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Der Schweinehund tanzt Rock'n'Roll

26. Februar 2010, von  Michael Zirnstein
Timo Würz lässt es krachen. Wären seine Zeichnungen Musik, sie wären Rock'n'Roll – mit Sex, Drugs und allem: Totenschädel, barbusige Nonnen und gefallene Engel. "Mein Job ist es zu beeindrucken", sagt der Popstar unter den deutschen Comic-Künstlern, der noch so viel mehr zu bieten hat.
Sinnesrausch (Bilder: Timo Würz).

Wenn Timo Würz zeichnet, fliegen die Fetzen. Es klecksen die Farben, es wummert der Ghetto-Blaster, "und wenn es sein muss, zünde ich etwas an", sagt der 36-Jährige, der wie eine Mischung aus Rockstar, Skater und Frisurenmodel daherkommt. Nach seinen Auftritten gleichen Messestände den Schlachtfeldern auf den Plattenhüllen, die er entwirft. Statt Äxten und Körperteilen liegen zerbrochene Pinsel und gesplitterte Bleistifte herum, statt Blut kleckert Aquarellfarbe auf den Boden. "Ja, ich bin sicher nicht der Introvertierteste", sagt der Showman mit dem Cowboyhut, "auch die Leute ganz hinten in der Schlange sollen etwas von meinen Signierstunden haben." Schließlich stehen seine Fans gerne mal eine Stunde lang an, um sich Comics und Bücher mit einem rasant gezeichneten Würz-Bildchen veredeln zu lassen. "Da muss Action rein. Rock'n'Roll! Ich finde es toll, Leute zu treffen, die mit meiner Arbeit etwas anfangen können. Ich kann nicht verstehen, wie andere stumm dasitzen, die Nase fünf Zentimeter über dem Papier, und ihren Fans nicht in die Augen schauen."

 

Das Klischee des Comic-Zeichners sieht er so: Der blasse Kollege kritzelt daheim im stillen Kämmerchen Papier für Papier voll, zum Ausgleich zockt er eine Runde "World of Warcraft" mit seinen Internetfreunden. Persönlich hat Würz zu solchen Phantomen aus der Branche keinen Kontakt: "Die können mir eh nichts erzählen, was ich nicht schon weiß. Ich finde es spannender, mich mit Unternehmern zu unterhalten, mit Maschinenbauern, Maurern und Politikern. Da ergeben sich ganz andere Dinge." Mit seiner neugierigen, ansteckend fröhlichen Art hat er sich Kontakte in alle Welt aufgebaut.

 

Timo WürzDer ehemalige Turn-Olympiasieger Eberhard Gienger verglich Timo Würz in der Laudatio bei einer Ausstellung mit einem "Sprinter, der die 100 Meter in unter zehn Sekunden läuft". "Zehnkämpfer" trifft es besser. Gienger sagte auch, Würz sei ein "ultraschneller Allzweckaffe", was lustigerweise schon irgendwie passt, weil Würz eine gewisse Wildheit und Frechheit innewohnt, aber Gienger hatte sich wohl verlesen: Gemeint war eine "ultraschnelle Allzweckwaffe". Würz ist Zeichner, Maler, Künstler, Unternehmer, Coach und  Produktdesigner – und in allem verteufelt gut. Ebenso wie er eigene Comic-Bücher herausbringt, entwirft er Achterbahnen. "Am liebsten mache ich Dinge, die ich noch nicht gemacht habe", sagt der Wahl-Hamburger.


Im Alter von eindreiviertel Jahren, noch bevor er richtig laufen und sprechen konnte, nahm Timo Würz schon einen Bleistift in die Hand – angeblich so, wie er ihn heute noch hält – und malte seinen verblüfften Eltern einen Clown. "Zeichnen", sagt er, "war für mich immer die natürlichste Art der Kommunikation." Mit 14 hatte er seine erste Ausstellung, mit 15 brachte er seinen ersten Comic im Magazin Strichkunst unter. Mit seinem Vater, einem passionierten naturalistischen Maler, lieferte er sich häufig Porträt-Wettbewerbe. Besonders wichtig war, dass er nicht nach Vorlagen oder Modellen zeichnete, sondern aus dem Gedächtnis. "Das Bild muss im Kopf entstehen." Im Laufe der Jahre lernte er, Bilder zu zeichnen und zu malen, die wie Fotos aussehen. "Ich habe immer gedacht, wenn ich die Technik perfekt beherrsche, kann ich machen, was ich will. Naturalistisch malen zu können, ist die beste Grundlage für alle Ausdrucksmöglichkeiten, selbst wenn man etwas Abstraktes machen will. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man seinen eigenen Stil vorschiebt, um darüber hinwegzutäuschen, dass man keine Hände zeichnen kann. Wer sein Handwerk beherrscht, hat die absolute Freiheit."

 

Timo Würz nutzt seine Freiheit und tobt sich auf vielen Spielplätzen aus. Tatsächlich ist es eine Art Spiel, keine Arbeit: "Wer das tut, was er liebt, muss nie wieder arbeiten", sagt er. Würz steht jeden Morgen um sieben Uhr auf und bannt in irrem Tempo bis tief in die Nacht hinein seine Ideen auf Berge von Papier und Leinwand. Auch in der Wahl der Mittel ist er Dank der hervorragenden Grundlagen frei: Ob Tusche, Pinsel, Bleistift, Öl-Farbe, Sprühdose oder Computer – "ich nehme alles, was mir in den Weg kommt." So entstehen unter anderem: Comics ("Aaron und Baruch", "Lula & Yankee", "XCT", "Drakan", "Black Metal", "Isi"), Buch-Illustrationen ("Günter – der innere Schweinehund", "Ente oder Adler", "Die 6 wichtigsten Entscheidungen für Jugendliche"), Gemälde, CD-Cover (Titan Steele, Acheron), Plakate, Logos, Briefmarken, Produktdesign und Filme.

 

FilmdesignDenn Timo Würz ist einer der ersten, die den Stift in die Hand nehmen, wenn ein Film entsteht. Lange bevor es ein Drehbuch gibt, setzt er die Grundidee der Filmschaffenden in Bilder um, meist für animations- und effektbeladene Werke: Wie könnte der Film aussehen, wie die Charaktere, wie die Schauplätze? Die großformatigen Gemälde inspirieren den Regisseur und die Autoren und sollen Geldgeber überzeugen. Für Würz ist das ein Traum, auch weil er da mit Helden seiner Kindheit zusammenarbeitet: Für George Lucas hat er an einem "Star Wars"-Projekt gearbeitet, bei Disney, wo er häufig anzutreffen ist, wurden die Oscar-gekrönten Macher von "Roger Rabbit" zu seinen Freunden. Was das für ihn bedeuten mag, sieht man an seinen Tattoos: Arme und Beine zieren Disney-Figuren wie Stich und Nemo. "Disney hat mich auf jeden Fall mehr geprägt als alles andere."

 

Timo Würz liebt es, zwischen allen Genres zu hüpfen. "Wenn man immer dasselbe macht, dreht man ja durch", sagt er. Genauso jettet er durch die Welt, zu Kunden, Fans, Freunden und Partnern. Im September 2007 brachte er es auf 35.000 Reisekilometer, 20 Flüge und zwölf Länder. Nur wer viel mitmacht, zeichnet wirklich gut: "Man muss mit seinem Strich etwas erzählen können", sagt Timo Würz: "Wenn man nichts erlebt hat, ist auch eine perfekte Linie tot."


Das Feature in voller Länge erschien im music supporter 01/09. Erhältlich hier.  

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