, Video und Ton in allen Bereichen wie Tour, Internet und Merchandising. Haltet die Augen auf, es gibt spannende Bereiche für gutes Grafikdesign. Fangt früh an und bleibt immer schön am Ball." Wer die Chance habe, für unbekannte Bands Cover zu machen, sollte es tun. "Vielleicht wird derjenige einmal berühmt und erinnert sich an dich. Oder du gehst mit der Waffe unter dem Arm in die Plattenfirma und zeigst vor, was du kannst. Vielleicht brauchen sie dich!"
Kurzinfo: Dirk Rudolph
- geboren 1964 in Altena, Westfalen
- 1984 Abitur
- 1985 einer von vier Gründungsmitgliedern eines Indie-Labels mit Plattenladen, Konzertagentur etc.
- 1986 bis 1988 Ausbildung als Siebdrucker
- während seiner Ausbildung Aufträge als Fotograf und Grafiker für Cover und Tourplakate
- 1989 Insolvenz seines Arbeitgebers, Schritt in die Selbstständigkeit



