Herr Baumann, Sie haben 1984 begonnnen, sich mit digitaler Bildbearbeitung auseinanderzusetzen. Wie kamen sie dazu?
Hans D. Baumann: 1984 gab es nur schwarze und weiße Pixel. Damals hatte ich bei einem Freund den ersten Mac gesehen und das Programm Mac Paint, mit dem man per Maus – einer ganz neuen Erfindung – direkt auf dem Monitor mit neun Zoll Diagonale malen konnte. 256 KB Arbeitsspeicher, keine Festplatte, 400 KB-Diskettenlaufwerk – da war alles drauf: Systemsoftware, Programme, Fonts und die erstellten Dateien. Heute kaum vorstellbar. Mich hatte in der Foto-Dunkelkammer immer geärgert, dass man in stinkender und rötlicher Dämmerung mit Negativbildern arbeiten musste. Als dann der erste Scanner herauskam, schien mir das damals schon recht nah an der Verwirklichung meiner Träume. Dabei war der laut wie eine Kreissäge und produzierte schwarze und weiße Pixel in 72 dpi Auflösung.
Wie wird man ein Photoshop-Experte?
Baumann: Wenn ich mir manche Photoshop-Montagen anschaue, dann merkt man leider allzu oft, dass sich die Anwender nie im Leben mit Perspektive, Anatomie, Faltenwurf oder dergleichen befasst haben – Sachen, die man an der Kunsthochschule lernt. Und natürlich muss man auch die Werkzeuge beherrschen. Ich verwende da gern als Analogie das Schachspiel: Zu wissen, wie man die Figuren zieht, ist nur die Grundlage – gut spielt man erst, wenn man die nächsten fünf oder acht Züge vorausplant. Genauso ist es bei Photoshop: Man sollte die Möglichkeiten im Schlaf kennen. Acht Schritte an einem Bild herumdrehen, das dabei scheinbar immer schlechter wird, und beim neunten kommt der große Aha-Effekt!
Welche Tipps haben Sie noch für Anfänger?
Baumann: Fachbücher können helfen, Seminare, Freunde. Oder unsere Zeitschrift DOCMA, die ist allerdings eher was für Fortgeschrittene. Für Einsteiger haben wir deshalb die 20-bändige Edition DOCMA verfasst, jeder Einzelband beschäftigt sich mit einem einzigen Thema. Aber unabhängig davon rate ich jedem Einsteiger, sich mal ein paar Tage frei zu nehmen, um das Programm alle Menüs rauf und runter auszuprobieren – ohne Zeit- und Projektdruck. Die unsinnigsten Parameter-Kombinationen einstellen und einfach mal schauen, was dabei herauskommt. Wenn man das lange genug gemacht hat, kann man die Werkzeuge später auch gegen den Strich einsetzen, für Zwecke, für die sie nie programmiert wurden, und dadurch die Effekte erzielen, die man gerade benötigt. Theorie kann auch nie schaden: Kunstgeschichte, Bilder von anderen anschauen, ob das nun aktuelle Werke von Fotografen und Monteuren sind oder Gemälde von Leonardo, Holbein oder Rembrandt.
Sie benutzen einen Mac zum Arbeiten. Warum erfreuen sich Macs bei Bildgestaltern so großer Beliebtheit?
Baumann: Anfangs hatte nur der Mac eine Maus, und es gab Photoshop nur für dieses Betriebssystem – das waren Gründe genug. Außerdem fand ich Windows, von der Oberfläche und Typographie her, ziemlich plump und hässlich, und so wird es wohl vielen Gestaltern gegangen sein.
Wo positionieren Sie Ihr eigenes Magazin DOCMA im Bildbearbeitungs-Ddschungel?
Baumann: Bevor wir DOCMA aufgebaut haben, hatte ich schon etwa 15 Jahre lang für andere Zeitschriften über das Thema Bildbearbeitung geschrieben, bei meinem Kollegen Christoph Künne war es ähnlich. Aber diese Magazine hatten andere Schwerpunkte, und wenn ich mal der Meinung war, ein komplexer Workshop müsste acht oder gar zehn Seiten haben, dann war das nicht drin – aus Sicht der Redaktionen für ihre Zielgruppen verständlich. Also haben wir uns 2002 gesagt: Machen wir ein eigenes Heft und bestimmen selbst, was in dem Bereich wichtig ist und wie ausführlich es sein soll. So, wie ich durch meine frühzeitige Beschäftigung mit diesen Programmen als Pionier der Bildbearbeitung in Deutschland gelte, so haben wir auch mit DOCMA diesen Anspruch. Wir kennen das Thema. Vorher haben wir in der Dunkelkammer oder im Atelier mit den traditionellen Verfahren gearbeitet. Wir kennen also nicht nur Photoshop, sondern auch die gestalterischen Grundlagen. Wir haben Kontakt mit den wichtigen Leuten, die damit arbeiten, und vor allem haben wir eine jahrzehntelange Erfahrung, was die didaktische Umsetzung der Inhalte betrifft. So haben die Leserinnen und Leser auch wirklich was von den Workshops und anderen Beiträgen. Bei etlichen dieser Aspekte sehe ich bei vielen, die es mit ähnlichen Publikationen versuchen, erhebliche Mängel.
Wie kann man sich die Arbeit in der DOCMA-Redaktion vorstellen?
Baumann: Die DOCMA-Redaktion ist selbstständig: Wir arbeiten – sehr gut und kollegial – mit einem Verlag zusammen, der sich um Druck, Vertrieb, Marketing, Werbung und so weiter kümmert, aber das Heft gehört uns und letztlich entscheiden wir über die redaktionelle Ausrichtung. Das verschafft uns die Freiheit, bei einem Produkt, das wir miserabel finden, das auch klar so zu schreiben, ohne dass uns eine Anzeigenabteilung vorjammert, dass die Hersteller dann keine Werbung mehr in DOCMA schalten. Dann eben nicht – ihr Problem, wenn sie unsere Zielgruppe nicht erreichen!
gibt.
Das Interview in voller Länge erschien im music supporter 03/09. Erhältlich hier.
Kurzinfo: Hans D. Baumann
- Jahrgang 1950, geboren in Kassel
- 1968 Abitur – „unübersehbar, dass dieses symbolische Jahr mich geprägt hat.“
- 1976 Abschluss des Studiums Kunst und Kunstwissenschaft in Marburg, Düsseldorf und Kassel
- nach dem Examen kunstwissenschaftliche Promotion, Thema: Bedingungen der Darstellungsfunktion von Bildern
- Anfang der achtziger Jahre Chefredakteur der Biker-News, der damals einzigen deutschen Zeitschrift für Motorrad-Rocker – „zufällig war ich 1977 bei einem Nachbarn und ehemaligen Kommilitonen auf das Phänomen bemalter Motorradtanks gestoßen, die ich als Kunstwissenschaftler sehr spannend fand. Obwohl ich nicht mal einen Motorradführerschein hatte, wurde ich auf diesem Umweg Anfang der Achtziger Chefredakteur“. Unter seiner Leitung ging die Auflage in knapp 20 Jahren von 800 Exemplaren auf 50.000 hoch.
- seit 1981 freiberuflicher Autor, seitdem sind etwa 35 Bücher über Kunst, Rocker oder auch „Motorradtankbemalungen“ entstanden.
- 2002 Gründung von DOCMA mit Christoph Künne



