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Bilder wieder greifbar machen

04. April 2011, von  Martina Gabric und Susanne Kuhnert
"Der Greif" ist einmalig hierzulande. In limitierter Auflage präsentiert das Magazin Fotografien und Texte von Künstlern aus ganz Europa. Im Interview erzählen die Redakteure Matthias Lohscheidt und Leon Kirchlechner, welche Philosophie hinter ihrem Projekt steckt.
Markenzeichen Sonnenbrille - Titelbilder von "Der Greif".

Für alle, die ihn nicht kennen - was ist "Der Greif"? 

 

Leon: Ganz generell ist "Der Greif" ein Fotomagazin. Das Besondere daran: Es ist werbefrei und wird nur durch Sponsoren finanziert. Und jeder kann mitmachen. Es wird kein Thema vorgegeben, das Thema generiert sich durch die eingeschickten Fotos. 

 

Matthias: Eine dritte Besonderheit ist, dass es kein Portfolio-Magazin ist. Das heißt, wir stellen nicht den Platz für einen bestimmten Künstler, dessen Fotos wir dann Seite für Seite präsentieren. Es werden Bilder und Texte meist auf Doppelseiten zu einem Gesamtkunstwerk kombiniert. Das ist auch ein Punkt, weswegen das Magazin werbefrei ist. Uns ist wichtig, dass die Wirkung der Bilder nicht durch Anzeigen gestört wird. Deshalb brauchen wir Sponsoren, die uns den Druck finanzieren.  

 

Also ist der Grund dafür, dass ihr keine Werbung im Magazin habt, rein ästhetisch und nicht ideell? 

 

Leon: Es hat mit der Ästhetik zu tun, aber natürlich hat es dann auch in gewisser Weise eine Botschaft. Es ist ein Beispiel dafür, wie ein Magazin aussehen kann. Und es kann auch ein Beispiel dafür sein, wie sich die Wirkung eines Magazins entfalten kann, wenn sie nicht durch Werbung gestört wird. 

 

Matthias: Dabei ist wahrscheinlich auch zu bedenken, wieso "Der Greif" überhaupt entstanden ist. Wir sind in der heutigen Zeit einer riesigen Reizüberflutung ausgesetzt - das einzelne Bild kann oftmals gar nicht mehr wirken. Und was es im Internet eigentlich nie gibt, ist Zeit. Daher kam die Idee, Bilder in Printform wieder greifbar zu machen, deswegen "Der Greif". Und wo ist die Reizüberflutung am stärksten? Bei Werbung, deswegen lassen wir die weg.

 

Habt ihr Angst, dass "Der Greif" einmal an der wachsenden Digitalisierung scheitern wird? 

 

Matthias: Ich glaube, dass "Der Greif" davon profitiert, dass immer mehr Sachen in dieses Cleane und Glatte abrutschen und so flüchtig werden. Die Nachfrage nach dem Haptischen steigt. Es ist absichtlich großformatig mit rauem Papier und nicht Hochglanz. Es wurde bewusst auf solche Sachen geachtet, weil wir das Bedürfnis nach dieser Haptik auch selbst hatten. 

 

Die aktuelle AusgabeWie ist die Entwicklung der Verkaufszahlen und Verkaufspunkte? 

 

Matthias: Es zieht auf jeden Fall an, und wenn eine neue Ausgabe herauskommt, verkaufen sich die alten Ausgaben wieder. Die Qualität der Bilder wird auch besser, weil die Auswahl viel größer ist. Bei der ersten Ausgabe war es ein lokales Projekt, da hatten wir etwa 300 Bilder zur Auswahl - rund 100 kommen jeweils ins Magazin. Bei der zweiten Ausgabe hatten wir 600 Einsendungen aus ganz Deutschland, und bei der dritten waren es schon 1200 aus ganz Europa. 

 

Ihr verkauft auch international? 

 

Matthias: Ja, jedes Mal, wenn einer von uns unterwegs ist, hat er den "Greif" dabei und sucht nach Läden. In Deutschland gibt es ihn in Berlin, Hamburg, Köln, München, Stuttgart und Kassel. In Polen gibt es ihn in Lodz und bald in Warschau. Außerdem in Paris, Barcelona, London und Rom. Der Vertrieb funktioniert ganz gut, aber dadurch, dass es alles kleine Läden sind, sind die Konditionen bei jedem anders.  

 

Leon: Alles beruht auf persönlichen Kontakten. Ich war beispielsweise einmal in Polen an einer Schule und habe das Magazin vorgestellt. In der dritten Ausgabe sind elf von den 50 Fotografen von dieser Schule.  

 

Wie groß ist euer Team? 

 

Leon: Wir sind sechs Leute, aber nur vier davon arbeiten intensiv am "Greif". Das Kernteam - Simon, Leon, Matti und Flo - wohnt in Augsburg und München, die anderen zwei sind in Wien und Berlin. 

 

Ihr macht das nicht hauptberuflich, oder? 

 

Matthias: Nein, wir sind Studenten, wir müssen nebenbei auch noch arbeiten.

 

Zum Inhaltlichen: Gibt es einen bestimmten Grund, dass ihr auf dem Titel immer Menschen mit Sonnenbrillen zeigt? 

 

Matthias: Nein, das ist so passiert. Es ist erst später zu einem Markenzeichen geworden, das wir jetzt versuchen beizubehalten. Bei der ersten Ausgabe gab es ein paar Bilder zur Auswahl für das Cover. Gewonnen hat das Bild von einem Freund, der in Indien seinen Taxifahrer fotografiert hatte - das war einfach ein sehr ausdrucksstarkes Bild. 

 

"Der Greif" ist nicht Themen-gebunden. 

 

Matthias: Nein, wir sehen die Bilder durch, die wir geschickt bekommen, und wählen aus. Daraus entsteht sozusagen ein Gesamtgefühl. Die regulären Ausgaben haben kein Thema, nur die Sonderausgaben.

 

Der Greif Nummer 4Was ist für euch ein gutes Bild? Und welche Bilder braucht man in einer Welt der Reizüberflutung überhaupt noch? 

 

Leon: Ein gutes Bild ist zeitlos. Es muss einen Reiz ausüben. 

 

Matthias: Natürlich muss es auch eine gewissen Komposition haben - die muss nicht einmal bewusst geschehen sein. Es geht einfach darum, wie der Blick gelenkt und im Bild gefangen wird.  

 

Läuft der Auswahlprozess bei euch das ganze Jahr über? 

 

Matthias: Ja, die landen bei uns alle in einem Ordner, und wir sehen sie immer mal wieder durch. Dadurch fallen einem manchmal Fotos erst auf den zweiten oder dritten Blick richtig auf. Das schafft wieder ein Gegengewicht zur Reizüberflutung, weil nicht nur die auffälligsten, pompösesten Bilder eine Chance haben. Es ist aber mittlerweile auch verdammt schwierig, weil wir sehr viele gute Bilder bekommen haben – wir hätten zwei Magazine machen können. 

 

Habt ihr schon einmal daran gedacht, zwei Magazine pro Jahr zu veröffentlichen? 

 

Matthias: Ja, vom Material her würde das gehen. Aber finanziell ist es noch nicht drin, wir haben einfach nicht die Zeit, genug Sponsoren für zwei Ausgaben zu finden. Bei den Sonderausgaben wie mit "Der Schmiede" steht die Finanzierung meist recht schnell, bei den regulären Ausgaben ist es schwieriger. 

 

Man soll die Fotos bei euch digital einschicken, die Bilder an sich haben aber schon oft einen analogen Look.  

 

Leon: Das liegt aber wohl auch am Papier und der Drucktechnik, das macht sehr viel aus. Man könnte aber auch sagen, dass wir in der Redaktion alle das Analog-Anmutende mögen.  

 

Matthias: Vielleicht liegt es an der Zeit, in der wir aufgewachsen sind. Wir haben zwar auch die analoge Fotografie mitbekommen, sind aber schon ziemlich "digitalated" – von daher haben wir vielleicht auch einfach ein größeres Verlangen nach rauen Sachen. Ältere Leute finden das total verrückt, dass wir mittlerweile Effekte in Foto-Programmen haben, mit denen man digital Staub auf Fotos legen kann. Damals haben Fotografen alles gegeben, damit die Bilder lupenrein sind. Wir haben das Lupenreine, Glatte jeden Tag – wir wollen es wieder schmutzig.  

 

Bekommt ihr Feedback aus der Foto-Szene? 

 

Leon: Ich kann mich nur an eine oder zwei Personen erinnern, die nicht so begeistert waren. Ansonsten waren es durchweg positive und oft auch überraschte Reaktionen.  

 

Welche Ziele verfolgt ihr mit dem Magazin, und sind Neuerungen geplant? 

 

Leon: Zuerst einmal kommen die Sonderausgaben, davon würden wir auch gerne mehr machen. Gerne würden wir auch einmal eine Ausstellung machen. Wir machen kleine Schritte. 

 

Matthias: Das erste große Ziel wäre, dass "Der Greif" sich selbst trägt, und wir mehr Zeit in das Konzept statt in die Finanzierung stecken könnten. Dann kann man sehen, was passiert.


Das Interview ist im Rahmen des "Mittwochsgesprächs" an der Akademie Deutsche POP im Fachbereich Fotografie und Film in München entstanden.