Herr Euringer, Sie kamen über Umwege ans berufliche Ziel. Angefangen haben Sie als Beleuchter.
Günter Euringer: Richtig, ich habe in einer Kabeltechnik-Firma gearbeitet und dann etwas riskiert und gekündigt. Ich hatte als Mechaniker einen Facharbeiterbrief, die Voraussetzung, um als Beleuchter arbeiten zu können. Der Beleuchter ist in Sachen Licht das ausführende Organ des Kameramanns. Ich wollte unbedingt an die Kamera und habe deswegen als Kameraassistent anfangen. Der Beleuchter war für mich Mittel zum Zweck, und damit ging alles recht schnell. Plötzlich war ich bei "Derrick", "Der Alte", "Aktenzeichen XY", "Die glückliche Familie" und bei anderen Serien dabei. Das war schon eine Sensation für mich.
Wie ging es weiter?
Euringer: Durch meine Arbeit als Beleuchter hatte ich einen sehr nahen Kontakt zur Kamera und bekam plötzlich das Angebot für einen Job als Kameraassistent. Das habe ich natürlich angenommen – obwohl es ein gewagter Schritt war, denn als Beleuchter hatte ich einen sicheren Job. Und ein Kameraassistent verdient im Seriengeschäft meist weniger als ein Beleuchter. Aber ich wollte weiterkommen. Nun war ich also zwei Jahre lang der Assi! Völlig blauäugig habe ich dann mit einem Freund eine Filmproduktions-Firma gegründet. Wir hatten tatsächlich Aufträge, holten uns 35mm-Kinokameras und los ging's. Plötzlich war ich Kameramann, musste es sein. Aus dem Nichts konnte ich für mich wichtige Sachen machen: Werbespots und Imagefilme drehen, schneiden und so weiter. Dadurch hatte ich auf einmal auch Referenzen zum Herzeigen.
Ist Ihnen der Einstieg ins Filmgeschäft leicht gefallen?
Euringer: Bei mir hat es relativ einfach funktioniert, eben über den Beruf des Beleuchters und mit der Wahnsinnsidee, eine eigene Filmproduktion zu haben. Aber der Begriff "ins Filmgeschäft einsteigen" passt mir nicht. Nur, weil man einmal bei einem Film mitgearbeitet hat, heißt das noch lange nicht, dass man im Filmbusiness etabliert ist. Das Filmgeschäft ist sehr zerstreut und zerrissen, manche mögen sich gegenseitig nicht. Es gibt viele Einsteiger, die schnell erkennen: Das ist nichts für mich. Die Unsicherheit, der Stress, die Konkurrenz. Aber: Wer es wirklich will und auch etwas drauf hat, der kann sich einen Namen machen und sich etablieren. Glück gehört natürlich auch dazu, und man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.
Welche Tipps haben Sie für Einsteiger?
Euringer: Es gibt in Deutschland relativ wenig fundierte Ausbildungsmöglichkeiten. Natürlich kann und sollte man das eine oder andere Seminar besuchen und ein paar Urkunden sammeln. Aber ein Stück Papier ist nicht die Garantie für den Einstieg. Das meiste ist Learning by Doing. Wer Kameramann oder -frau werden will, sollte sich eine Profikamera leihen und ausprobieren. Letztendlich wollen alle Produzenten und Regisseure nur dein Showreel sehen. Für kleinere Projekte, wie Low- oder No-Budget-Produktionen, sollte man auch mal kostenlos arbeiten, damit man etwas zum Vorzeigen hat. An so etwas kommt man zum Beispiel über Ausschreibungen in Hochschulen, über Websiten oder Internetforen heran. Wenn man dann Material beisammen hat, kann man sein Showreel gezielt versenden. Am besten informiert man sich über die Firma oder den Produzenten, ruft dort an und schickt ein Demo. Dann merken die auch, dass wirklich was dahinter steckt. Massenaussendungen von Showreels bringen außer Unkosten selten etwas. Das viel beschworene Vitamin B, wird sehr überschätzt, da läuft eigentlich wenig. Irgendwann kommen die Anfragen dann auch rein, und gewonnene Kontakte sollte man nicht mehr einschlafen lassen.
Was genau machen Sie als "lichtsetzender" Kameramann?
Euringer: Meine Aufgabe ist es, bewegte Bilder durch den Einsatz von Licht und mit einer oder mehreren Kameras zu gestalten. Früher nannte man das den Bildgestalter. Egal ob Werbung, Spielhandlung oder Konzert – es entstehen immer bewegte Bilder. Ich muss wissen, wie ich eine Szene einleuchte, welches Objektiv ich einsetze, wie die Kamera bewegt wird, damit es gut aussieht. Ich muss das Licht und die Kamera beherrschen und ein fundiertes Wissen sowie Praxiserfahrung haben. Auch über das Drumherum wie Licht- und Fernsteuerungssysteme oder Studiotechnik muss ich viel wissen. Kameraleute, die auf Dokumentarfilme spezialisiert sind und jahrelang bei den Eisbären drehen, müssen das nicht unbedingt können.
Sie haben Filme gedreht, Musik-Videos, Werbespots und Konzertaufzeichnungen. Wie würden Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben?
Euringer: Ich gehe an jedes Projekt heran, als hätte ich noch nie etwas mit Film zu tun gehabt und noch nie etwas gedreht. Ich fange jedes Mal bei Null an, es gibt kein Regelwerk, in dem ich nachschlagen könnte. Dass es dann klappt, hat mit Erfahrung und Instinkt zu tun. Das kommt schnell wieder hoch, sobald ich mich an die Planung mache.
Wie sieht der Arbeitsprozess aus, vom Briefing bis zum Endprodukt?
Euringer: Wenn ich einen Auftrag annehme, wird das für mich sofort zu einer persönlichen Sache. Ich habe plötzlich mit vielen Filmkollegen zu tun. Wir nehmen Kontakt auf und besprechen das Ganze. Das ist gar nicht so heilig, wie man vielleicht glauben möchte. Wir reden, überlegen, welche Technik gut wäre, denken über die Ansprüche und die Auswertung nach, und dann entwickelt sich alles Stück für Stück. Als lichtsetzender Kameramann muss ich seriös beraten können, das ist extrem wichtig. Auch nach dem Dreh ist meine Arbeit noch nicht vorbei: Die Farbkorrektur liegt auch in meiner Verantwortung. Erst, wenn die abgenommen ist, bin ich fertig.
Mit welchem Equipment arbeiten Sie in der Regel?
Euringer: Außer meiner "Bolex 16mm" Filmkamera habe ich überhaupt nichts. Ein lichtsetzender Kameramann braucht kein eigenes Equipment, das wird immer gestellt. Es läuft so: Der Produzent vertraut mir sein Projekt an. Darüber mache ich mir viele Gedanken. Ich schreibe dann eine erste Equipment-Liste und schicke sie an den Produzenten. Der leidet dann, weil es ihm zu teuer ist. Ich gehe darauf ein, und wir treffen uns in der Mitte. Mit der fertigen Liste setze ich mich dann mit den Verleihfirmen auseinander.
Welche Kamera benutzen Sie häufig?
Euringer: Meine schon erwähnte "Bolex" würde ich gerne mal wieder einsetzen. Mit der kann man Unglaubliches machen! Im Moment ist der Markt natürlich auf digitale Videokameras wie die "Sony F900" oder die "RED" eingestellt. Auch ich arbeite viel mit digitalen Formaten, obwohl sich so mancher Produzent gerade jetzt wieder auf den klassischen Film besinnt. Filmemulsion bietet meiner Meinung nach immer noch unglaubliche Vorteile gegenüber der digitalen Cinematografie. Da wird auch noch über viele Jahre keine digitale Technik hinkommen, die so eine Qualität bietet. Die Emulsionshersteller wie Kodak und Fuji schlafen ja nicht. Die bieten immer besseres Filmmaterial und haben einen Vorsprung gegenüber den digitalen Aufnahmetechniken. Und der Vorsprung ist gewaltig, auch im Bezug auf eine mögliche internationale Verwertung.
Was empfehlen Sie Einsteigern?
Euringer: Für den Anfänger ist die Arbeit mit Videokameras mit der Gefahr verbunden, dass er das Handwerk nicht richtig lernen kann. Wenn man bei einer Filmkamera auf den Auslöser drückt, läuft da richtig Geld durch. Also lernt man planen. Erst wird mit den Darstellern inszeniert, dann macht man das Licht, dann die Probe, dann die Lichtkorrektur und schließlich die Aufnahme. Wenn man diese Vorgehensweise beherrscht, ist die Spielszene schnell abgedreht. Heute sehe ich öfter Filmschaffende, die mal relativ planlos mit der Videokamera draufhalten, um zu sehen, was passiert. Dann schauen sie sich das Ganze an und beginnen zu diskutieren. Erst dann kommen sie irgendwann auf eine Lösung. Diese Arbeitsweise ist nicht optimal. Das erprobte Handwerk ist hier die bessere Lösung.
Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen, um Kameramann zu werden?
Euringer: Abgesehen von einem Gespür für das schöne Bild: Nie krank werden! Im Ernst: Ich war in den 23 Jahren, in denen ich jetzt beim Film bin, nicht einen einzigen Drehtag krank und wäre dadurch ausgefallen. Man muss sehr belastbar sein und damit leben können, nicht auf die Uhr zu sehen. Drehtage können lange sein. Mir hat auch geholfen, dass ich nebenbei Videoschnitt mache und seit 17 Jahren mein eigenes Avid-Studio habe. Kameraleute, die Schnitterfahrung haben, sind auffällig oft die Besseren. Man lernt beim Schneiden sehr viel und erkennt dann Fehler beim Dreh. Da stimmt mal bei Schnitt und Gegenschnitt die Achse nicht, es fehlen Zwischenschnitte, es gibt extreme Farbsprünge und so weiter. Wenn man das in der Postproduktion durchlitten hat, achtet man beim Drehen wirklich sehr darauf.
Das Interview in voller Länge erschien im music supporter 02/09. Erhältlich hier.
Kurzinfo: Günter Euringer
- geboren 1963 in München
- 1986 bis 1989 Beleuchter
- 1990 bis 1992 Kameraassistent
- seit 1993 freier, lichtsetzender Kameramann
- 2007 Deutscher Kamerapreis für die Mozart-Oper "Mitridate, Re di Ponto"
- 2008 Echo für die Konzert-Dokumentation "Albrecht Mayer, New Seasons"
Tipps zum Thema
- Hilfreiche Fachmagazine: Film & TV Kameramann, Professional Production
- Wichtige Messen (nur für Fachpublikum): Photokina in Köln, Cinec in München
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