Ein Autohersteller möchte sein neues Modell in einem unvergesslichen Ambiente vorstellen. Eine Rockband sucht für ein Musikvideo eine heruntergekommene Industriekulisse. Ein Kosmetikhersteller will den Werbespot für eine neue Produktserie in einer Oase von Orchideen drehen. So oder so ähnlich klingen die Anfragen von Susanne Madées Kunden. Als Locationscout kümmert sie sich darum, dass der Kunde bekommt, was er sucht – im Idealfall handelt es sich um einen Geheimtipp.
Am Tag des Interviews besichtigt sie für ein Fotoshooting die Spannwerk-Studios im Englischen Garten in München. Insbesondere das 1.000 Quadratmeter umfassende Außengelände fasziniert sie. Backsteingebäude mit Graffitis, Eisenstangen, Tonnen und zahllose Schilder mit der Aufschrift "Achtung! Lebensgefahr!" inspirieren sie. Sebastian Schloemp zeigt ihr das Grundstück, er selbst betreibt und vermietet im Inneren des Hauptgebäudes ein Fotostudio und einen Raum für Veranstaltungen. "Hier warst du noch nie", sagt Susanne und lacht. "Der Ort ist perfekt, kaum jemand kennt diesen Platz." Sebastian Schloemp ist durch Zufall auf die Ruine gestoßen. Beim Spazierengehen mit seinem schwarzen Hund "Schaf" entdeckte der selbstständige Beauty-Fotograf den Platz und entschied sich schnell dazu, das Hauptgebäude zu mieten. 1986 war das ehemalige Spannwerk zuletzt in Betrieb, seitdem stand es leer. 2009 füllte es der 34-Jährige mit Leben. Inzwischen wird es nicht mehr vermietet. Spannende Orte sind nichts für die Ewigkeit.
Einen Ort für ein Fotoshooting zu finden, fällt Susanne leichter als einen Ort für eine Veranstaltung aufzuspüren. Für das Shooting braucht sie keine feuerpolizeiliche Begehung, keine Mindestanzahl Feuerlöscher und kein aufwendiges Catering. "Bei einem Fotoshooting ist das alles einfacher, für genügend Geld vermietet fast jeder alles." Meistens spielt Geld bei Susannes großen Kunden eine untergeordnete Rolle. Ihre Kunden schätzen sie für ihre Insider-Tipps, dafür klettert sie gelegentlich auch in unterirdische Bachbetten und schmuddelige Kellerräume. Alleine in Deutschland kennt sie zahlreiche verrückte Plätze für Werbespots, Shootings und Veranstaltungen: das frühere Kesselhaus eines Eisenbahnwerks in München, der ehemalige U3-Bahnhof Potsdamer Platz oder auch das denkmalgeschützte Meilenwerk, Europas größtes Straßenbahndepot, in Berlin. In Düsseldorf das stylische Lofthaus oder die Turbinenhalle der Stadtwerke, diverse Zechen im Ruhrgebiet, das Orth-Haus in Bonn oder die neu eröffnete Villa Köln aus der Gründerzeit. Das Kulturuniversum "Mueller Meyer Schulze" in Hamburg oder auch der Eventspeicher U4 in der Hansestadt. Auf Orte wie diese stößt sie durch Eigenrecherche, durch Tipps von Kollegen oder durch Stadtmagazine.
"Praxiserfahrung ist das A und O"
Charakterliche Voraussetzungen für den Job seien "Neugier, Kreativität, Kommunikationsfreude, Reisebereitschaft, Orts- und Fremdsprachenkenntnisse", erklärt sie. Susanne selbst spricht Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch und besuchte als "Travel Maniac" mehr als 50 Länder. Den Schritt in die Selbstständigkeit empfiehlt sie erst nach etwa zehn Jahren Berufserfahrung in Agenturen. Hier bekommt der Anfänger das nötige Know-how, Ortskenntnisse und vor allem Kontakte. Netzwerk-Arbeit betreibt sie auf allen Ebenen, gerade auch im Internet. So ist auch der Spannwerk-Studiobetreiber Sebastian Schloemp über die Xing-Gruppe "Best Locations Germany" auf sie aufmerksam geworden und hat für sich geworben.
Besonders wichtig am Anfang sei es, in mehreren Praktika in verschieden ausgerichteten Event-Agenturen zu lernen, denn der Locationscout ist häufig Teil des Eventmanagers. Neben dem Auffinden von besonderen Kulissen wird Susanne in der Regel auch mit der Durchführung der dazugehörenden Veranstaltung beauftragt. "Vor zwanzig Jahren gab es noch keine Ausbildung zum Eventmanager, das Berufsbild wurde erst um die Jahrtausendwende richtig bekannt. Ich habe mir noch alles nach dem Learning-by-doing-Prinzip angeeignet, durch hören, sehen, tun und lernen. Heute würde ich Berufsanfängern in diesem Bereich unbedingt ein berufsbegleitendes Studium oder eine Ausbildung empfehlen, Praxiserfahrung ist das A und O." Wer den Job machen möchte, sollte sich auf "ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft, Überstunden und Wochenendarbeit" einstellen. "Das alles kann man an keiner Uni lernen. Und nur weil man als junger Mensch drei Partys organisiert hat, ist man noch kein Event-Manager", schmunzelt sie.
Kurzinfo: Susanne Madée
- geb. 1969 in Essen
- 1985 bis 1987: Diplom, staatlich geprüfte Fremdsprachenkorrespondentin IHK, Bénédict School of Languages, Darmstadt
- 1987 bis 1989: Assistentin der Geschäftsleitung, Lee Cooper Group, Dreieich
- 1990 bis 1992: Assistant to Creative Director, Lancaster Group, Wiesbaden
- 1992 bis 1993: Marketingleiterin, Incentive Congress Journal, Hofheim/Ts.
- 1993 bis 1994: Abteilungsleiterin, Corporate Events Club Montée, Freilassing
- 1995 bis 1999: Abteilungsleiterin, Incentives & Events, Fiala Incentives, Salzburg
- seit 1999: Freelancer, Event & Incentives, Projektleiterin, Locationscout, Undercover Agents, München


