Ziel und Inhalt
Bei der Porträtfotografie wird ein Lebewesen in den Mittelpunkt gestellt, wobei die Hauptaufgabe darin besteht, wesentliche charakteristische Merkmale herauszuarbeiten. Bewerbungs- oder Passfotos sind zwar durchaus als eine Art Porträt zu verstehen, werden aber der angewandten Porträtfotografie zugeschrieben. Für den Künstler bleibt hier wenig gestalterischer Freiraum, denn ein unterbelichtetes Bewerbungsfoto mag zwar künstlerisch wertvoll, praktisch aber ungeeignet sein. Auch schränken aktuelle Richtlinien zur biometrischen Erfassung den kreativen Passfotografen ein. Dies ist reines Handwerk. Eine Alternative bietet die künstlerische Auffassung und Umsetzung. Verabschieden wir uns also freudig von der rein praktisch orientierten Porträtfotografie und widmen uns diversen gestalterischen Möglichkeiten.
Perspektive und Ausschnitt
Ein Porträt zeichnet sich durch das Hervorheben charakteristischer Merkmale der Person aus. Und nichts ist individueller als das Gesicht. Somit ist klar, worauf der Fokus gelegt wird. Je enger man den Ausschnitt wählt, desto intimer wird die Anmutung (zum Beispiel nur die Augen). Im Gegensatz dazu kann man bei einer Ganzkörperaufnahme auch die jeweilige Umgebung der Person bewusst einbinden, um einen bestimmten Charakter zu unterstreichen. Klassische Beispiele hierfür sind Porträts von Politikern, Künstlern (vor der Linse) und Unternehmern. Das Ablichten eines Malers in seinem chaotischen Atelier zeigt beispielsweise sehr viel von dessen Persönlichkeit. Ähnlich verhält es sich bei Unternehmern, die sich bevorzugt im Büro oder Konferenzsaal darstellen. Auch eine Yacht, beim Golfen oder in der Luxuswohnung sind gern gesehene Stilmittel – alles eine Frage der Perspektive. Die Wirkung des Models wird wesentlich durch die Wahl einer Vogel-, Frontal- oder Froschperspektive erzeugt. Je tiefer die Perspektive, desto unerreichbarer und geheimnisvoller erscheint eine Person.
Graustufen oder Farbe
Nicht nur die von Geburt an vorhandenen Merkmale einer Person wie Augen- und Haarfarbe, sondern auch die Lebensweise und das Alter prägen das Gesicht eines Menschen (bei vom Leben gezeichneten Menschen spricht man gerne vom Charaktergesicht). Entscheidet man sich für ein Porträt in Farbe, können bestimmte Eigenschaften besser herausgearbeitet werden, wie etwa ein farbenfrohes Styling. Möchte man zudem auf strahlend blondes Haar, tiefblaue Augen oder eine rote Trinkernase aufmerksam machen, ist die Wahl der farbigen Fotografie durchaus zu empfehlen. Äußerst populär ist dennoch die Schwarz-Weiß-Fotografie. Farben rufen bei Menschen bestimmte Empfindungen und Stimmungen hervor (Rot zum Beispiel Wärme, Wut, Liebe, Leidenschaft und so weiter). Beim Einsatz der reinen Schwarz-Weiß- oder Graustufenfotografie wird bewusst auf die mögliche störende Wirkung von Farben verzichtet. Vielmehr entscheiden Gesichtsausdruck, Haltung, Mimik und Gestik über die Qualität des Porträts.
Schärfe
Den letzten Feinschliff erreicht man durch die Wahl der Schärfentiefe. Eine geringe Schärfentiefe unterstreicht den starken Fokus auf bestimmte Merkmale, zum Beispiel den Mund oder die Augen. Gerade der bewusste Einsatz von Unschärfe verleiht jedem Portrait etwas Besonderes. Bei dieser Gelegenheit ein Vergleich mit einem Koch: Die große Kunst des Kochens liegt im Würzen. Doch gerade bei der Schärfe wird dem Profi ein gewisses Feingefühl abverlangt. Manchmal ist weniger eben mehr. Besonders bei scharfen Angelegenheiten.


