An der Fassade seines Hauses hängt der metallene Kopf eines Einhorns. Dort, wo andere Bayern das Haupt eines erlegten Hirschs hängen haben. Angerers Kunst hat Einfluss auf sein Privatleben, und das erkennt man schon daran, wie er lebt: in einem alten Bauernhaus in der bayerischen Holledau – mit märchenhaft verzierten Fassaden unter Blumenranken. Seine Frau Margit empfängt die Besucherin an der Tür und führt sie in eine andere Welt. Das Haus ist edel und kuschelig eingerichtet, überall hängen die meist großformatigen Werke des Künstlers. Die Details in dem verwinkelten Haus sind so fantasievoll und rätselhaft, dass man über die eigene Ikea-Einrichtung nur milde lächeln kann.
In Angerers Atelier angekommen, fühlt man sich wie eine kleine Maus in einer pompösen Schatzkammer: Majestätische Klassik von Ernest Chausson schlägt einem entgegen – die perfekte Kulisse für einen Raum, in dem in jeder Ecke Zauberer Merlin oder Hobbits stecken könnten. Und tatsächlich bewegt sich etwas. Ludwig Angerer, Jahrgang 1938, reißt sich von seinem aktuellen Werk los und begrüßt den Gast. Neben einem Billardtisch setzen wir uns in eine alte Ledercouchgarnitur, auf der eine wie tot wirkende Katze plötzlich zum Leben erwacht.
"Wenn meine Frau nicht wäre, würde niemand von meiner Kunst etwas wissen", sagt Ludwig Angerer und schmunzelt. Seit mehr als 40 Jahren ist das Ehepaar ein Team: Er vertieft sich in seine Kunst, sie kümmert sich um das Marketing. Von Auszeichnungen und Titeln hält er nichts: "Das ist nichts als ein bisschen mehr Glanz auf meinem Namen, Promotion." Der Künstler bleibt selbst dann bescheiden und diskret, wenn es um seine Arbeit als Produktionsdesigner für den Film "Die Unendliche Geschichte 2" geht – und das obwohl das schon 20 Jahre her ist. Es muss damals am Set zu zwischenmenschlichen Komplikationen zwischen den Beteiligten gekommen sein, die er nicht vertiefen will. Beispielsweise war es dem Buchautor Michael Ende nicht einmal gestattet, am Drehort zu erscheinen – ein Umstand, der Ludwig Angerer als künstlerischer Ausstatter des Films und engem Freund von Michael Ende zutiefst zuwider war. "Die Macher des Films haben zu wenig Wert auf Authentizität gelegt." Und genau das rächt sich im Nachhinein natürlich: Nicht einmal der Produktionsdesigner selbst hält viel von dem Film.
Ludwig Angerer ist bekannt für seine architektonisch perfekt durchgeplanten Fantasiewelten, mythische und märchenhafte Legenden in Bildern. Meistens fantasiert er morgens im Halbschlaf die entrückten Traumwelten und skizziert diese dann wie in Trance auf ein Blatt Papier. Wenn er wach wird und ihm die Idee gefällt, baut er die Skizzen weiter aus, bis er sie auf DIN A4 gebannt hat. "Dieses relativ kleine Format ist ideal, um den Überblick über meine Komposition zu behalten." Wenn es daran geht, großformatig zu malen, vergrößert er die kleine Skizze zunächst so oft am Kopierer, bis er die gewünschte Größe erreicht hat. Über Transparentpapier überträgt er seinen Entwurf auf grundierte Holzfaserplatten oder Kartonagen. Im weiteren Arbeitsprozess lässt er das Bild nur aus dunklen Acrylfarben entstehen – so lange, bis es räumlich wirkt. Immer wieder geht er mit Lasuren über die Farbe, denn gerade sie verursachen die eigentümliche Transparenz in seinen Bildern. Immer wieder nimmt er einzelne Partien mit Stahlwolle weg oder fügt welche hinzu. Erst, wenn das Bild dichter und dichter geworden ist und räumlich wirkt, geht Angerer daran, Farbe einzusetzen.
Ludwig Angerer der Ältere hat eine klare Vorstellung von Kunst: "Kunst ohne handwerkliches Können ist für mich keine Kunst", sagt er. "Es ist auch jegliche Diskussion über Kunst erloschen. Wer heute behauptet, abstrakte Malerei wie die von Kandinsky sei keine Kunst, wird sofort verrissen. Das ist das Hauptdilemma." Angerer fordert, dass im Zeitalter des Pluralismus gegenständliche Malerei neben anderen Stilrichtungen gleichberechtigt existieren können müsse.
Bevor der Maler die Besucherin zu selbst gemachtem Apfelstrudel und Kaffee mit seiner Frau einlädt ("Ich habe mir ausgerechnet, wir essen jährlich 100 Meter Apfelstrudel"), philosophiert er über die Kunst an sich: "Kunst ist geistig, nicht materiell. Sie entsteht in meinem Kopf. Künstler müssen sie nur materiell machen, um sie sichtbar zu machen. Ich mache Kunst wegen ihrer Schönheit, sie ist Futter für die Seele. Denn ohne Futter würde die Seele sterben."
Kurzinfo: Ludwig Angerer der Ältere
- geboren am 7. August 1938 in Bad Reichenhall
- 1957-1961: Architekturstudium in München
- 1961-1966: Akademie der Bildenden Künste (bei Prof. Ruf)
- seit 1975: freier Architekt, Filmarchitekt, Kunstmaler, Bildhauer, Bühnenbildner, Schriftsteller, Designer
- 1989: Bayerischer Filmpreis für die künstlerische Gestaltung von Michael Endes "Die Unendliche Geschichte II"
- 1994: Theater-Welturaufführung von "Der kleine Hobbit", J.J.R.Tolkien, Bühnenbild und Kostüme
- 1994: "Kulturpause. Streitschrift wider den Zeitgeist."
- 1996: Gestaltung des Grabmals von Michael Ende
- von 1997 an: Bau der Erlöserkapelle in Biburg, ein christliches Gesamtkunstwerk aus Architektur, Malerei und Bildhauerei mit handschriftlichem Grußwort von Papst Benedikt XVI
- 2003 und 2005: zwei Fantastikmärchen "Ein verlorener Traum" und "Kein verlorener Traum"

