Marco, du bist Creative Director. Was heißt das eigentlich?
Marco Fischer: Der "CD" ist so etwas wie der Regisseur einer Agentur. Er muss entscheidende Impulse zur visuellen und inhaltlichen Gestaltung liefern, aber auch die verschiedenen Disziplinen in der Umsetzung steuern, damit am Ende die Qualität stimmt. Wichtig ist deshalb eine breit gefächerte Allgemeinbildung und ständige Neugierde, sich auch mit komplizierten Sachverhalten auseinandersetzen zu wollen. Und natürlich die persönliche Führungsqualität. Man muss ja auch in schwierigen Situationen Entscheidungen treffen, emphatisch gegenüber Kunden und Teammitgliedern auftreten und überzeugen können.
Wenn du deine Arbeit konkret beschreibst, wie sieht dann der Alltag aus? Welche Aufgaben gehören dazu, und wie viel Zeit verbringst du noch aktiv mit Gestaltung?
Marco: Früher habe ich fast alles eigenhändig angefertigt. Heute geht das zeitlich nicht mehr – das heißt aber nicht, dass ich nicht gestalte. Gestaltung beginnt für mich im Kopf, und bevor ich mich an den Rechner setze, habe ich meist schon eine ziemlich klare Vorstellung, wie das Ergebnis aussehen soll. Die ist auch notwendig, um den ausführenden Designern und Illustratoren das Ziel zu erklären und sich dabei möglichst konkret und unmissverständlich auszudrücken. Was meine sonstige Arbeit angeht, würde ich zwischen Aufgaben in der Agentur und Aufgaben beim Kunden unterscheiden.
Intern bereitet man Brainstormings vor, formuliert daraus Konzepte, die vom Kunden verstanden werden, setzt sich mit den beteiligten Personen zusammen, um die Machbarkeit zu überprüfen, wählt Texter, Illustratoren und Fotografen aus, die dem Projekt zuarbeiten, kontrolliert die Zwischenergebnisse im Designprozess und stellt das Ganze zu einer überzeugenden Präsentation zusammen. Mit dem Kunden geht es erst mal darum, in Workshops genügend Informationen über das Projekt zu sammeln. Bei der Präsentation der gestalterischen Ansätze muss man dann nicht nur rational überzeugen, sondern dem Kunden auch das Gefühl vermitteln, die richtige Entscheidung mit seiner Agenturwahl getroffen zu haben. Denn letztlich ist man als "CD" auch direkter Ansprechpartner in der Kundenbeziehung, was bedeutet, partnerschaftlich zusammenzuarbeiten und Zusagen einzuhalten.
Eure Wiesbadener Agentur habt ihr recht selbstbewusst "Die Firma" getauft. Worauf habt ihr euch spezialisiert, was macht euch erfolgreich?
Marco: Wir machen digitale Kommunikation für erklärungsbedürftige Themen, Produkte und Dienstleistungen, sind also eher im Bereich Business to Business angesiedelt. Das sieht auf den ersten Blick nicht so spannend aus wie Projekte für Mercedes Benz oder Coca Cola, ist aber jeden Tag ein bisschen wie "Die Sendung mit der Maus": Man lernt sehr viele Dinge kennen, von denen man bisher gar nicht wusste, dass es sie gibt, und erhält tiefe Einblicke in Unternehmens- und Produktionsabläufe. Eben doch spannend. (lacht)
Letztlich helfen wir unseren Kunden, aus der Innensicht herauszukommen und den Standpunkt der Marktsicht auf ihr Unternehmen oder Produkt einzunehmen. Dann können wir gemeinsam ihr Anliegen in der richtigen Art und Weise aufbereiten. Design ist dabei ein wesentlicher Faktor, der mit Wiedererkennung, Unterscheidung, Orientierung und Emotionalisierung dazu beiträgt, beim Betrachter Vertrauen zu erzeugen. Das gelingt uns wohl ganz gut – wir haben eine Menge Awards für Projekte bekommen, die normalerweise nicht in den Bewertungslisten auftauchen.
Wie sieht die Organisation aus? Sind die Projekte immer ähnlich strukturiert? Kannst du typische Projektphasen benennen und kurz erläutern, was in welcher Phase wichtig ist?
Marco: Nach der Auftragserteilung startet das Projekt meist mit einem Kundenworkshop, danach kommt die Konzeptionsarbeit. Dabei geht es auch um das kreative Konzept, also darum, mit welchen Mitteln die visuelle Kundenansprache erfolgen soll. Wir halten Brainstormings ab, fertigen Scribbles und erste Layouts an, definieren Farben und Schriften, recherchieren Bildmaterial und einigen uns erst mal intern auf bevorzugte Lösungsansätze. Die Kreation muss in dieser Phase natürlich eng mit den anderen Disziplinen, wie Redaktion, Informationsarchitektur und Systemdesign zusammenarbeiten, damit ein ganzheitliches Kommunikationskonzept entsteht.
Dann kommt die finale Layoutpräsentation beim Kunden, nach der manchmal noch Korrekturen gemacht und Details weiter ausdefiniert werden. Wenn die Freigabe da ist, beginnt die Produktionsphase. Das heißt, die inhaltliche und funktionale Seitenaufteilung, die so genannten Wireframes, werden in Templates übertragen. Dabei definiert der Designer weitere Dinge wie Buttonstyles, Formularfelder, etc. Wenn die Website in der Technik funktional erstellt ist, gibt es eine letzte Qualitätssicherungsrunde, bei der Designer und Programmierer noch kleine Fehler beheben, Abstände korrigieren oder Hintergrund- und Linkfarben anpassen.
Wenn mich das alles jetzt begeistert und ich auch Designer werden möchte – was würdest du mir raten? Welche Fähigkeiten, welche Arbeitshaltung, welche sonstigen Schritte bringen mich weiter?
Marco: Erst mal üben, üben, üben! Oder mit El Mariachi: "Übe das. Jeden Tag. Den ganzen Tag!" (schmunzelt). Eine Grundvoraussetzung ist "sehen können". Egal ob Natur, Tiere, Menschen, Situationen, Orte oder Erlebnisse, man sollte die Eigenheiten klar erkennen und in visuelle Aussagen übertragen können. Studieren ist sicher eine gute Sache, weil einfach Zeit zur intensiven Beschäftigung vorhanden ist. Es gibt aber auch immer wieder Quereinsteiger, die sich anders weitergebildet haben. Reisen ist auch nicht das schlechteste, um kulturelle Grenzen im Kopf zu sprengen. Das haben früher eigentlich alle Künstler für sich genutzt. Und wenn wir schon bei Künstlern sind – der Bleistift ist immer noch die beste Verlängerung des Geistes und Zeichnen eine der intensivsten Wahrnehmungsübungen. Viele Junggestalter lassen sich zu stark von den Möglichkeiten des Rechners einnehmen, aber ein Computer ist nur ein Werkzeug und macht aus einem Menschen noch lange keinen Designer.
Abschließend, in wenigen Worten: Was macht für dich gutes Design aus?
Marco: Gutes Design kommuniziert mit dem Menschen. Es erzählt eine Geschichte, die dem Betrachter hilft, intuitiv seinen Weg zu finden und den Inhalt oder Gegenstand für seine Bedürfnisse zu nutzen. Das heißt aber nicht, dass gutes Design nicht auch überraschen oder dem Gegenüber ein freudiges Lächeln entlocken darf! (lächelt).
Kurzinfo: Marco Fischer
Marco Fischer, Jahrgang 1969, startete seine Designkarriere als Dreijähriger mit der Zeichnung einer Mondrakete. Die Schulzeit nutzte er, um sein Talent mit einem Kunstleistungskurs und unzähligen Lehrerkarikaturen für die Schülerzeitung weiter auszubauen. Nach einem Praktikum bei der Frankfurter Werbeagentur Michael Conrad & Leo Burnett und erfolgreichem Kommunikationsdesign-Studium in Wiesbaden bildete er mit Kommilitonen eine Freelancer-Gemeinschaft, aus der seine Agentur "Die Firma" hervorging.



