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Faszination Stillstand

03. November 2010, von  zeegaro
In der Ruhe liegt die Kraft: Stillleben-Fotografie hat ihren Ursprung in der Malerei, hat sich aber längst zur eigenständigen Kunstform entwickelt. In unserem Workshop geht es um Wissenswertes zum Thema, Produkfotografie und Stillleben als Kunstform.
Eier-Ensemble (Fotos: zeegaro).

So aufregend das Blitzlichtgewitter bei einer Modeproduktion oder die Jagd nach den schönsten Sportaufnahmen auch sind - manchmal ist weniger mehr. In der Ruhe liegt die Kraft, also nehmen wir uns heute einmal Zeit, die Stillleben-Fotografie genauer zu durchleuchten.

 

Als Stillleben bezeichnet man Fotografien, bei denen das Motiv aus der Abbildung oder Darstellung von Gegenständen besteht. Präziser formuliert, handelt es sich um handliche Gegenstände, oft aus dem Alltag, die zum Beispiel auf einem Tisch, einer Fensterbank oder einem Fußboden arrangiert werden können ("Tabletop Arrangements"). Immobilien, Automobile oder komplette Inneneinrichtungen fallen daher als Motiv nicht unter diese Kategorie, sie bilden eigene Fachbereiche (Architektur- oder Interieurfotografie).


Hintergründe

 

Ihren Ursprung hat die Stillleben-Fotografie in der Malerei, die generell als Vorgänger beinahe jedes fotografischen Bereiches dient. Mittlerweile stellt die Fotografie ein eigenständiges Kunst- und Kommunikationsmedium dar, was nicht nur an den jeweils sehr unterschiedlichen technischen Entwicklungen liegt, sondern vielmehr in den jeweiligen Einsatzgebieten, zeitgenössischen Strömungen und an den variierenden Verwendungszwecken.

 

Umso interessanter ist es, dass sich gerade die moderne Stillleben-Fotografie inhaltlich weiterhin stark an der Malerei orientiert, was wiederum dieser Art der Fotografie etwas ganz Besonderes verleiht. Vor allem gestalterische Aspekte wie Arrangement, Bildaufbau und Lichtführung verweisen auf die Wurzeln in der Malerei und bilden konsequent die Grundlage. Dennoch haben sich in der modernen Stillleben-Fotografie im Wesentlichen zwei sehr unterschiedliche Teilbereiche entwickelt.


Produktfotografie

 

Eine sehr weit verbreitete, weil häufig benötigte Form der Stillleben-Fotografie ist die Produktfotografie. Wie der Name schon verrät, handelt es sich um eine fotografische Abbildung von Produkten. Somit ist der Verwendungszweck klar gegeben, da im Sinne einer Werbung ein Produkt ansprechend dargestellt werden soll. In der Konsumgesellschaft nimmt die Produktfotografie einen sehr hohen Stellenwert ein. Nach wie vor wird beinahe jedes Objekt, das geschaffen wurde, in irgendeiner Form fotografiert. Sämtliche Beilagen in Tageszeitungen, egal ob sie Möbel, Technik oder Kosmetik bewerben, sind gespickt mit Produktfotos, und zwar in ganz unterschiedlicher Weise.

 

Werkzeug StilllebenDen überwiegenden Großteil bilden sogenannte Freisteller, was für den Fotografen bedeutet, dass das zu fotografierende Objekt bei der Aufnahme nicht mit anderen Gegenständen oder Hintergründen eine bildnerische Aussage bilden soll, sondern im Gegenteil absolut neutral abgebildet wird. In der Nachbearbeitung werden weitere Schritte vorgenommen, wie etwa das nachträgliche Einfügen eines farbigen Hintergrundes, was mit den Layout- und Mood-Vorgaben der jeweiligen Auftraggeber zu tun hat. Bei der Aufnahme liegt somit der Schwerpunkt auf der handwerklich sauberen und ansprechenden Ausleuchtung des Objekts an sich. Keine Schnörkel, kaum Experimente, ausschließlich zweckgebunden. 

     

  • Klassische Beispiele: technische Geräte, Haushaltswaren, Lebensmittel als Konsumgut.
  • Vorwiegende Verwendung: Supermärkte, Drogerien, Technik- und Warenhäuser, die den Durchschnittskonsumenten bedienen.

 

Selbstverständlich gibt es auch im Bereich der Produktfotografie Situationen, in denen eben kein Freisteller gewünscht ist. Aber auch hier geht es in erster Linie um die vorteilhafte und ansprechende Darstellung des Produkts, es soll den Betrachter beziehungsweise den potentiellen Kunden anregen, neugierig machen, und auch hier gilt: Das Ziel ist der Zweck. Das Produkt soll schließlich verkauft werden. Freilich hat der Fotograf etwas mehr Spielraum in der Bildgestaltung, kann zum Beispiel andere Perspektiven oder Brennweiten einsetzen, das Produkt in einer anderen Räumlichkeit inszenieren, die Lichtführung abweichend gestalten und auch ein wenig seinen persönlichen Stil betonen. Trotzdem bleibt es dabei: Das Produkt ist der König. Wer künstlerische Ansprüche besitzt, wird hier wohl selten glücklich. Es ist in erster Linie Handwerk, wenn auch mit höherem ästhetischen Ansatz. Eine absolut professionelle Lichtführung sowie gute Material- und bestenfalls Produktkenntnisse sind hier durchaus von Vorteil.  

  

  • Klassische Beispiele: hochwertige Konsumgüter, Lifestyle-Produkte
  • Vorwiegende Verwendung: Produkt- und Imagebroschüren spezialisierter Fachhändler, die ein gesondertes Marktsegment bedienen.

 

Klassisches Stillleben als Kunstform

 

Ganz gegensätzlich zur Produktfotografie verhält es sich mit einem klassischen Stillleben. Hier herrscht weitgehend Freiraum. Der Ansatz ist auch deshalb anders, weil mit einem klassischen Stillleben eine eigene Aussage, ein eigenes Werk geschaffen werden soll. Ob die Objekte nun schön oder hässlich, vorteilhaft oder ungeschönt abgebildet werden, obliegt der Auffassung des Fotografen. Oftmals hat diese Art eine stimmungsbezogene Absicht, die Intension ist atmosphärischer Art. Dabei bilden die verwendeten Objekte erst in ihrer Gesamtheit, in der Art und Weise des Arrangement und der Lichtführung das Werk, weniger in ihrer Individualität. Es ist das Zusammenspiel unterschiedlicher Einzelteile, die den Betrachter fesseln sollen. Beispielsweise ist ein Apfel in seiner Individualität nicht zwangsläufig so verlockend, dass man stundenlang vor einem Abbild dessen verweilen kann. Arrangiert man aber um den Apfel herum eine eigene kleine Welt, kann sich dies schlagartig ändern. Und dabei kommt erneut die Malerei ins Spiel. Kontraste, Linienführung, Geometrie und Farbenlehre sind wesentliche Bestandteile eines gelungenen Stilllebens.

 

Food StilllebenVor allem Objekte, die in ihrer Beschaffenheit eigentlich gar nicht zusammenpassen, können bei einem gekonnten Arrangement neue Sichtweisen hervorrufen, also zum Beispiel Organisches in Kombination mit Künstlichem, Brauchbares mit Unbrauchbarem, teuer mit billig, schön mit hässlich, rund mit eckig, viel mit wenig und so weiter.


Überhaupt spielt Geometrie in der Stillleben-Fotografie eine ganz wichtige Rolle, auch wenn diese erst auf den zweiten oder dritten Blick wahrgenommen wird. Unterbewusst verliert sich der Betrachter genau dann in einem Bild, wenn er einer Linie, einer Figur oder einer Form folgen kann. Und auch hier gilt: Kontraste einsetzen. Dreiecke mit Parallelen kombinieren, Linien mit Punkten usw. Zwar findet man klassische Stillleben meist in künstlerischem Zusammenhang, als eigenständige Werke in Galerien, dennoch hat auch gelegentlich die Wirtschaft dafür Verwendung, vor allem dann, wenn es um Luxus, Genuss pur und Exklusivität geht.   

  

  • Klassische Beispiele: opulente Food-Kompositionen, Luxusgüter (Schmuck, Uhren)
  • Vorwiegende Verwendung: gehobene Gastronomie, Luxushändler, Kunstliebhaber, Kultur


Der Autor

zeegaro, Jahrgang 1980, absolvierte eine klassische Ausbildung zum Fotografen, gefolgt von einer Ausbildung zum Eventmanager. Er assistierte namhaften Mode- und Werbefotografen und leitete ein renommiertes Mietstudio für Film- und Fotoaufnahmen in operativer Administration. Seit 2006 ist er als freischaffender Fotograf und Fotodesigner schwerpunktmäßig in den Bereichen Kultur, Wirtschaft und Gastronomie tätig, wobei er unter anderen Sir Peter Jonas, Henning Wehland, Patricia Petibon und Deichkind für Magazine und Verlage fotografierte. Neben People- und Porträtaufnahmen gehören Stillleben-Kompositionen und Unternehmenskommunikation zu seinen Kompetenzen und Leidenschaften. Sein erweiterter Kundenstamm besteht aus Soft- und Hardware-Firmen, Caterern, Handwerksbetrieben und Künstlern.