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Kleine Welt ganz groß

30. September 2011, von  Jennifer Withelm
Makrofotografie eröffnet ungeahnte Möglichkeiten im Kleinen - ohne großen Aufwand. Der Fotograf, Grafiker und Autor Cyrill Harnischmacher gibt exklusiv auf musicsupporter.de erste Tipps für den Einstieg in die kleine große Welt.
Nah dran, gut drauf: Closeup-Shooting von Cyrill Harnischmacher (Fotos: Cyrill Harnischmacher).

Du glaubst, dass du nur mit einem aufwendigen Equipment, teuren Models und einer großartigen Kulisse spektakuläre Fotos machen kannst? Falsch gedacht! Viele der interessantesten Motive befinden sich direkt vor deinen Augen, auch in diesem Moment. Der Fotograf, Grafiker und Autor Cyrill Harnischmacher gibt erste Tipps für den Einstieg in die Makrofotografie. 

 

Er sei immer wieder "überrascht, welche ungewöhnlichen und manchmal bizarren Welten sich dabei eröffnen." Die Neugier auf Bilder, "die ich so noch nie gesehen habe", sei die Motivation für Cyrill Harnischmacher, sich mit Makrofotografie zu beschäftigen. Faszinierende Welten finden sich überall und beschränken sich nicht nur auf Insekten und Pflanzen. "Auch bei Alltagsgegenständen lassen sich interessante Details entdecken. Denkt an Zucker- oder Salzkristalle, den Schimmelpilz auf einem Stück Käse oder Wassertropfen auf einer Vogelfeder!"    

 

Viel Geduld bei Insekten

 

Wer aber Insekten in der Natur fotografieren will, muss viel Geduld mitbringen. Hilfreich ist es, sich im Vorfeld über das Verhalten und die Vorlieben der Fotomodelle genau zu informieren. Wann ist die Blütezeit der bevorzugten Futterpflanzen bestimmter Schmetterlinge? Zu welcher Tageszeit sind die Insekten weniger aktiv und deswegen ruhiger? Wer diese Fragen beantworten kann, baut Kamera und Stativ am besten vor dem passenden Hintergrundmotiv auf, fokussiert beispielsweise auf die Blumenblüte und wartet. Ist der Besucher eingetroffen, ist es wichtig, selbst genügend Abstand zu halten und über Hilfsmittel wie einen Kabelfernauslöser abzudrücken. Die meisten Kleintiere identifizieren den Fotografen so nicht mehr als Bedrohung und wer die Wartezeit etwas verkürzen will, kann seine Models auch bestechen: "Eine Stubenfliege kann man sehr gut mit ein paar Krümeln Zucker dazu bewegen, etwas länger still zu halten."

 

MakrofotografieCyrill Harnischmacher bewegt sich in der Regel im klassischen Makrobereich, also bei Abbildungsgrößen von etwa 1:1 bis 3:1. Sein bevorzugtes Equipment sind eine digitale Spiegelreflexkamera, Makroobjektive, ein Balgengerät und der Retroadapter, auch Umkehrring genannt. Oft hat Harnischmacher zusätzlich ein Blitzgerät mit einer kleinen Softbox dabei, um Lichtverhältnisse zu beeinflussen. Einsteigern, die über eine Kamera ohne wechselbares Objektiv verfügen, empfiehlt der Profi für den Anfang eine gute Nahlinse. Wer eine digitale Spiegelreflexkamera benutzt, sollte sich "gleich ein richtiges Makroobjektiv mit etwa 100mm Brennweite und einem Abbildungsmaßstab bis 1:1 anschaffen. Das ist eine Investition fürs Leben und eignet sich auch sehr schön als Porträtobjektiv." Mit kostengünstigen Umkehrringen zum passenden Objektiv in Retrostellung kann der Fotograf "zwar sehr tief in die Makrowelt eintauchen, die Handhabung ist aber nicht ganz so einfach." Meistens sind Kamera-Funktionen wie der Autofokus in der Retrostellung nicht mehr verwendbar und dann ist Fingerspitzengefühl beim Fokussieren gefragt. Ein Stativ wird ein schon fast unverzichtbares Hilfsmittel. 

 

Die Wahl der Schärfenebene gehört neben dem normalen Bildaufbau in der Makrofotografie zum wichtigsten Gestaltungselement, weil die Schärfentiefe im Nahbereich sehr klein ist. In der Miniaturwelt sieht der Betrachter sofort, welcher Bildbereich fokussiert wurde, während der Rest des Bildausschnitts unscharf ist und womöglich sogar im Dunklen verschwindet. Wer Insekten abbildet, "sollte auf die Augen scharf stellen." Um wichtige Details zu betonen und den Hintergrund in der Unschärfe verschwinden zu lassen, sollte man "die Blende weit öffnen". Besondere Effekte erzielt der Kreative in allen Bereichen, auch im Winter, wenn Schmetterling und Kollegen Winterschlaf halten. Schon winzigste Objekte können spannende Bilder ergeben - versucht es mal mit Schnee, Waschpulver, einer Werkzeugkiste oder Gemüse aus dem Kühlschrank.


Kurzinfo: Cyrill Harnischmacher

 

  • geboren am 16.3.1963 in Bonn
  • Studium der freien Kunst in Nürtingen
  • Grafiker in diversen Werbeagenturen
  • seit 1997 selbstständig mit Schwerpunkt Prospekt- und Buchgestaltung
  • seit 2000 Autor für diverse Fachzeitschriften, FotoMagazin, Macwelt u.a.
  • seit 2005 Fachbuchautor


Bücher

 

Viele der für die Makrofotografie benötigten Hilfsmittel "funktionieren gleich oder ähnlich wie in der Studiofotografie, sind eben nur deutlich kleiner." Einiges davon kann sich der Fotograf selber zusammenbasteln und damit viel Geld sparen. Die Bauanleitungen verrät Cyrill Harnischmacher in seinen Büchern: 


Fachbegriffe und Tipps 

 

  • Abbildungsmaßstab: Der Abbildungsmaßstab beschreibt das Verhältnis der Größe eines Objekts zu seiner Größe als Abbildung auf dem Aufnahmeformat. Ein Abbildungsmaßstab von 1:1 ist  erreicht, wenn das Motiv in seiner natürlichen Größe auf dem Film bzw. Sensor abgebildet ist. 1 cm in der Natur entspricht exakt 1 cm auf dem Aufnahmematerial, unabhängig von dem verwendeten Aufnahmeformat. Bei einem Abbildungsmaßstab von 2:1 wird das Objekt also in doppelter natürlicher Größe abgebildet.

 

  • Schärfentiefe: Schärfe und Unschärfe sind wichtige Gestaltungsmittel. Möchte man bei einer Aufnahme ein großes Maß an Schärfentiefe erreichen, muss die Blende weiter geschlossen werden, es bedarf also einer größeren Blendenzahl. Ein Öffnen der Blende (kleinere Blendenzahl) führt zu einer geringeren Allgemeinschärfe.

 

  • Aufbau mit Gegenlicht: Wer statt des klassischen weißen Hintergrunds einen schwarzen Hintergrund für seine Fotos möchte, kann hierzu das Motiv von hinten beleuchten. In diesem Fall muss der Fotograf beim Hintergrundmaterial darauf achten, dass so wenig Licht wie möglich reflektiert wird, schwarzer Samt oder Molton-Stoff aus dem Fotohandel sind ideal. Bei schwarzem Karton sollte der Abstand von Motiv und Hintergrund vergrößert werden, weil die Kartonoberfläche weniger Licht schluckt. Beim Aufbau müssen die Blitzgeräte so platziert werden, dass das Motiv aus einem flachen Winkel beleuchtet wird. Zwei beidseitig schwarze Kartonstreifen verhindern, dass Streulicht auf das Objektiv fällt und dass Licht in Richtung Hintergrund reflektiert wird. Feine Strukturen am Motivrand werden teilweise überstrahlt und verleihen dem Motiv eine leuchtende Aura. Wirkt das Objekt auf der Vorderseite zu dunkel, kann man es mit einem dritten Blitz mit reduzierter Leistung, beispielsweise dem internen Kamerablitz, aufhellen.