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Das Selbstbild der Fotografen

10. März 2011, von  zeegaro
In Zeiten, da praktisch jeder fotografiert, stellt sich häufig die Frage: Wozu braucht man noch Profis? Was einen guten Fotografen ausmacht, wie er sich von Technik-Fanatikern unterscheidet, und welche Typen es gibt, lest ihr in unserem Experten-Essay.
Der Fotograf, das unbekannte Wesen (Fotos: Graur Razvan Ionut, Nuchylee/FreeDigitalPhotos.net).

Jeder kann es, jeder tut es: Fotografieren. Denn Fotografieren ist hip, zeitgemäß und einfach. Mit manchen Kameras kann man sogar telefonieren oder E-Mails checken, Audio- und Video-Files in Sekundenschnelle über den Globus jagen, und was viel wichtiger ist: Sie eignen sich hervorragend als gesellschaftliches Statussymbol. Schick und praktisch zugleich. Zudem eignet sich Fotografie hervorragend als kommunikatives Medium für Fachsimpeleien, da ja jeder fotografiert, selbstverständlich auch beherrscht und auch irgendwie kreativ ist. Nicht umsonst beschäftigen sich viele in ihrer Freizeit intensiv mit diesem Thema. Es ist halt ein schönes Hobby!

 

Wozu braucht man dann Profifotografen? Na zum Beispiel als (Lifestyle-)Berater. Nicht selten wird man im Bekanntenkreis, aber auch von fremden Menschen in beratender Funktion gebraucht, wenn es sich um die Anschaffung einer Kamera, eines Objektivs oder einer Spielerei im Fotobereich handelt. Grundsätzlich spricht dem auch wenig entgegen, jedoch stellen sich mir als praktizierenden Profi bei vielen Anfragen oder Äußerungen die Haare zu Berge. Denn es ist offensichtlich, dass sie nicht wirklich einen fotografischen Ansatz verfolgen, sondern lediglich eine Art Absolution ersehnen.

 

Denn im Kern ist die Entscheidung bereits gefällt und dank unserer modernen Informationstechnologien liegen sämtliche wichtigen und unwichtigen Fakten vor. Man weiß schließlich Bescheid. Leider wird einem niemand die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Modell abnehmen können, denn das hängt von rein individuellen Ansprüchen ab. 

  

Der Typus Fotograf

 

Grundsätzlich lassen sich zwei Grundcharaktere von Fotografen kategorisieren:

  • der technisch-fanatische Perfektionist und
  • der motivinteressierte Typ.

 

Bei ersterem Typus handelt es sich häufig um Menschen, die sich Fotografie als ihr Hobby auserwählt haben. Sie besuchen grundsätzlich alle Verbrauchermessen, abonnieren sämtliche Fachzeitschriften, tauschen sich intensiv in Foto-Communities aus, publizieren in jedem erdenklichen Forum jeden erdenklichen Schnappschuss, kennen beinahe alle Kameramodelle aller Hersteller und wissen obendrein genau, was sich im Vergleich zum Vormodell im Detail geändert hat oder verändern wird.

 

Sie verwalten ein absolut umfangreiches Sortiment an Kameras, Objektiven und sonstigem Zubehör unterschiedlichster Hersteller, Modellen und Systemen. Sie polieren all ihre Lieblinge regelmäßig und sorgfältig und lassen nicht selten ihrem Hobby eine fast religiöse Anmutung anhaften. Klar ist auch, dass sie rein technisch gesehen das perfekte Foto schießen können, sie wissen theoretisch über alles Bescheid. Nur leider fehlt ihren Bildern oftmals das Herz, die Seele und schlimmer noch: irgendeine Aussage. Technisch perfekt, aber nichtssagend.

 

Meistens sind es diese Menschen, die auf Hochzeiten und Familienfeiern, ausgestattet  mit den neuesten und teuersten Systemen, in Profimontur erscheinen oder im Tierpark vor dem Affengehege ein halbes Studio aufbauen, und dabei den Kindern die Sicht nehmen. All denjenigen, die sich hier wiedererkennen, möchte ich gerne Folgendes auf den Weg geben: Fotos gewinnen keine Awards, nur weil sie mit einem bestimmten Modell erstellt wurden. Und bei aller Faszination für Technik: Kameras an sich sind bis dato passiv und können somit auch keine Wettbewerbe gewinnen. Preisgekrönte Kameras existieren nur in den Sprüchen der Werber und Marketingprofis, für Fotografen sind sie irrelevant.

 

Das Motiv ist das ZielIm Gegensatz dazu widmet der motivinteressierte Typ seine Aufmerksamkeit in erster Linie der Bildaussage und dem Motiv an sich. Egal, welche Vorliebe jemand besitzt, ob Menschen, Architektur, Mode, Tiere, Landschaften oder Gegenstände: Das Motiv ist das Ziel. Technische Aspekte bei Kameramodellen, vor allem, wenn es sich um pseudo-statusbezogene Sichtweisen handelt, spielen höchstens die Nebenrolle. Für einen Fotografen stellt eine Kamera in erster Linie ein Werkzeug dar, welches den eigenen, individuellen Ansprüchen genügen muss. Dabei ist es eher wichtig, wie sie sich anfühlt, wie gut sie in der Hand liegt, ob sie sich schnell und einfach bedienen lässt, ob sie rein technisch die Aspekte erfüllt, die man zur individuellen Bildgestaltung benötigt. Das Alter, das Model und erst recht die Marke sind absolut nebensächlich. Ob analog oder digital, ob Spiegelreflex oder Fachkamera - bei allen gilt: Die Art der Kamera hängt vom Verwendungszweck und dem gestalterischen Ziel ab, nicht umgekehrt. Die Anforderung bestimmt das Werkzeug.

 

Wer Action fotografiert, benötigt am wenigsten eine Fachkamera, und wer sich hauptsächlich mit Reportagen beschäftigt, wird sich wohl eher für eine robuste, aber handliche Kamera entscheiden. Technisch gesehen oft nur ein kleiner Unterschied, gefühlt aber eine Welt.

 

Einen guten Fotografen erkennt man nicht daran, dass er eine wandelnde Schaufensterauslage ist. Meist ist es besser, man nimmt ihn gar nicht wahr.


Der Autor

zeegaro, Jahrgang 1980, absolvierte eine klassische Ausbildung zum Fotografen, gefolgt von einer Ausbildung zum Eventmanager. Er assistierte namhaften Mode- und Werbefotografen und leitete ein renommiertes Mietstudio für Film- und Fotoaufnahmen in operativer Administration. Seit 2006 ist er als freischaffender Fotograf und Fotodesigner schwerpunktmäßig in den Bereichen Kultur, Wirtschaft und Gastronomie tätig, wobei er unter anderen Sir Peter Jonas, Henning Wehland, Patricia Petibon und Deichkind für Magazine und Verlage fotografierte. Neben People- und Porträtaufnahmen gehören Stillleben-Kompositionen und Unternehmenskommunikation zu seinen Kompetenzen und Leidenschaften. Sein erweiterter Kundenstamm besteht aus Soft- und Hardware-Firmen, Caterern, Handwerksbetrieben und Künstlern.